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31.03.2019, Jamal Tuschick

Alle zwei Wochen spritze ich mir Testosteron direkt ins Blut. - Jayrôme C. Robinet erlebt auf seinem „Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“ wie das ist, von der eigenen Mutter nicht erkannt zu werden.

Charismatische Geheimratsecken

Robinet kommt mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt. Er beobachtet an sich von klein auf eine ambivalente Wahrnehmung der vorgezeichneten Geschlechtsrolle. In der Pubertät gibt er sich feminin, auch um dem Vater zu gefallen und um nicht aus dem Konventionsrahmen zu kippen. Doch nicht nur deshalb. Er genießt den Flirt im Fokus männlicher Aufmerksamkeit. Der Autor macht einen Kulturvergleich zwischen Frankreich, wo er geboren wurde, und Deutschland, wo er lebt: In Frankreich ist der Flirt „eine Art Höflichkeitsform, (er) gehört zum netten sozialen Umgang, (er) ist quasi Pflicht.“

Jayrôme C. Robinet, „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“, Hanser, 210 Seiten, 20,-

Der als Mädchen und junge Frau „gelesene“ Robinet erscheint der Welt weiß und begehrenswert. Er fühlt sich zu Frauen und Männern hingezogen, jenseits der Kategorien von gleich- und gegengeschlechtlicher Anziehung. Vermutlich erleben die meisten Menschen eine Zeit der Uneindeutigkeit, bis die Würfel fallen. Ich glaube heute, dass die Ausbildung der Präferenzen davon abhängen kann, in wen man sich verliebt. Man vergisst die ursprüngliche intrinsische Variabilität in der postadoleszenten Praxis. Es ist unpraktisch, divers zu sein. Überschreitungen der Norm werden auf allen Feldern sanktioniert. Devianz nach Kräften zu vermeiden, ist normal. Fällt die Vermeidung aus, öffnet sich das Spektrum der Möglichkeiten und die Umgebung reagiert irritiert und mitunter gereizt.

Robinet schildert die Hürden auf dem Weg zur Maskulinisierung der eigenen Person. Die Diagnose Transsexualismus ist an Haltungsnoten und Ergebenheitsadressen gekoppelt. Das nicht-binäre Potential wird wie ein Reaktor nach dem GAU in einen psychiatrischen Betonmantel gegossen. Solche Diversifizierungen sind gesellschaftlicher Sprengstoff. Eine Debatte auf der von Robinet angedeuteten Differenzhöhe verschöbe die Parameter jeder Fortpflanzungsgemeinschaft.  

Robinet legt Wert auf die Feststellung, nicht „im falschen Körper geboren“ zu sein. Die Wendung ist ein Ausdruck der unbeholfenen Zurechtweisung. Sie fasst die Transition als Korrektur auf.   

Aus der weißen Frau wird eine PoC

Robinet ist in seinem Körper glücklich. Er nimmt mit Testosteron eine Geschlechtsangleichung vor (die seine Weiblichkeit nicht ausschließt) und „charismatische Geheimratsecken“ in Kauf. Fasziniert bemerkt er, dass der Übergang ihn ethnisch von der Mehrheitsblässe distanziert. Siehe Titel.

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