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13.04.2019, Jamal Tuschick

#disPlaced - #rePlaced 2 - Creating spaces and reflections between Berlin & Istanbul. Vom 11. bis 13. April 2019 findet im Berliner Radialsystem ein von İpek İpekçioğlu kuratiertes, genreübergreifendes Festivalwochenende statt, das türkeistämmige Künstler*innen vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage in ihrer Heimat präsentiert.

Dekonstruktion der türkischen Volksmusik

Santi & Tuğçe

Neue Musik meets Saz

Man ahnt ein Unglück, dem eine gute Miene aufzusetzen, sich die Heldin verpflichtet fühlt. Sie befindet sich in der Frühphase der Migration. Die Verständnislosigkeit grassiert auf den Folien des Identitätsverlustes. Die Verständnislosigkeit rauscht wie eine alte Klospülung. Alle möglichen Gebietsgewinne und Aneignungen so wie jede Form des Begreifens noch unvertrauter Verkehrsformen haben einen langen Bart. Die Fremde gleicht einer Treppe mit ausgetretenen Stufen. Auf jeder Stufe befindet man sich im Nachteil gegenüber den Vorgänger*innen.

Candaş Baş spielt eine diasporische Persönlichkeit ohne Namen. Gestern war sie noch mit Freunden am Bosporus. Heute ist sie eine Versprengte an der Spree. Sie wartet sich selbst auf: in einem Stück von Emre Okan, dessen Zentrale eine Pseudopicknickkonstellation zu Ehren der Zurückgebliebenen ist. Auf ihr Wohl trinkt die Heldin (im Exil?) Rakı. Ihnen prostet sie zu: Şerefe.

LSD gegen Erdoğan

Nichts könnte absurder sein als ein Picknick ohne Menschentraube. Der zweisprachige Titel „Trautes Heim Glück allein – Şerefe“ könnte ein Spottgedicht überschreiben. Das theatralische Ich ist weit weg von traut. Es erlebt die Entfremdung von der Mutter in fernmündlichen Trostvokabeln. Es schlägt sich sein Desaster aus dem Kopf und performt seine Kraft. Candaş Baş hat das Potential eines Kernreaktors. Selbst ihren Zehen sind Virtuosen mit solistischer Kompetenz.

Baş lässt ihre Beine taekwondoesk kreisen. Das sieht sehr schön aus.

In einer retrospektiven Auffassung erscheint Baş‘ Vortrag ideal positioniert zwischen dem osmanisch-avantgardistischen Groove des HaY//mat Ensembles, das türkische Volksmusik dekonstruiert, und der Surfmusik von Gaye Su Akyol, die gemeinsam mit Ali Güçlü Şimşek und Görkem Karabudak die schon einmal historisch gewordene psychedelische Politik eines Timothy Leary wieder auf die Agenda setzt. LSD gegen Erdoğan.

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