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14.04.2019, Jamal Tuschick

Mit Shakespeare im Dschungelcamp - Edward Wilson-Lee schildert so unterhaltsam wie informativ die überwältigende Bedeutung, die Shakespeare für die Überquerer der Zivilisationsgrenzen die längste Zeit besaß. Obwohl der Großmeister als Zeuge der Morgenröte des transatlantischen Verkehrs und der Erschließung steinzeitlicher Territorien einschlägige Überlieferungen weitgehend verweigerte. In seinem Werk reagiert Shakespeare kaum auf das überseeische Wetterleuchten des elisabethanischen Zeitalters. Britannia rule the waves wurde ohne ihn zum geflügelten Wort.

Portwein und Promiskuität

„Solange Shakespeare unsere Stücke schreibt, sind wir in unserer Gegenwart nicht angekommen.“ Heiner Müller

Eingebetteter Medieninhalt

Brach die Verbindung zur Zivilisation ab, übernahm Shakespeare die Navigation. Theodore Roosevelt sprach für die globale Oberschicht, als er die Bibel, Homer, Dante und Shakespeare für in jeder Hinsicht erschöpfend im Sinne von ausreichend erklärte. Trotzdem bereiste er Afrika mit einer umfassenderen Bibliothek in Schweinsleder gebundener Bände. Sie wog vierundzwanzig Kilo und erforderte einen eigenen Träger.

„Sie waren nicht zur Verzierung da, sondern zur Benutzung. Ich hatte fast immer einen Band bei mir.“

Edward Wilson-Lee, Shakespeare in Swahililand – Eine literarische Spurensuche“, aus dem Englischen von Sebastian Vogel, 398 Seiten, 25,-

Wilson-Lee stammt aus einer Familie von Naturschützern. Er hat ein geniales Auge für das Naheliegende, dass das Selbstverständliche in den Fokus zwingt. Kombinationen von Primitivität und Dekadenz, von Lebensgefahr und Luxus regten die Expeditionsteilnehmer der viktorianischen Ära an. Forschungsreisende des 19. Jahrhunderts glaubten an die medizinisch-vorsorgende Wirkung von Portwein und Promiskuität. Roosevelt, ganz Wildwest-Spartaner, fand sich auf seiner Safari in Kenia vom britisch-gediegenen Camp-Komfort mit Zeltvordach, Badewanne und halbwüchsigen Handreichungsvirtuosen zu verwöhnt. Vor epochal-dramatischen Panoramen wurden Grammophonplatten abgespielt.

Zu Shakespeares Zeiten war Odysseus‘ zehnjährige Irrfahrt das Maß aller maritimer Verwegenheit und das Mittelmeer das Welthandelszentrum. Seine Zeitgenossen glaubten, dass sich im Nilschlamm Spontanzeugungen vollzögen. Für sie war Afrika noch mythisch als Schauplatz europäischer Albträume. Ein paar hundert Jahre später mussten sich die Gentlemen beeilen, um in den Genuss fürwahr unberührter Natur zu kommen. Da entstand, und das könnte weiterführend sein, eine feinkörnige Projektion. Emanationen der Poesie und der Barbarei lagen wie auf einem Tablett. Sie wohnten einander bei. Von Shakespeares Dramen tropfte Gewehröl und Trophäenblut. Ein fast vergessener, jedenfalls jetzt unbrauchbar Aneignungsimpetus bringt Wilson-Lee dem Leser wieder in Erinnerung. Es könnte einen westlichen Animismus gegeben haben, geboren aus dem Wunsch, sich die alte Welt, die man in den neuen Welten entdeckte, einzuverleiben. Freud praktizierte (in einer Zentrale westlicher Modernität) in einem Zimmer voller altägyptischer Kleinode. Auch er hielt sich im Seelendschungel an Shakespeare.  

Wilson-Lee legt die Deutung nah, Shakespeare sei den Reisenden so unentbehrlich gewesen wie „jedes Kartografenhandbuch“. Vielleicht erschloss sich ihnen eine Dimension, die den Zurückgebliebenen verborgen blieb. Shakespeares Dramen waren/sind Wegweiser in den Innenraum – Äxte für das gefrorene Meer in uns. Mit der Abschrift von Versen kamen Reisende dem Wunsch Indigener nach, ihnen mit einem Talisman auf die Sprünge zu helfen. Schon schrieben sie:

„Ein Scharlatan verkaufte mir ein Mittel,

So tödlich, taucht man nur ein Messer drein,

Wo‘s Blut zieht, kann kein noch so köstlich Pflaster,

Von allen Kräutern unterm Mond mit Kraft

Gesegnet ...“

In Afrika konnte ein Weißer mit Ungeheuerlichkeiten durchkommen. Wilson-Lee erwähnt Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, eine verbürgte Geschichte, die klarmacht, wohin Macht ohne Moral führt. Die Chance, sich weit über die im Zivilisationsrahmen vorgesehenen Verhältnisse zu erheben, war gleichbedeutend mit dem Risiko, im Verderben zu erliegen. Shakespeare half, das zu begreifen.

Noch eine schöne Beobachtung: „Die Nomaden aus dem Hochland“ (Massai) sehen aus wie „karierte Giacomettis“.

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