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15.04.2019, Jamal Tuschick

In seinem neuen Roman „Jetzt seid ihr frei“ macht Mich Vraa einen Mann zum Helden, der im Revolutionsjahr 1848 die Sklaverei im Herrschaftsgebiet der dänischen Krone eigenmächtig abschaffte.

Maßvoll im Grandiosen

Eingebetteter Medieninhalt

Bis ins 19. Jahrhundert ist die Ananas in Nordeuropa so exotisch, dass sie zum heraldischen Motiv taugt und in Familienwappen verzeichnet wird. Peter von Scholten, das Prädikat hebt den Namen noch nicht allzu lang, kommt zum ersten Mal im Amtssitz des Generalgouverneurs von Dänisch-Westindien in den Fruchtgenuss. Der Gewaltige residiert in Charlotte Amalie auf St. Thomas. Die Stadt ehrt in ihrem Namen Charlotte Amalie von Hessen-Kassel (1650 - 1714), eine kurhessische Prinzessin, die im Heiratswege zur dänisch-norwegischen Königin wurde. 1665 hatten sich auf der Insel die ersten Dänen festgesetzt. Einig werden mussten sie sich lediglich mit versprengten und zu kurz gekommenen Holländern, die nichts gegen die liberale, Religionsfreiheit gewährende Verstärkung hatten. Die skandinavische Toleranz sorgte dafür, dass man das dänische Kolonialwesen freundlicher fand als andere Regime. Obwohl die Geschichte von dänischen Despoten auf dem Gouverneursstuhl weiß.

Mich Vraa, „Jetzt seid ihr frei“, Roman, aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg, Hoffmann und Campe, 493 Seiten, 24,-

Scholten ist der Held in Mich Vraas Endzeitroman. Zu Ende geht die Epoche der dänischen Beteiligung am Menschenhandel. Die dem Diktat des Eigensinns gehorchende Ächtung der Sklaverei wurde von vielen abgelehnt und erschien manchen nicht rigoros genug. Allgemein waren die Administratoren des Wandels nicht unbedingt Abolitionisten. Sie vollstreckten regelmäßig einen mächtigen Willen und gerieten im Zuge von Amtshandlungen zwischen Fronten. Wann immer die Schwächsten fürstliche Fürsprache erfuhren, rührte sich der Widerstand des fleisch- und im Spießbürger typisch gewordenen Ressentiments.

Es gab ihn wirklich: jenen Peter Carl Frederik oder Friedrich von Scholten (1784 - 1854), der als Fähnrich im Gefolge des Gouverneurs die Karibik kennenlernte und sich da auf große Aufgaben vorbereitete. Berühmt machte ihn eine Entscheidung, die seinen König zwang, den Anweisungen eines Subalternen zu entsprechen.

Der Stellvertreter des dänischen Königs ist Peters Vater. Der Sohn kennt Casimir Wilhelm von Scholten (1752–1810) nicht gut; von elterlicher Fürsorge ausgeschlossen, wurde er zum Offizier in einer Kadettenanstalt erzogen. Er weiß noch nichts von seinem Ehrgeiz und fühlt nur Sorglosigkeit, als er dem Kommando seines Vaters unterstellt wird. Bereits 1808 gerät der junge Scholten in englische Kriegsgefangenschaft und begegnet da Hans Birch Dahlerup, einem zukünftigen Admiral, der sich in seinen Aufzeichnungen an Scholten erinnert. Dahlerup schildert einen scharfsinnigen Mann, maßvoll im Grandiosen, jederzeit anspruchsvoll und zugleich bereit, auf alles zu verzichten, sollten es die Umstände verlangen. Scholten selbst erlebt sich als Träumer, dem Militärischen kaum zugetan.

Vraa montiert Psychologisches und Historisches zu einer Collage aus Verlautbarungen, Briefen, Tagebucheinträgen, Anwaltsschreiben und sonstigen Einlassungen. Schon in seinem letzten Roman, „Die Hoffnung“, ließ er das Personal in Varianten der Verschriftlichung (vom Brief, der nie abgeschickt wurde, bis zum Logbucheintrag) zu Wort kommen. Er setzt ein Bild aus lauter Schnappschüssen zusammen. Es zeigt Menschen, die außerhalb ihres Kulturkreises die Form zu wahren versuchen. Dicht an tausend Möglichkeiten zu entgleisen und in Freudenhäusern der Entgrenzung heimisch zu werden, bemühen sie sich um eine anti-karibische Konventionalität.  

Doch werden ihren Leidenschaften tropische Tore geöffnet, die kein zurückgebliebener Landsmann je hinter sich ins Schloss fallen hörte. Die Farben des großen Abenteuers/Verbrechens Kolonialismus grundieren den Roman. Scholten erfüllt Gebote des Lebens, indem er im Todesjahr des Vaters heiratet und so dem Kommen und Gehen auf Erden Vorschub leistet. Er zeugt drei Töchter mit Anne Elisabeth, geborene Thortsen. Sie verlässt ihn beizeiten.

Scholten tritt in die Fußstapfen des Vaters. Als Generalgouverneur schaltet er ab 1827 in Christiansted auf Sankt Croix. Er lebt mit der PoC Anna Elizabeth Heegaard zusammen. Er verbessert die Rechtslage der Sklaven so wie der freien Schwarzen. Die Reformen erlauben es Unfreien Eigentum zu erwerben und zu vererben. 1848 schafft er eigenmächtig die Sklaverei ab. Er kommt so einem Aufstand zuvor, der im Revolutionsjahr Achtundvierzig weltweit in der Luft liegt.

Soziale Kompetenz versus Stehvermögen

Der Roman lässt offen, ob Scholten diplomatisches Genie beweist, indem er die Aufstandsbereitschaft der Ausgebeuteten herunterreguliert oder ob sein Durchsetzungsvermögen zu gering ist. Er war der Günstling eines Königs, der nicht mehr lebt.

Der regierende König legalisiert Scholtens Alleingang per Dekret. Die vor den Kopf gestoßenen Plantagenbesitzer müssen den Stellvertreter der Krone nicht länger ertragen. Scholten demissioniert in die erste Heimat und sieht sich bald in einen Streit gezogen, der ihn, den von einem König Verwöhnten, um alles zu bringen droht. Schließlich scheint allen seine Ehre wiederhergestellt, nur ihm nicht.

1852 schreibt er:

„Wenn ich heute durch Kopenhagens Straßen gehe, habe ich häufig das Gefühl, dass einige Bürger mich sehen und denken: Da geht der Verräter Scholten, der das Gold unserer westindischen Kolonien verspielt hat.“

Vraa kettet den aus Scholtens Lebenslauf geschmiedeten biografischen Anker an die Schonerbrigg „Hoffnung“, die dem vorangegangenen Roman den Titel gibt. Auf der Brigg leidet die Heldin der „Hoffnung“ weiter. Maria Frederiksen ist die Tochter einer Karibin und eines Dänen. Sie bemerkt:

„In Westindien leben und sterben einige der verzweifeltsten Seelen der Welt unter der brennenden Sonne – Seite an Seite mit den wohlhabensten Menschen. Hier gibt es nur extreme, ungeheuerliche Gegensätze.“

Der hohe Status ihres Vaters schützte Maria kaum vor Rassismus. Die Tochter eines Reeders reiste 1803 halbwegs als Gefangene auf der „Hoffnung“ von Kopenhagen via Calais und Christiansborg an der Küste des Golfs von Guinea nach Dansk Vestindien. Unterworfen war sie Kapitän Wilfred Bernt, der Afrikaner in die Karibik verschleppte. Für Bernt war Maria nur ein „Mulattenmädchen“. Die Anführungszeichen sind von mir. Leider verwendet Vraa weiter das abwertende Herrschaftsvokabular. Er habe mit seiner Wortwahl die Epoche des Romangeschehens heraufbeschwören wollen: die Behauptung ist dem Nachwort zu „Hoffnung“ entnommen.

Ich glaube das immer noch nicht. Meiner Meinung nach vergnügt sich Vraa damit, an den Grenzen zum offenen Rassismus entlang zu segeln. Mich erinnert seine Manier an eine als Ethnologie getarnte, im Foliantenformat auf wertvoll getrimmte Schmökerpornografie.

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