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17.04.2019, Jamal Tuschick

„Stumme Schwäne“ ist ein Schlüsselroman, geschrieben mit den bürgerlichsten Absichten des 18. und 19. Jahrhunderts: als Literatur im Feuer der Aufklärung die Emanzipation anheizte, indem sie feudalen Herrschern einen ätzenden Spiegel vorhielt.

Hoffnung als Pflicht

Ece Temelkuran

„Keine Demokratie ist immun gegen Totalitarismus.“

„Stumme Schwäne“ ist ein Schlüsselroman, geschrieben mit den bürgerlichsten Absichten des 18. und 19. Jahrhunderts: als Literatur im Feuer der Aufklärung die Emanzipation anheizte, indem sie feudalen Herrschern einen ätzenden Spiegel vorhielt. Oft wurden die Angriffe mit mythischen Stoffen verkleidet. Man erzählte um drei Ecken, stieg auf den Olymp und griff in den Götterhimmel, um sich vor der Zensur in Sicherheit zu bringen. Die Durchlässigkeit der Verblendungen bewies den Grad der Freiheit. Der Grad hing schlicht davon ab, wie fest ein Fürst im Sattel saß. Nach dieser Logik saß Erdoğan verdammt fest, als Temelkuran 2015 den Roman im Exil vorlegte. Der Titel spielt auf gefiederte Platzhirsche in einem Parkteich von Ankara an, die nach einer Suggestion der Autorin als lebende Denkmäler einer versöhnten Türkei wahrgenommen werden.

Ece Temelkuran, „Stumme Schwäne“, Roman, Hoffmann und Campe, 384 Seiten, 22,-

Temelkuran nimmt die von politischen Unruhen erschütterte Türkei um 1980 zur Vorlage. Es gab einen Putsch und einen Sturz. Es putschte die stärkste Kraft im Staat, Atatürks Stellvertreter auf Erden, so unangefochten wie der Papst in der katholischen Welt. Das Militär trennte Ministerpräsident Süleyman Demirel nach Schema F von der Macht. Generalstabschefs Kenan Evren übernahm, verhängte das Kriegsrecht und versprach die Wiederherstellung der nationalen Einheit. Das hatte etwas Rituelles. Die türkische Anfälligkeit für autoritäre Lösungen äußert sich in einem institutionellen Misstrauen gegenüber demokratischen Strukturen.

Temelkuran warnte zuletzt in der Berliner Volksbühne die Europäer:

„Keine Demokratie ist immun gegen Totalitarismus.“

Glanz und Elend liegen im Roman auf einer Blickachse. Die Ärmsten in den Baracken eines Gecekondu haben den Präsidentenpalast direkt vor Augen. Sie beklagen ihre Lage in Scherzen. Sie jonglieren mit Bällen der Schwermut. Sie beweisen sich als Erben einer Kultur, deren mesopotamischer Sockel ein Werk babylonischer Baumeister ist.

Demirels Entmachtung war ein verkappter Bürgerkrieg zwischen Linken und Rechten (mit mehr als fünftausend Toten) vorangegangen. In der Wahrnehmung des Romanpersonals kommt die Gewalt grundsätzlich von rechts; so wie die Linke in all ihren Auffaltungen stets unterliegt. Das Militär, als starker Arm der Rechten, fegt nach jedem Putsch erstmal zigtausend Dissidenten in die Gefängnisse.

Darum geht es im Roman. Die linke Ohnmacht trifft auf eine rabiate Ablehnung, die im Staat verankert ist und in jedem Fall Staatlichkeit für sich beansprucht.

Ece Temelkuran, geboren 1973 in Izmir, ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Aufgrund ihrer oppositionellen Haltung und Kritik an der Regierungspartei verlor sie ihre Stelle bei einer der großen türkischen Tageszeitungen. Ihr Roman Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann wurde in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt und erschien 2014 im Atlantik Verlag. Bei Hoffmann und Campe erschien zuletzt Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst (2015) und der Roman Stumme Schwäne (2017).

Temelkuran sagte der Welt in Abwandlung einer Zeile von Nâzım Hikmet Es geht nicht darum gefangen zu sein, sondern darum, dass man sich nicht ergibt – Bei der Frage nach der demokratischen Potenz gegen Erdoğan geht es nicht um Optimismus, „sondern um die Entschlossenheit zur Hoffnung“. Es entspräche einer „ethischen Pflicht, auf der Seite der Hoffnung“ zu bleiben.   

Zuckungen eines erregten Volkskörpers

In den stummen „Schwänen“ kommen Kinder zu Wort, die kaum begreifen, was geschieht. Ihre Weltauffassung gilt. Vergeblich suchen sie Halt in den Erklärungen gleichfalls überforderter Erwachsener. Aus dem Küchenfenster beobachtet Ayşe Straßenkampfszenen und soll dabei doch nur Männer sehen, „die Fangen spielen“. Die Verharmlosungen verlieren ihre beruhigenden Wirkungen, als Ali, der Sohn der antifaschistischen Putzfrau ihrer Eltern, Ayşe mit dem Text seiner Eltern bekannt macht. Der Achtjährige verliert sein Obdach an einen Brand, der gelegt wurde. Seine Eltern erinnern sich und informieren ihn an/über den Militärputsch von 1971 – das Memorandum vom 12. März. Es war die vierte Intervention der „Verfassungshüterin Armee“.

Ali fordert Ayşe auf, sich der außerparlamentarischen Opposition anzuschließen. Sogar die Schwäne erheben sich und verstärken mit ihren Ausflügen die Regierungskrise. Ayşe und Ali erkennen eine Aufgabe im Schutz der Schwäne vor gewaltsamen Reglementierungen ihrer Flugbereitschaft.   

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