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19.04.2019, Jamal Tuschick

Was ist revolutionär an der Neuen Rechten? - Volker Weiß und Thorsten Mense unterhielten sich im Rahmen der Reihe „Schlaglichter - Positionen und Debatten zur Gegenwart“ im Berliner „Ausland“ über die Berührungspunkte zwischen der bürgerlichen Mitte und den (vorgeblich) rechten Rebellen.

Intransigente Geste

Von rechts: Volker Weiß, Thorsten Mense

Nach Angaben des Verlegers hat Götz Kubitscheks Periodikum „Sezession“ eine Auflage von dreitausend verkauften Exemplaren. Folgt man den Überlegungen des Historikers Volker Weiß, dann ist die geringe Reichweite ein Ausweis der Exklusivität, die von Kubitschek und den Streitern der Neuen Rechten gegen ein Masseninteresse verteidigt wird.

Man geriere sich elitär im Geist von Armin Mohler, Carl Schmitt und Ernst Jünger. Entscheidend sei die Attitüde des Vordenkens. Weiß weist seit Jahren nach, wie abgegriffen die Elemente jenes Nationalkonservatismus sind, in dem sich der autoritäre Staat als völkische Gemeinschaft im Schulterschluss von bürgerlicher Mitte und rechter Radikalität vollendet. Die einschlägigen Begriffe kursieren in Mohlers Nachkriegszusammenfassungen. Der Schweizer betrachtete die Bundesrepublik als „Gouvernanten-Demokratie“. Er erwartete eine Katharsis von rechts als „Alternative für Deutschland“.

Dem wurde intellektuell nichts hinzugefügt. Das ergraute Vokabular erfährt in der aktuellen Anwendung keine Aufladungen. Die Neue Rechte ist da leer, wo ihre Spindoktoren linke und nationalkonservative Revolutionsfolklore imitieren und im Zuge der Grenzverschiebungen des Sagbaren rhetorische Dämme schleifen. Die Neue Rechte ist da randvoll, wo der bürgerliche Mainstreamdiskurs in ihr aufgeht.

„Rechts ist da, wo die Mitte ist.“

Weiß geht so weit zu behaupten, dass sich in der bürgerlichen Mitte alles tummelt, was Rechtsaußen nur kostümiert auftreten kann. Insofern wären die geistigen Koalitionen zwischen Mitte und AfD allenfalls ein Mittelfeldphänomen mit Coverversionscharakter.

„Die AfD ist eine Sammelbewegung unter völkischer Direktive.“

Weiß sprach das „destruktive Potential des Bürgertums“ an, das lange vor allem um „die Resozialisierung der Nazi-Faschisten in der BRD bemüht war“.

Max Czollek beschrieb diesen Vorgang als „die größte Integrationsleistung“ der Deutschen.

Zurück zu Kubitschek. Er und sein Kreis, so sagte es Weiß, sei in Jahrzehnten nicht aus der Laufbahn einer Selbstumkreisung herausgekommen und habe ohne jede Avantgardefunktion ein Biotop bewässert. Erst mit Thilo Sarrazin konnte nach außen navigiert werden und die Neue Rechte um Kubitschek als ein über die Mitte erhabener Kreis etabliert werden. Dem Sozialdemokraten Sarrazin verdanke sich das paranoide Gedankengebäude, in das die Neue Rechte nur noch einziehen musste. Also auch hier wieder eine Leistung der Mitte, die für ihr rechtes Begehren keine Radikalitätsdarsteller*innen braucht.

Das rechte Rebellentum speist sich auch aus linken Renegaten, siehe Bernd Rabehl. Weiß zählte einige „Konsensstörer“ auf, denen es im Verein mit Kubitschek darauf ankäme, „niemals Mainstream sein zu wollen“. Weiß erfasste diese Haltung als intransigente Geste.

Thorsten Mense ergänzte Weiß‘ Zusammenfassung mit deutlichen Verweisen auf die Theatralik und den Inszenierungsimpetus der Neuen Rechten, die allein „vom Wunsch nach Konformität“ angetrieben würde. „In ihrem Protest (fordere) sie mehr Autorität, mehr Tradition, mehr Konvention und mehr Ungleichheit.“   

Weiß fand dann auch noch eine Gelegenheit, die Neue Rechte als städtische Kraft historisch auf die Reihe zu bringen. Der Faschismus des 20. Jahrhunderts war ein Produkt der Anstrengungen, „mit den Anforderungen der Moderne Schritt halten zu können“. Er wurde in den 1920er Jahren von Ernst Jünger als „ein Kampf mit allen Mitteln gegen den augenblicklichen Bestand“ begriffen. Die Jünger-Kohorte habe Tabula rasa machen wollen in unbedingter und „antimaterialistisch grundierter Annahme der Moderne“.

„Der Faschismus war eine Überbietungsgeste.“

Das alles gäbe es nun als Kostümfest. Fazit: Nicht die Neue Rechte wird zum Problem der Demokraten, sondern die von rechts angesaugte und rechte Inhalte verkörpernde Mitte.

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