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19.04.2019, Jamal Tuschick

Nachrichten aus dem Bauch der alten SPD - Sollte es so sein, dass wir uns stets dieselben vier Geschichten erzählen? Davide Enia behauptete das gestern Abend im Italienischen Kulturinstitut. Zwei Stunden unter Italienern und mein Wunsch, alles stehen und liegen zu lassen und gleich wieder abzufliegen, wächst sich zu etwas Forderndem aus.

Verabredung an der Bruchstelle

Dienstag, 8. Februar [1876] — Nach den Wortbeiträgen über das Papsttum, die Gedankenlosigkeit deutscher Philosophen, die impulsiven Aktionen von Irrenärzten, die Ursachen der Syphilis ist das letzte Wort des Dinergesprächs bei Brébant das folgende: „Die Filzlaus ist also vom Schöpfer entschieden weniger gut ausgerüstet als die Laus?“

Nie spüre ich meine Einsamkeit, die Vereinsamung meines Herzens mehr als im Umgang mit herzlichen Bekannten und im Kreis meiner Freunde.

Aus dem Tagebuch der Brüder Goncourt

Sollte es so sein, dass wir uns stets dieselben vier Geschichten erzählen? Davide Enia behauptete das gestern Abend im Italienischen Kulturinstitut. Zwei Stunden unter Italienern und mein Wunsch, alles stehen und liegen zu lassen und gleich wieder abzufliegen, wächst sich zu etwas Forderndem aus. Enias Aufzählung beginnt mit der Geschichte von einer in Brand geschossenen Burg, die in einer narrativen Auffaltung von der Not in einer belagerten Stadt handelt. Belagerer setzen Mineure ein. Unterminieren ist eine bellizistische Kategorie.

Die Römer untergruben Festungsmauern. Man beschoss die gestapelten Quader mit Katapultprojektilen, um Eindruck zu schinden und Löcher in die Deckung zu hauen. Aber die größeren Erwartungen richteten sich auf die Eigengewichtsdynamik des Materials. Bezogen auf den menschlichen Körper sagen Spezialisten: Der Kontaktpunkt ist die Bruchstelle. Das heißt, man muss zwischen sich und den Feind so viele Potemkin‘sche Prothesen setzen, dass er eine Gelenkattrappe nach der anderen wütend ins Gras schmeißt. Ist man erst einmal ergriffen, wird das Weitere zur Glückssache und unterliegt der Geschicklichkeit.  

Der Feind muss unter seiner Masse leiden und sich selbst aufgeben ebenso wie eine untergrabene Mauer sich selbst zu einer Bresche aufreißt.

Die glückliche Heimkehr kehrt wieder als drittes Motiv der ewigen Storys. Sie beendet eine Odyssee, doch sind die Besten auf See geblieben. Der Preis des Überlebens ist ein Unbehagen in der Zivilisation. Vielleicht erscheint in einem Denken über Epochen hinaus die Zivilisation selbst als Übel. Im Kontext dieser Abwehr wirken die Zurückgebliebenen wie Latrinenträumer. Sie versagen als Gastgeber und Festredner vor den Glorreichen.

Wer zuhause bleibt, kann nicht glorreich sein.   

Die Glorreichen bedauern einander, weil sie noch leben.

Hat man den Schatz geborgen, ist er nichts mehr wert. Im Sieg steckt die größte Mühe. Anders gesagt. Man siegt nie für sich, sondern für die aufrückende Generation.

Ein Gott, der stirbt und wiederaufersteht, wäre nach Enia die vierte Großgeschichte, die sich die Menschheit von jeher erzählt. Schon 1982 schilderte Simone Schilling Mexiko als „ein Land auf dem Weg zur Hölle … im Inferno der spätkapitalistischen Gegenwart“.  

„Da siehst du, wie die Klassengesellschaft brutalisiert.“

Die wohngemeinschaftlich sozialisierte, früh radikalisierte Simone beherrschte zwar das Kadervokabular, sie konnte massiv aktivistisch reden, hatte sich aber innerlich vom Linksradikalismus losgesagt und entfaltete sich als Pomeranze in der Ländlichkeit meiner Herkunftszone. Wir hatten uns vor Simones Mexikoreise getrennt, Simone war in die Stille der Villa zurückgekehrt, die ihre Mutter einst (von Berlin kommend) an einem Kasseler Rand bezogen hatte, um sich umgehend aus dem Staub zu machen. Ihr Familienleben führte sie mit einer Kollegin. Margot Schilling war Professorin für Stadtplanung an der Gesamthochschule, eine Galionsfigur des linken SPD-Flügels und keineswegs die größte Hedonistin weit und breit.

Sie bot Simone, die bereits mit elf komplett selbständig war, einen unbeschwerten Raum, zu kiffen, zu kochen, auf einer Westernterrasse mit Ferdinands Kuhstall vor der Nase gezuckerte Nudeln aus dem Topf zu angeln oder vor der Flimmerkiste im hundert Quadratmeter großen Wohnzimmer zu popeln und verträumte Nummern zu schieben. Als Nutznießer dieses Programms hatte ich es genau kennengelernt. Zweifellos wollte Simone in einer anderen Besetzung fortfahren, ihr von Dung geschwängertes Glück im Winkel zu genießen. Am Spielfeldsaum lief sich Peter Althoff warm, einer unserer künftigen Ingenieure aus der Sicht von Zweiundachtzig. Er war gestern (am 17.04. 2019) auch bei den Italienern. Das Institut steht beinah im Tiergarten.

„Berlin, das ist die Welt im deutschen Reagenzglas.“ Helmut Kuhn

Peter erzählte von einem Schlag aus dem Nichts, der ihn unter den Rankenbögen des S-Bahn-Artdécos am Kottbusser Tor außer Gefecht gesetzt und ins Krankenhaus befördert hatte. Er war noch nicht lange wieder auf den Beinen. Er versuchte einen Schwank aus dem Überfall zu machen. Enia erlöste mich mit seiner Theorie von den vier Großgeschichten, die alle Stoffe dieser Welt bergen.

Kontaktpunkt gleich Bruchstelle

Erst auf dem Heimweg kam ich dazu, die Attacke zu analysieren. Natürlich besitzt Peter keine geistige Vorhaltung, das hatte sich schon gezeigt, als Simone ihn in ihr Spiel zog. Wie eine Millionendiebin kroch die Nacht über die Hauptstadtdächer. Auf dem Tempelhofer Feld machte sie es sich bequem. Sie legte ihr Spinnenkleid ab und öffnete den Schalter für die Träume. Sie streute die Mythen der Menschheit in den Schlaf der Epochen. Das ist für sie von jeher keine große Sache. Die Nacht bleibt Ministerin der Mysterien, solange die Erde sich dreht.

„Mythen sind geronnene kollektive Erfahrungen“, sagt Heiner Müller. Er beruft sich auf Ovid, der in seinen „Metamorphosen“ die Weltentstehung nach antikem Verständnis beschreibt. In dieser Auffassung transformiert sich das Göttliche im Organischen. Götter beseelen Pflanzen, ihr Atem verwandelt jeden Hain in einen Tempel.

Empfinde ich so, wenn ich an der nordöstlichen Stadtgrenze von Berlin die Natur suche? Allmählich nähere ich mich der Gegenwart dieser Geschichte. Gewiss haben Sie längst bemerkt, dass meine Vergangenheit mich wenig interessiert.

Das Tempelhofer Feld glühte von tausend heruntergebrannten Lagerfeuern. Jemand spielte Gitarre, so dass ich mich erinnert fühlte.

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