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24.04.2019, Jamal Tuschick

Friedemann Karig reizt in seinem literarischen Debüt „Dschungel“ die Chancen der erinnerten Höhenangst aus, deren Überwindung zu keiner Befreiung führte.

Glutzeit

Eingebetteter Medieninhalt

Sie sind Freunde und Rivalen nach den Regeln einer Kindheitskameradschaft. Sie begann mit einem Schlag und erfüllt sich fortlaufend in Mutproben. Felix liebt es, sich zu messen und zu beweisen. Nicht immer verhehlt er seine Überlegenheit. In der Gegenwart seines Vaters, eines protzenden Anwalts, der so aussieht, „wie ein leichtfertig gegebenes Versprechen“, bezeichnet er den Erzähler „als krassen Schisser“, ohne Widerspruch zu ernten. Felix spiegelt sich in dem anderen und ist zugleich blind für seinen Eckermann. Er hat zwei Schatten. Ein Schatten bewundert ihn.

Friedemann Karig, „Dschungel“, Roman, Ullstein, 382 Seiten, 22,-

Der Erzähler verflucht seine Angst auf dem Grat über einer senkrecht abfallenden Felswand kurz vor Afrika.

„Unter uns Klippen, scharf wie aufgeklappte Messer, und Wellen, hart wie Beton.“

Karig reizt in seinem literarischen Debüt die Chancen der erinnerten Höhenangst aus, deren Überwindung zu keiner Befreiung führte. Die Höhenangst paart sich mit gemeisterter Flugangst zu einem Höllenaggregat im Hinterkopf. Der Erzähler hört nicht auf, sich auf allen Vieren jener Abgrundkante zu nähern, die Felix wie eine Sprungbrettkante bespielt. Ein mächtiger Sog zieht ihn in die Tiefe. Felix zwingt ihn, eine äußerste Grenze so demütig wie hinfällig zu überschreiten. Er gewinnt nichts, noch nicht einmal eine Einsicht in den Verlust aus der Preisgabe seiner Beschränkungen.   

Trotzdem schlägt er sich auf die Siegerseite, wenn er schreibt:

„Wir glühen. Wir können alles. Wir sind fünfzehn.“

Der Plural schließt ihn aus. Manchmal weist ihn seine Freundin darauf hin. Lea begegnete ihm in der Glutzeit. Ihr Charakter offenbart sich in der Liebe, die sie mit dem Schwächeren verbindet. Sie glaubt, dass Felix gern so wäre wie ihr Geliebter; in der Perspektive des Erzählers ist das die abwegigste Vorstellung. Doch sogar Lea gelingt es nicht, ihn davon abzuhalten, dem in Kambodscha verschollenen Felix hinterherzufliegen, um sich in Asien „wie ein Hummer (zu fühlen), der mit zugebundenen Scheren langsam gekocht wird.“

Wir blicken der Welt nur einmal ins Auge, in unserer Kindheit. Der Rest ist Erinnerung.

Karig machte diesen Ausblick von Louise Glück zum Motto des Romans. Sein Held lebt mit der Idee, dass alle Erwachsenen einen Fünfzehnjährigen beherbergen, dem gegenüber sie kaum noch Vorsprünge gewinnen können. Der Erzähler ist kein Typ für Fernreisen. Angkor Wat reizt ihn nicht. Die dreihundert Killing Fields, als Blutgärten angelegt von den Roten Khmer, sind für ihn keine lohnenden Ziele.  Er passt in kein Format der Individualreiseindustrie. Die einschlägigen Weisheiten des Hostelmagiers Luca langweilen ihn:

„Vielleicht kommt als nächstes Nigeria … Die Namen ändern sich. Die Geschichte bleibt die gleiche. Ein Paradies nach dem anderen wird heimgesucht und in einen Abenteuerspielplatz für Westler verwandelt.“

Der dem Backpacker-Milieu abholde Nachforscher findet in dem vor Weltläufigkeit strotzenden Luca wieder einen Überlegenen. Wieder folgt er jemandem auf ein Terrain, wo er nur verlieren kann. Das ist sein Muster.

Er reüssiert als Drogenkurier und erhält den ersten Anhaltspunkt für Felix‘ Aufenthaltsort – eine entlegene Insel; Refugium einer Hippiegenossenschaft. Da erinnert man sich an Felix, als an einen, den es weiterzog. Hinter der Insel liegt noch eine Insel dichter am Ende der Welt.

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