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25.04.2019, Jamal Tuschick

#ArmenianGenocide - Um armenische Jungfrauen aus dem dürftigen Trutz ihrer bedrängten Gemeinschaft zu pressen, drohten osmanische Soldaten einer Mutter, ihr Augenlicht zu löschen, und erreichten so die Selbstpreisgabe einer Tochter, die vor der Tortur und finalen Schande nur noch einmal die Mutter küssen wollte. Das erlaubte man ihr nicht. Gestern jährte sich der Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten zum 104. Mal. Das Studio R im Berliner Maxim Gorki Theater reagierte auf den grauenhaften Jahrestag mit einer Annäherung an eine cineastische Bizarrie des Genozids, die 1919 unter dem Titel „Auktion der Seelen“ weltweit in die Kinos kam. Der Film wurde dreimal in der Londoner Royal Albert Hall vorgeführt, um geldwertes Mitleid zu wecken.

Barbarische Kulturindustrie

Eine Überlebende spielt sich selbst. Weit weg von dem anatolischen Karst ihrer Herkunft, verkörpert Aurora Mardiganian in Hollywood die Hauptrolle als geschundene Schönheit in einem Drama, dem sie selbst das Drehbuch lieferte.

In einer sadistischen Spielart steckt sie in den Fängen jungtürkischer Vernichter christlicher Jungfrauen. Die Notzüchtiger handeln bestialisch. In einer perversen Polo-Abart morden sie im sportlichen Wettbewerb. Von deutschen Soldaten unterstützt und unter dem infernalischen Gelächter eines zufälligen Auditoriums, kreuzigen sie Vergewaltigte.

Natürlich spielt sich der Realismus vieler Filmszenen in engen Grenzen ab. Man mutet dem Kinopublikum nicht mehr zu, als Schaulust verträgt. Die mit den kapitalistischen Gepflogenheiten unvertraute Elevin fühlt sich kurz emporgehoben und als Botschafterin der armenischen Katastrophe richtig angesprochen. Sie steigt in erstklassigen Hotels ab, wird herumgereicht, trifft Charlie Chaplin und belustigt den Weltstar mit ihrer Naivität so wie sie ein paar Jahre zuvor türkische Soldaten mit ihrem Widerstand amüsierte. In der Aufmerksamkeitsarena brennt Aurora Mardiganian schnell aus. Nach zwei, drei Jahren im Scheinwerferlicht fällt die Klappe und die Migrantin verschwindet für Jahrzehnte in der Versenkung. In einem fast schon postumen TV-Resümee stellt sie fest:

„Die barbarischen Türken haben es nicht geschafft, mich umzubringen, aber den zivilisierten Amerikanern wäre es beinah gelungen.“

Fallengelassen nach der Verwurstung ihres Schicksals - auch davon erzählt Arsinée Khanjian in der Gedächtnisperformance „Auction of Souls“. Ausgangspunkte ihrer auch von Sesede Terziyan und Mehmet Yılmaz gespielten Betrachtungen einer exemplarischen Biografie sind Flucht und Vertreibung, deren Inszenierung und schließlich die Fragmentierung der Erinnerungen und der Belege.

Der Völkermord an den Armeniern war der erste Genozid im 20. Jahrhundert. Er bildete den Höhepunkt einer jahrzehntelangen Pogromgeschichte und vollzog sich 1915/16 weitgehend unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Der I. Weltkrieg fesselte die mediale Aufmerksamkeit und verbrauchte die Gefühlsressourcen. 1918 erschien unter dem Titel „Ravished Armenia“ der Augenzeugenbericht einer Achtzehnjährigen. Arshaluys „Aurora“ Mardiganian schilderte Massaker und Einzelmorde. In Çemişgezek als Tochter wohlhabender Leute geboren, erlebte sie die Auslöschung ihrer Familie als Augenzeugin. Aurora Mardiganian absolvierte die Schule der Unterwerfung in mehr als einem Harem, bis sie auf kaukasischen Umwegen nach Amerika fliehen konnte.

In einem TV-Interview erinnert die Betagte folgende Schrecken:

Um armenische Jungfrauen aus dem dürftigen Trutz ihrer bedrängten Gemeinschaft zu pressen, droht man einer Mutter, ihr Augenlicht zu löschen, und erreicht so die Selbstpreisgabe einer Tochter, die vor der Tortur und finalen Schande nur noch einmal die Mutter küssen will.

Das verweigert man ihr.

Die Leichen füsilierter Armenier werden in den Euphrat geworfen.

Verwandte erschlagen sich gegenseitig, um nicht in einem von ihren Peinigern in Brand gesetzten Schuppen einen härteren Tod zu sterben.

Armenische Mädchen und Frauen werden angepflockt auf Sklavenmärkten angeboten.

Ein deutscher Hauptmann namens Schappen tauscht einen Knaben gegen einen Esel.

Eine Türkin erschießt eine Armenierin, weil jene nicht bereitwillig ein Kind herausrückt.

Eine Drangsalierte stöhnt:

„Gott ist verrückt geworden.“

Der deutsche Konsul verweigert lachend seine Hilfe.

Spitzenkräfte der Unterhaltungsindustrie produzierten nach Aurora Mardiganians Augenzeugenbericht 1919 in knapp sechs Wochen einen Blockbuster, von dem kaum etwas übriggeblieben ist. Die Kopien verschwanden mit den Erinnerungen. Aurora Mardiganian starb zweiundneunzigjährig verarmt und vergessen in Los Angeles. Arsinée Khanjian „rekonstruiert die Geschichte eines verzweifelten Versuchs, das Unbeschreibliche zu erzählen“.  

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