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28.04.2019, Jamal Tuschick

Folgt man Herbert Renz-Polster, dann hat jener Autoritarismus, der seit Jahren Demokratien weltweit infiziert und aushöhlt zwei Gesichter: ein systemisches und „ein fast schon anonymes“. Polster beschreibt autoritäre Reaktionen als Fluchtbewegungen „in die Sicherheit“.

Rechtspopulismus als Resonanzphänomen

Identitäten statt Realitäten

Sie haben alles und fühlen sich trotzdem bedroht.

Ihnen gehören „zwei Flatscreens, zwei Autos und ein Eigenheim“. Sie verfügen über einen sicheren Job und einen hohen Status. Trotzdem fürchten sie sich auf einer gleichermaßen idealisierten und fiktiven Vergangenheitsfolie (Stichworte: Homogenitätsphantasma, Identitätsstress) und zwar nicht vor der globalen Erderwärmung, die uns eine zweite Sintflut bescheren könnte, sondern vor den Geflüchteten, die in Deutschland Zuflucht suchen.

Herbert Renz-Polster, Erziehung und Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können, Kösel, 314 Seiten, 20,-

In einer analytischen Auffassung fallen die objektiven Parameter für soziale Angst flach. Diese Angst ist mit der Realität nicht verbunden. Das behauptet Herbert Renz-Polster.   

„Bei unseren politischen Überzeugungen sitzt nicht die Vernunft am Steuer.“

Herbert Renz-Polster, 59 Jahre, ist Kinderarzt und Dozent am Institut für Public Health der Universität Heidelberg.  

Die zwei Gesichter des Autoritarismus

Folgt man Renz-Polster, dann hat jener Autoritarismus, der seit Jahren Demokratien weltweit infiziert und aushöhlt zwei Gesichter: ein systemisches und „ein fast schon anonymes“. Polster beschreibt autoritäre Reaktionen als Fluchtbewegungen „in die Sicherheit“.

Man müsse „die inneren Neigungen berücksichtigen“, um zu verstehen, warum so viele Menschen autoritären Lösungen den Vorzug geben, wenn sie nicht sogar Heilserwartungen daran knüpfen. Renz-Polster entwickelt seine Erklärungen aus der Metapher vom „Doppeldecker“. Oben fahren die Sieger, die Verlierer offensiv verachten, unter sitzen die Verlierer, die Sieger regressiv bewundern. Ihre Inferiorität anonymisiert sie. Ihre Anfälligkeit, so Renz-Polster, käme aus harter Erziehung.

„Das Familienklima von heute prägt das politische Klima von morgen.“

Wer von einem „strengen Erziehungsmodell“ geformt wurde, habe die Gleichsetzung von Unterordnung und Sicherheit verinnerlicht. Folglich erscheint ihm gefährlich, wer seine Ordnungsbegriffe nicht als Maß aller Dinge gelten lässt. So kommt der Geflüchtete als Bedrohung ins Spiel der Prägung.

Fortsetzung folgt.

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