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30.04.2019, Jamal Tuschick

Nell Zink sagt: „Wenn man über Menschen unter Dreißig schreibt, dann schreibt man über ein Sozialverhalten wie bei den Bonobos. Wie sie miteinander reden und wie sie miteinander schlafen, das ist ein Kontinuum.“ „Virginia“ heißt der jüngste Roman der in Brandenburg lebenden Amerikanerin. Gestern Abend sprach Zink darüber mit Thomas Böhm in der Buchbox/Kastanienallee. Böhm fragte zuerst, wie die Autorin zu dem komplizierten französischen Familiennamen ihrer Heldin Peggy Vaillaincourt gekommen sei. Zink antwortete: „Alles Französische halten die Amis für adelig.“

Die Melodie des Südens

Zink wurde in Kalifornien geboren, wuchs in Virginia auf und lebt nun in Bad Belzig. BB ist, sagt Wikipedia, „die Kreisstadt des Landkreises Potsdam-Mittelmark im Land Brandenburg. Seit dem 5. Dezember 2009 darf Bad Belzig sich offiziell staatlich anerkanntes Thermal-Soleheilbad nennen.“ Zink sagte einmal, am Anfang ihrer Bürgerschaft in BB sei sie so etwas wie ein Kaugummi an den Sohlen der Eingesessenen gewesen. Als großen Vorzug der Stadt schätzt Zink den Bahnhof. Ihr gefällt ferner, dass sie da von Einflüssen unberührt bleibt. Sie spricht Deutsch und schreibt Englisch. Ihr Deutsch findet sie „kompetent“, aber nicht literaturfähig.

„Virginia“ heißt ihr jüngster Roman. Gestern Abend sprach sie darüber mit Thomas Böhm in der Buchbox/Kastanienallee. Böhm fragte zuerst, wie Zink zu dem komplizierten französischen Familiennamen ihrer Heldin Peggy Vaillaincourt gekommen sei.

Zink antwortete belustigt: „Alles Französische halten die Amis für adelig.“

Nell Zink, „Virginia“, aus dem amerikanischen Englisch von Michael Kellner, Roman, Rowohlt, 318 Seiten, 22,-

Peggys gleichgeschlechtliche Präferenzen veranlassten Böhm dazu, sie lesbisch zu nennen. Zink konkretisierte. Ihre Heldin will ein Mann sein, um Frauen nach den Spielregeln ihrer Herkunft legitim begehren zu können. Es gibt kein queeres Spektrum Ende der 1960er Jahre in Virginia, als/wo Peggys Romanlaufbahn anfängt.

„Was nicht männlich war, war weiblich.“

Peggy besucht ein nicht-koedukatives College, das den Namen eines Kaffs trägt, in dem die Rassentrennung immer noch absolut ist.

„Was nicht weiß war, war schwarz.“

„Das war eine Rassentrennung mit nur zwei Kategorien. Ein Tropfen schwarzen Blutes machte dich zum Schwarzen.“

Die Stillwater Lehranstalt für Southern Belles ist „so autonom wie eine Militärbasis“. Im ganzen Landkreis trifft man „Schwarze nur in Dienstleisterrollen.“

Segregation wird hermetisch begrüßt.

Das College „hat einen berühmten Lyriker“. Lee Fleming spielt das invertierte Enfant terrible und den „Dichter, der uns aufrührt“ à la Rimbaud, bis ihm seine ungemein bedeutende Familie klarmacht, dass er mit einem Taschengeld abgespeist wird, falls er nicht ins Glied zurücktritt und sich fortpflanzt nach alten Väter Sitte.

Die Flemings sind die Kennedys ihrer Welt. Ihnen gehört in Stillwater und Umgebung alles. Das erlaubt ihnen die Aufrechterhaltung einer anachronistischen Ordnung nach den Devisen des alten Südens. Sie halten die Zeit an.

Zink behauptete im Gespräch, im amerikanischen Original des Romans den (einen?) melodischen Baumwollstaatenduktus in selbstbeglückender Genauigkeit getroffen zu haben. Die Übersetzung von Michael Kellner (der in den Neunzehnhundertsiebzigern Allen Ginsberg nach Kassel holte und später in Hamburg einen Verlag aufzog) sei ein „völlig anderes Produkt“; gelungen auf eine für sie befremdliche Weise.

Ein Rezensent entdeckte im Roman Anspielungen auf Mirabeau und Fontane, von denen die Autorin nichts weiß.

Lee erschöpft sich in der Rolle des Exzentrikers. Er schwängert Peggy – der Schwule und die Lesbe heiraten – und erlebt die Geburt eines Sohnes. Byrdie kriegt bald eine Schwester: Mireille.

Böhm zitierte aus einer Besprechung: „Süffisante Dekonstruktion amerikanischer Mythen.“ Zink behauptete im Gegenzug nicht zu wissen, was Dekonstruktion bedeutet. Sie habe (vielmehr) „den Versuch unternommen, Mythen zu tradieren“.

„Wenn ich etwas erklären will, dann erzähle ich eine Geschichte.“

Lee verkehrt vor Peggys Augen mit einem Jungen. Peggy dreht durch. Sie kollabiert seelisch und sozial. Schließlich taucht sie mit ihrer Tochter unter. Sie verpasst Mireille die Identität einer verstorbenen Schwarzen. Fortan führt die „Flachsblonde“ und ihre Mutter ein Schwarzes Restfamilienleben halbwegs im Elend.

Dazu sagte Zink in der Buchbox: „Emanzipation ist immer mit sozialem Abstieg verbunden.“

Man überliest in Zinks Werk mitunter die kritische Ladung, weil die Autorin so komisch ist und ihre Darstellungen so hinreißend sind. Genauso wirkte sie auch im Gespräch, zumal Böhm Zink wunderbare Vorlagen lieferte.  

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