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02.05.2019, Jamal Tuschick

Eine Besprechung in zwei Folgen. Heute: Gewalt gegen Fremde und Frauen kommt aus den gleichen Einstellungen. Das erklärt Erica Fischer in „Feminismus Revisited“ - einer autobiografisch grundierten Sondierung frauenemanzipatorischer Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre.

Politisiertes Elternhaus

Der familiäre Ankerpunkt ist die Mutter, „deren Lebensumstände ihre künstlerischen Ambitionen“ austrocknen. Trotzdem hört sie nicht auf von einer Revolution zu träumen. Erica Fischers Vater reichert den Gefühlssozialismus seiner Frau analytisch an. Sein Bildungsorgan ist die „Arbeiter-Zeitung.“

Ihre Jugend vollzieht sich im Sturm von Achtundsechzig. Feminismus gilt vielen als konterrevolutionär. Erica Fischer setzt die österreichische Frauenbewegung mit in Gang, die sie in scherzhaftem Ernst „Wiener Feminismus“ nennt. Die in London als Tochter von Emigranten geborene, in Wien aufgewachsene, mit „Aimée & Jaguar“ berühmt gewordene Autorin und Aktivistin bekennt in „Feminismus Revisited“ ein glückliches Erstaunen über unerwartete Diversifikationen ihres in den 1970er Jahren gestarteten Emanzipationsengagements. Inzwischen weiß sie: Es gibt keinen Feminismus ohne Intersektionalismus

Erica Fischer, „Feminismus Revisited“, Berlin Verlag 2019, 20,- 

Das erste feministische Treffen im Fischer-Kreis findet 1972 statt. Fischer erzählt von den aktivistischen Anfängen in einer Gruppe, die unter der Fanal-Abbreviatur „AUF“ für „Aktion Unabhängiger Frauen“ firmiert. Ein synergetischer Effekt bringt ab 1974 eine Frauenzeitung gleichen Namens auf den Markt. In dem „gemischten Arbeitskreis Emanzipation“ lässt sich Fischer den Feminismus von Männern als revolutionäres Randgeschehen erklären.

Die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen hält man als Revolutionär für reformistisch.

Fischer unterwirft sich weitgehend dem Unisexzwang Hosen zu tragen. Einmal doch im konterrevolutionären Wickelrock unterwegs, weicht Fischer in eine Toreinfahrt aus, um eine Begegnung mit einem Genossen zu vermeiden. Sie schämt sich für ihre weibliche Inkonsequenz und fürchtet den Vorwurf, revisionistischen Aufweichungen marxistischer Positionen Vorschub zu leisten.

In ihrer Kampfzeit geht es um rechtliche Gleichstellung und um die Ausschilderung struktureller Diskriminierungen im Patriarchat. Fischer avanciert zu einer Galionsfigur. Sie erkennt die Bedeutung der Medien für ihre Sache. Ihr ist es gegeben, Öffentlichkeit herzustellen. Beruflich und privat erlebt sie zugleich Zurücksetzungen und höchstens begrenztes Glück.

„Immer noch glaube ich, dass keine Unterdrückung ewig währt.“

In „Feminismus Revisited“ protokolliert Fischer Aussagen junger Niederösterreicherinnen, die sich stark erleben und auf ihre dominanten Mütter und Großmütter stolz sind. Ihre Unabhängigkeit ist in jedem Fall ein Streitprodukt. Die alten Kämpfe müssen immer wieder neu ausgefochten werden. Doch verschieben sich Frontstellungen zugunsten von Frauen. Männer stehen jedenfalls unter einem höheren Rechtfertigungsdruck als früher. Sie einzuschränken, ist möglich, bleibt aber anstrengend und setzt eine hohe Einsatzbereitschaft voraus. Viele Aktivist*innen bei der Stange zu halten und an Projekte wie etwa die Einhegung übergriffiger Personen dauerhaft zu binden, verlangen organisatorisches Geschick und charismatisches Vermögen nicht zuletzt.

„Ich werde immer ein Flüchtlingskind bleiben.“

Nora setzt sich für Geflüchtete ein. Fischer verknüpft den Einsatz mit der Flüchtlingsgeschichte ihrer Eltern, die in England nicht durchgängig gut behandelt wurden. Der Vater erduldete eine temporäre Expatriierung, war dann aber im australischen Busch deutlich besser aufgehoben als die dem deutschen Bombenterror in London ausgesetzte Gattin.

„Der Hinweis, dass das generische Maskulinum weibliche Personen unsichtbar macht, treibt viele auf die Palme.“

Petra, eine andere von Fischer befragte Niederösterreicherin, setzt vor allem auf die Sprache, auch wenn der Genderstern für sie noch nicht in Frage kommt. Fischer sekundiert. Alljährlich leitet die Autorin auf Zakynthos eine Schreibwerkstatt der Österreichischen Sommerakademie.

„Vom Genderstern ist (bei den Schreiblehrlingen auf Zakynthos) noch lange nicht die Rede.“

Thematisiert die Werkstattleiterin „sprachliches Gendern … schießen die Emotionen hoch“.

Da hört der Spaß auf. Fischer zitiert die Linguistin Luise Pusch: „Weibliche Bezeichnungen sind für Männer genauso untragbar wie weibliche Kleidungsstücke.

Ich finde die Stelle passend, um die Titelfeststellung noch einmal aufzugreifen:

Gewalt gegen Fremde und Frauen kommt aus den gleichen Einstellungen.

Wer Sprachsensibilität verweigert, macht auch vor rassistischer Rohkost nicht halt. Der sagt und schreibt weiter das N-Wort und will seinen N-kuss und sein Z-schnitzel behalten. Und gibt er sich links, dann ist der Rassismus in der Sprache nur ein Nebenwiderspruch.

Wird fortgesetzt.   

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