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03.05.2019, Jamal Tuschick

Prekarität war gestern. Inzwischen ist England eine Lemurengesellschaft mit garantiertem Grundeinkommen und implantiertem Chip für Jedermann, in der Leute unterwegs sind, die von Facebookidioten gezeugt wurden. Sibylle Berg erzählt in ihrem neuen Roman „GRM – Brainfuck“ von Superdiversifikationen in einer Art Blade Runner Welt. Die einen erhoffen sich Unsterblichkeit durch Digitalisierung … „er träumte davon, sich vor seinem Ableben digitalisieren zu lassen“ … die anderen kaufen in Sozialsupermärkten Sachen, die aus dem Müll der Reichen geklaubt und ungewaschen in die Regale sortiert wurden.

Zwischen Dumm und Delirium

Fluch der Arschgeweihe

Die Geschichte spielt in naher Zukunft zunächst in Rochdale. Ihr depressives Personal kennen wir aus der Gegenwart. Allerdings sind die Nachkommen der „Facebookidioten“ Nichtraucher*innen durch die Bank. Sie nicht mehr tätowiert.

„Die Mutter … hatte eine Tätowierung an der Schulter, die sie als älteren Menschen auszeichnete.“

Das ist der Fluch der Arschgeweihe im Dauerregen. Die Kinder der Abgehängten hängen nur noch ab, während verschwörungswahnsinnige Hirngespenster

Sibylle Berg, „GRM – Brainfuck“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, 634 Seiten, 25,-  

sich selbständig machen und die Welt aufmischen und die Tage sich immer länger hinziehen, bis sie hundertachtundneunzig Stunden währen.

Es gibt keine Dämmerung und kein Abendrot.

Im Zentrum der Ereignisse verlieren sich Don, Karen, Hannah und Peter. Don ist eine Gigantin - eine treibende Kraft - eine Überwinderin wie sie im Buch steht. Sie bringt es fertig, sich einen Penis zu wünschen, obwohl sie Jungen verachtet.

Peter wurde missbraucht und von seiner Mutter im Stich gelassen.

Hannah sucht nach einem Talent in sich.

Die kluge Karen fällt einem Verderber in die Hände.

Die Überwachung ist total. Vielleicht ist das die letzte Bedeutung der Überflüssigen – ihre Erfassung.

„Es gab … keinen Winkel im Land, der nicht von Überwachungskameras erfasst wurde.“

Die Erfassungsprogramme schreiben sich selbst und werden von Maschinen wie Romane gelesen.

Maschine müsste man sein in dieser in Kondensationsschwaden schimmelnden Stinkwelt. George Grosz, Pieter Bruegel d.Ä. … „Blinder Krüppel 1923/„Der Triumph des Todes“ 1562 … das Grauen trifft sich mit der Groteske in Parks voller Heroinspritzen – den Refugien kindlicher Gewaltphantasten.

Wenn Don, Karen, Hannah und Peter nicht ihre pornografische Bildung verbessern, stellen sie Todeslisten zusammen. Im Hinblick auf ihre Feinde versprechen sie sich:

„Wir werden sie aufspüren, ihre Schwachstellen herausfinden und ihnen eine Sekunde schenken, die sie nie vergessen werden.“

Thome Percy steht auf der Liste. Er verkehrt mit sich in der Höflichkeitsform und beobachtet den Gärtner mit Lustgewinn. Er wirkt wie ein Überlebender der Netzsteinzeit mit seinem Repertoire. Aber auch in ihm gedeiht der Hass.      

Berg schildert die westliche Welt als Schauplatz neuer und unerwarteter Diktaturen. Die gegenwertig mit grimmiger Sorge zur Kenntnis genommene Anfälligkeit von Demokratien für Autoritarismus wird im Roman auf die Spitze getrieben. Die Emanationen der Sinnlosigkeit einer Existenz ohne Arbeit bilden eine Motivkette. Die in ihrer Substanzlosigkeit (dem Mangel gemeinsamer Interessen) ausgeleierten Gemeinschaften  

„9/11 … war eventuell einer der Auslöser für alles. Den Rückzug ins Volksempfinden auf allen Seiten, die Überwachung aller.“

waren in der Romanvergangenheit und sind in unserer Gegenwart als „bedrohte Mehrheiten“, so Ivan Krăstev, „die stärkste Kraft in der europäischen Politik“.

Bergs Menagerie kennt keine moralischen Schranken. Lange nach dem Ende des Industriezeitalters fanden die Verlierer*innen im weltumspannenden Rust Belt ihren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit perfekt gemacht von „den Zumutungen eines progressiven Moralismus, der sie pauschal als kulturell zurückgeblieben abtat“ (Nancy Fraser). Im Jetzt des Romans ist den Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) der neoliberale Treibstoff ausgegangen. Sie wurden bedeutungslos mit den westlichen Staaten und gehören zu jenen, die für die

Chinesische Lösung

Konsum ohne Freiheit verdorben sind. Die NSB-Hype-Marker „genderfluid und polyamorös“ generieren keinen subkulturellen Mehrwert mehr. Auch dieser Markt ist im Eimer. Dem Nicht-Binären ergeht es in der summarischen Betrachtung äußerer Umstände nicht anders als dem Muskelhypertroph-Binären, der zwar einen Diskokörper hat, aber kein Geld, um sich zu zeigen.  

Weil Bergs neuer Roman Szenen zu einem soziologischen Diskurs liefert, möchte ich mit einer Vorzeichnung des Vollbildes die Desasterkoordinaten noch einmal benennen:

Paul Mason erzählt in einem Aufsatz unter dem Titel „Keine Angst vor der Freiheit“ von seinem Vater, einem Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm und mit der Kumpel-Akzeptanz über die Runden kam, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren.“   

Der Journalist Mason benennt die Pfeiler seiner Herkunftskultur: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“

Mit diesem Rahmenprogramm hatte man Jahrzehnte sozial gewirtschaftet und so eine Gemeinschaft in Gang gehalten, die sich zwischen Gruben, Kneipen und Vereinen zu behaupten wusste. Die Gruppenidentität wirkte wie ein Ausschlussverfahren, dass alle distanzierte, die als Verderber des Gemeinwesens wahrgenommen wurden. Ich greife vor. Das betraf Handelsvertreter, Kredithaie und Mieteintreiber, die nach dem Zechensterben in den Arbeiterquartieren kleine Unternehmen etablierten, Reinigungs- und Sicherheitsfirmen sowie Sonnenstudios, mit denen sich das organisierte Verbrechen verband. In der Umgebung florierten Daseinsvarianten von überschuldeten Drogenkonsumenten.

Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Mason beschreibt Leigh als eine Hochburg der Labour Party, die in der Thatcher Ära der „fremdenfeindlichen Rechten“ in die Hände fiel.

„Einige haben die Kultur des Widerstands gegen das Kapital durch eine Kultur der Revolte gegen Globalisierung, Zuwanderung und Menschenrechte ersetzt.“

Weiter weg von ihrem wahren Feind können diese Leute ihre Wut nicht ausleben. Mason erinnert daran, wie Foucault Thatcher und Reagan ankündigte: als Industriezerstörer. Die strategische Spaltung der Arbeiterklasse in Traditionalisten und Abtrünnige diente in erster Linie einer Schwächung der Gewerkschaften (Mason). Fortan war jeder „Unternehmer seiner selbst“ (Foucault).

Damit konnte Masons Vater nichts anfangen. Er fiel aus der Zeit. Die Geschichte zog sich vor ihm zurück. Eine Arbeiterkultur, ohne Kontakt zur Arbeit, war ihm nicht beizubringen. So etwas Paradoxes nistete sich in Leigh ein. Der Kredit, chinesische Billigsachen und Migranten in der Nachbarschaft produzierten die Bilder des Alltags und des Kinos. Eine Reihe englischer Filme der 1990er Jahre erzählen diese Geschichte. Hooligans, die vor der Deregulierung ihrer Lebenswelt der üblichen Sozialkontrolle unterworfen waren, übernehmen heruntergekommene Gebiete, kassieren Schutzgeld, führen Clubs und handeln mit Drogen. Sie absolvieren steile Karrieren und kratzen frühzeitig die finale Kurve.

Berg baut die Szenerie aus.

„Europa hatte den Hass entdeckt.“

Wo keine Arbeit und keine Gemeinschaft ist, gibt es auch keine Demokratie. Es fehlen die Gegenstände für Aushandlungsprozesse. Die Inhaber*innen der Macht werden zu überforderten Wärter*innen. „Die Privatisierung von Armee und Polizei“ erscheint ihnen sinnvoll.

„Ein Unding, das Gewaltmonopol in den Händen eines wankelmütigen Staatsapparats zu wissen.“

Demokratische Verkehrsformen verelenden als Mummenschanz. Berg lässt einen Migranten erkennen:

„Der Begriff der Heimat hatte sich entleert.“

 Don gelangt nach London, die Hauptstädter kommen ihr vor wie „freigelassene Laboraffen“.

 

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