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07.05.2019, Jamal Tuschick

„Handstreiche“ und „Verlagerung des geheimen Punkts“ heißen Volker Brauns aktuellen Titel. Gestern präsentierte er sie gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Lothar Müller in der Berliner Akademie der Künste und erschien dabei nicht weniger hermetisch-vital als Wolf Biermann vor ein paar Tagen auf der Bühne des Berliner Ensembles. Die Biermann/Braun-Generation hatte einen hochattraktiven sozialistischen Jugendstil. Vielleicht altert sie deshalb so gut, weil sie sich selbst noch so viel zu sagen hat. Die Diskrepanz zwischen der historischen und der biografischen Relevanz der DDR arbeitet in ihnen.

Ausschreitungen auf dem Papier

Volker Braun in der Akademie der Künste

Ingo Schulze beim Bad in der Menge

Verwaistes Schreiben

 Er erträgt es nicht, hervorgehoben zu werden. Volker Braun schreitet auf dem Papier aus, er eskaliert am Schreibtisch.

Er wirft sich in einen Harnisch der Sprache. Der Literaturwissenschaftler Lothar Müller fand treffende Worte in einer Premierenrede, die zwei Neuerscheinungen des greisen Dichters veranlasste.

„Handstreiche“ und „Verlagerung des geheimen Punkts“ heißen Brauns aktuellen Titel.    

„Nur der Liebende lernt seine Lektion“ schrieb Braun über Rimbaud. Er setzte das Trunkene Schiff auf den Müggelsee. Stranden ließ er es in der preußischen Prärie.

Das ist alles sehr schön und gut gemacht von dem Brechtschüler Braun. Er arbeitet „gegen die Deckgebirge der Verheißung“. Der alte Dekonstruktivist des Sozialismus weiß mit Heiner Müller: „Und wenn Sie mich nach einer Moral fragen, dann wäre die Blochsche Formulierung über die moralische Überlegenheit des Kommunismus auch meine: Der Kommunismus hat für den einzelnen keine Hoffnung. Aber das ganze System der Marktwirtschaft beruht darauf, dem einzelnen zu suggerieren, dass gerade er eine Hoffnung hat.“

Hat man das verstanden, ist die Strecke kurz zu Brauns Charakterisierung der Treuhand „als Instanz zur Verschrottung einer ganzen Gesellschaft“.

Ewig taumeln wir auf „der Abbruchkante der Geschichte“.

„Handstreiche“ ist eine Versammlung solcher Vers gewordenen und silbentreuen Einsichten. Das Geklingel der Alliteration ist wie das Klopfen an der Tür. Ist da noch jemand? Oder verwaist das Schreiben hinter den Anti-Ansichten (zu „Hype & Hate gesteuerter Pöbellust“) einer hausgemachten Klassik voller „Heiterkeit, Grimm und Graus“?

„Ich lasse das Chaos arbeiten“, sagt der Dichter.

„Poesie ist eine Gegensprache und ist sie weiter nichts, dann ist sie eine Grimasse.“

Müller suchte den Autor in einer „Autobiografie aus Steckbriefen“. Braun habe sich „selbst zur Fahndung ausgeschrieben“ als im gesellschaftlichen Narrensaum Untergetauchter.

Es gibt keine ortlosen Texte, erklärte Müller. Brauns Geburtsstadt Dresden sei ständig gegenwärtig in Brauns Werk doch nicht in einem verehrenden Sinn.  

Für einen Schriftsteller ist der Text die Tat. Darauf weist Braun wiederholt hin. Die „Verlagerung des geheimen Punkts“ gleicht einer Asservatenkammer voller Tatwaffen. Braun las drei kurze Sachen, aufgeheitert und angeregt von der eigenen Poesie. Ich fand ihn eine Stunde nach der Lesung noch auf seinem Posten. Er arbeitete das Interesse an seiner Person und seinem Werk sorgfältig ab. Eine Glasfront gab den Blick frei auf das Brandenburger Tor. In der Akademie hatten einst Maler ihre Ateliers. Sie sahen auf die Mauer und malten die Hasen, die sich auf dem Todesstreifen pudelwohl fühlten. Jetzt ist alles so, als hätte es das nie gegeben.

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