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07.05.2019, Jamal Tuschick

Als die ersten Transfrauen Zutritt zu den geschützten Räumen und anderen inneren Bereichen der Frauenbewegung im Jugendstil der 1970er Jahre begehrten, wurden sie nicht überall mit offenen Armen empfangen. Auch davon erzählt Erica Fischer in Feminismus Revisited.

Der Mann im Rock

„Eigentlich ist das ganze Leben Transition“ – eine Folge von Übergängen.

„Als Margit mit der tiefen Stimme … ins Wiener Frauenzentrum kam, wussten wir weder ein noch aus. Ist eine Transfrau tatsächlich eine Frau, die das Recht hat …“

Der Widerspruch zwischen Avantgarde und Konvention

Wann sie den Mann im Rock zum ersten Mal wahrnahm, weiß Erica Fischer nicht mehr genau. Es war in den frühen Siebzigerjahren, die österreichische Frauenbewegung emanzipierte sich gerade vom kommunistischen Kaderwesen sowie von Männern, die sich berufen fühlten, Frauen die Frauenbewegung zu erklären. Die Aktivistinnen bewegten sich auf einem Parcours voller Barrieren.

Ihre Jugend vollzieht sich im Sturm von Achtundsechzig. Feminismus gilt vielen als konterrevolutionär. Erica Fischer setzt die österreichische Frauenbewegung mit in Gang, die sie in scherzhaftem Ernst „Wiener Feminismus“ nennt. Die in London als Tochter von Emigranten geborene, in Wien aufgewachsene, mit „Aimée & Jaguar“ berühmt gewordene Autorin und Aktivistin bekennt in „Feminismus Revisited“ ein glückliches Erstaunen über unerwartete Diversifikationen ihres in den 1970er Jahren gestarteten Emanzipationsengagements. Inzwischen weiß sie: Es gibt keinen Feminismus ohne Intersektionalismus

Erica Fischer, „Feminismus Revisited“, Berlin Verlag 2019, 20,- 

Außerhalb linker Szenen prallten sie gegen Wände der Verständnislosigkeit. Sie stießen sich an den Ecken und Kanten einer Umgebung, die den Feminismus als Spinnerei und lesbische Groteske abtat. Allein daraus ergaben sich Widersprüche zwischen Theorie und Praxis. Der Alltag musste nach den Spielregeln der Altvorderen bewältigt werden. In der Verkehrsgewohnheiten schlummerte der Faschismus, um im Fall eines Regelverstoßes hochzuschrecken und seinem Unmut Luft zu machen. Die Grenzen des Sagbaren lagen hinter dem rechten Horizont. Das linke Spektrum war indes nach den Devisen des kalten Krieges eingehegt, ein Kurort des Ressentiments.

In den Zirkeln gab es eine Tendenz zur Radikalisierung, die Bedürfnissen zuwiderlief. Fischers Gefühle humpelten schuldbewusst hinter dem Bewusstsein her. Fischer verwarf sich nicht in der Rolle der Geliebten eines viel älteren Mannes, der seine Frau hinterging. Aus feministischer Perspektive machte sie alles falsch, solange sie nur ihren Empfindungen Rechnung trug. Auch hier ergab sich ein Widerspruch zwischen Avantgarde und Konvention.

Die militanten Panthertanten, die Terror schon vor Rauschgift kannten.

Die stärksten körperlichen Erregungen waren mit konventionellen Empfindungen verbunden, die im Instanzenzug der feministischen Metapolitik verurteilt und verworfen wurden. Noch herrschte die Vorstellung vor, Widersprüche müssten auf dem Weg zum neuen Menschen überwunden und nicht einfach nur ausgehalten und vielleicht sogar kultiviert werden.

Fischer war nicht immer gern Frau. Sie hatte ihren Platz im Leben zugewiesen bekommen, ohne eine Wahl zu haben. Das war ihre Sicht, als sie zum ersten Mal den Mann im Rock sah; eine schüchterne Erscheinung am Rand des frauenbewegten Geschehens. Das feministische Engagement schuf Inseln im Meer der Reaktion – Plätze, auf denen eine andere Verständigung möglich war.

Auch Geschlechtersolidarität musste erst gelernt und immer weiter geübt werden. Die amerikanische Frauenbewegung machte es vor. Man verglich Erfahrungen. Consciousness-raising. Erst das Erkennen von Gemeinsamkeiten, so Fischer, führte zu politischem Bewusstsein.

Ausweitung der Solidarität

„War Margit nicht als Mann sozialisiert? Schleicht sie sich bei uns ein, die wir niemals die Möglichkeit hatten, uns unser Geschlecht freiwillig auszusuchen. Wir wurden hineingeboren in diesen weiblichen Körper und mussten ihn annehmen, ob es uns passte oder nicht – samt Monatsblutung, der Angst vor Schwangerschaft …“

Der Mann im Rock, der sich Margit nennt, zeigt sich bereit, als Paria mit Hangaround- und Randerscheinungsflair den Aktivistinnen Gelegenheit zu geben, sich an ihn zu gewöhnen. Fischer schildert den Prozess einer Annäherung so, dass einem der Abstand anschaulich wird. Es gibt noch kein nicht diskriminierendes und sonst wie hilfreiches LGBT-Vokabular.

Ich zitiere aus der Süddeutschen Zeitung nur die akuten Begriffe: Asexualität, Cisgender, Drag Queen/Drag King, Intergeschlechtlichkeit, Passing. Nichts davon steht der von einer heteronormativen Politik der Geschlechterarrangements beherrschten Aktivistin zur Verfügung, als ihr Margit begegnet, und auch Margit fehlt das Register der Selbstbestimmung. Kann man sich nicht nachweisen, schaffen Signale an die Umgebung ein Reizklima. Man hat keinen Pass fürs Leben und genauso wird man behandelt.

„Bloß, weil du einen Rock trägst und deinen Schwanz nicht leiden kannst, bist du noch lange keine Frau.“

Das war in meiner Jugend oft zu hören. Fischer kommt auf eine Transperson zu sprechen, die ihren Penis Venus nennt. Dazu bald mehr.  

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