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08.05.2019, Jamal Tuschick

Seit 1990 wird auch in vielen deutschen Städten jeden Februar der Black History Month gefeiert, um Schwarze Geschichte, auch Schwarze Deutsche Geschichte und Gegenwart zu würdigen. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Marion Kraft war von Anfang an dabei. Ein Gespräch mit der Journalistin Bebero Lehmann über blinde Flecken im deutschen Geschichtsbewusstsein, Schwarzen Aktivismus und darüber, was uns die afrikanisch-amerikanische Dichterin und Aktivistin Audre Lorde heute noch zu sagen hat.

Der Black History Month geht uns alle an

In den USA wird seit Mitte der 1970er Jahre alljährlich landesweit der Black History Month gefeiert. Warum war es euch damals wichtig den BHM auch in Deutschland zu feiern?

Das war – und ist - wichtig, um die Präsenz Schwarzer Menschen in Deutschland ins Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft zu bringen und deutlich zu machen, dass Schwarz sein und Deutsch sein eben kein Widerspruch ist, dass viele Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt hatten und haben und dass die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland eine sehr lange ist. Für mich persönlich war es ein wichtiges Erlebnis, weil ich zu einer Generation Schwarzer Menschen in Deutschland gehöre, die weitgehend in Isolation aufgewachsen sind. Erst in den 1980er Jahren begannen wir uns zu organisieren. 1986 erschien das bahnbrechende Buch Farbe bekennen, wir gründeten die InitiativeSchwarzeMenscheninDeutschland, es entstand eine afro-deutsche Bewegung und eine neue diverse Community. Den ersten BHM in Hamburg und Berlin ging also einiges voraus. Andererseits wurde damit eine Tradition begründet, die Zeugnisse Schwarzer Geschichte und Kultur erfahrbar macht und die den Zusammenhalt der Schwarzen Communities in Deutschland gestärkt hat.

Das Interview erschien zuerst hier

Seither gibt es eine ganze Reihe von Forschungsarbeiten und Publikationen zu afro­deutscher Geschichte. Ein selbstverständlicher Teil der Deutschen Geschichte ist das aber noch nicht. Auch heute noch kann man an vielen deutschen Unis Geschichte studieren, auch auf Lehramt, ohne sich mit afro-deutscher Geschichte auseinander zu setzen. Dementsprechend spielt das dann auch im Schulunterricht keine Rolle.

Ja, diese Dinge finden nur schleppend Eingang in unser Bildungssystem, da gibt es noch viele blinde Flecken. Dabei wäre es gerade in der heutigen Zeit des erstarkenden Rechtspopulismus in Deutschland für alle Kinder wichtig zu lernen, dass unsere Gesellschaft schon immer vielfältig war und die vermeintlich „Anderen", die „Fremden" nur konstruiert sind. Der BHM ist für mich deshalb eine wichtige Gelegenheit, sowohl um uns selbst zu empowern, als auch um wichtige Bildungsarbeit zu leisten.

Auch ich habe in der Schule nichts über afro-deutsche Geschichte gelernt und habe mich erst später mit meiner afro-deutschen Identität auseinandergesetzt. Mein Vater starb sehr früh bei einem Unfall, viel Kontakt zur Familie im Tschad gab es nicht, die ISD kannte ich nicht und Farbe bekennen habe ich erst im Studium gelesen. Trotzdem war für mich in den 1990er Jahren vieles einfacher, weil ihr vorher dafür gekämpft habt. Ich wage es kaum dich zu fragen, wie es gewesen ist im Nachkriegsdeutschland aufzuwachsen.

Es war nicht einfach. Ich wurde 1946 in Gelsenkirchen geboren und bin in Mannheim aufgewachsen. Mannheim war die größte US-Garnisonsstadt nach dem Krieg und da gab es eben auch viel Beziehungen zwischen amerikanischen - auch afro-amerikanischen - Soldaten und weißen deutschen Frauen. In der Folge kamen entsprechend viele Kinder aus diesen Beziehungen zur Welt. Was diese damals erleben mussten war oft traumatisierend. Beschimpfungen waren an der Tagesordnung, auf der Straße und auch in der Schule. Die Lehrer waren ja auch alle noch in der Nazi-Zeit ausgebildet worden. Außerdem gab es in den 1950er und 1960er Jahren eine Reihe soziologischer Studien, die noch von den Rassentheorien des Faschismus  geprägt  waren und die Schwarze Kinder als „fremdartig“ oder gar als „gemeinschaftsschädlich" betrachteten. In der Folge wurden tatsächlich viele Mütter von deutschen Behörden überzeugt ihre Kinder zur Adoption durch afro-amerikanische Familien freizugeben. Ich hatte allerdings das Glück, dass meine weiße deutsche Großmutter mich als Kind sehr bestärkt und beschützt hat. Sie war durch und durch Anti-Faschistin und hatte sich nach ihren Möglichkeiten am  Widerstand gegen  die  Nationalsozialisten beteiligt. Bei ihr wuchs ich auf, weil meine Eltern beide sehr früh tödlich verunglückt waren. Dennoch hatte ich eine behütete Kindheit. Es gibt Geschichten, die weniger positiv sind und aber auch solche, die weniger Brüche aufweisen. All dies kann man auf dem Hintergrund der deutschen Nachkriegsgeschichte in meinem Buch Kinder der Befreiung nachlesen.

Anfang 1970er Jahren gingst du zum Studium nach Frankfurt a. M. Dort hatte wenige Jahre zuvor Angela Davis studiert. Spielte das für deine Studienortwahl eine Rolle?

Ja und nein. Ich war von der Kritischen Theorie angetan, das Vorlesungsangebot interessierte mich und Frankfurt war eine recht weltoffene Stadt. Aber Angela Davis war schon eine Art Role Model für mich. Andererseits war es für mich, als Schwarze deutsche Frau an deutschen Universitäten damals  schon Pionierarbeit. Ich war bis auf ganz wenige Ausnahmen in meinen Seminaren oder Vorlesungen immer die einzige Schwarze Frau und auch der Sprachgebrauch war damals noch ein anderer. In einem Seminar über amerikanische Literatur zum Beispiel, wo wir sogar über James Baldwin sprachen, war plötzlich von der „N-Literatur“ die Rede. Damals habe ich versucht zu protestieren. Daraufhin wurde mir vom Professor der Mund  verboten.

Gab es denn wenigstens Rückhalt von deinen Kommiliton*innen? Immerhin war doch der afro-amerikanische Befreiungskampf ein zentrales Thema für die Studentenbewegung, seit Angela Davis in Frankfurt studiert hatte.

Das schon, doch viele verstanden nicht, warum das schlimm war, was der Professor da sagte und auf die Frage nach Rassismus in Deutschland selbst sind die allerwenigsten gekommen. Es gab kein Bewusstsein darüber wie Rassismus insbesondere Schwarze Menschen in Deutschland trifft oder dass es die überhaupt gibt, sowohl in West-, als auch in Ost­deutschland. Im Übrigen hatte die weiße deutsche akademisch linke Bewegung gegenüber Befreiungsbewegungen - auch in der damals sogenannten „Dritten Welt" - so eine Art paternalistisches Verhältnis, das letztendlich durchaus überkommene Muster von Über- und Unterlegenheit reproduzierte, wenn auch vielleicht nur unbewusst.

Auch in der Frauenbewegung gab es dieses Bewusstsein nicht. Es wurde zwar vieles erstritten, etwa, dass Frauen ohne Einverständnis ihres Mannes arbeiten gehen dürfen und Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist.  Doch Rassismus gab es trotzdem auch in feministischen Kreisen. Erst mit der afro-deutschen Frauenbewegung haben du und andere Frauen sich dem vehement entgegengestellt.

Dafür war die Begegnung mit Audre Lorde ganz entscheidend. Sie hat in ihrer Dichtung, bei Lesungen, in Essays und Vorträgen immer wieder die Bedeutung von Gleichheit und Differenz betont. Ich erinnere mich noch genau, wie ich sie 1986 in Berlin besuchte, um ein Interview mit ihr zu machen. Darin sagte sie: ,,Schwarzer Feminismus ist nicht weißer Feminismus im Schwarzen Gesicht" und „Schwarze Frauen und weiße Frauen teilen viele Erfahrungen, aber es gibt auch viele Erfahrungen, die sie nicht teilen." Eine ihrer Kernaussagen war immer: ,,Du musst meine Verschiedenheit akzeptieren und ich  muss  deine  Verschiedenheit  akzeptieren. Nur so können wir zusammenarbeiten“. Persönlich war es für mich von vorne herein eine Begegnung in herzlicher und warmer Atmosphäre und wir haben uns dann noch lange über das Interview hinaus weiter unterhalten. Das war der Beginn unserer Freundschaft. Sie hat mich zu vielem angeregt.  Das war eine ihrer ganz großen Stärken. Sie konnte andere anstoßen sich Dinge zuzutrauen und dann auch zu machen. Damit wurde sie zur wichtigsten Impulsgeberin der afro-deutschen Frauenbewegung. Nachdem sie bei ihrem ersten Aufenthalt in Deutschland einige afro­deutsche Frauen kennengelernt hatte, sagte sie zum Beispiel: ihr müsst unbedingt eure Geschichte aufschreiben. In der Folge entstand Farbe bekennen, das bahnbrechende Werk der afro-deutschen Frauenbewegung, welches schlussendlich auch die Aufarbeitung afro-deutscher Geschichte angestoßen hat, lange bevor es an deutschen Unis die ersten Lehrveranstaltungen dazu gab. Seitdem gibt es eine Fülle Schwarzer deutscher Literatur, von lka Hügel-Marshalls Autobiografie, über Natasha Kellys Anthologie Soul Sisters bis zu  den Berlin Romanen von Michael Götting und Schwarz Rund, um nur einige zu nennen.

In wie fern siehst du den Rassismus innerhalb feministischer Kreise heute als überwunden?

Rassismus basiert auf dem ideologischen Konstrukt von „Rassen", daraus resultierender fälschlicher Annahmen von Überlegen- und Unterlegenheit mit dem Ziel und der Rechtfertigung der Diskriminierung, Unterdrückung und Ausbeutung der Mehrheit der Menschheit durch eine Minderheit, deren technologische Überlegenheit auf der Ausbeutung der eigenen Bevölkerung beruht. Dazu gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen und dagegen gibt es Widerstand. Feminismus müssen wir im  21. Jahrhundert neu definieren, auch unter dem Aspekt des Rassismus, den es in unterschiedlicher Ausprägung auch in feministischen Kreisen gibt. Kürzlich wurde ich von einer jungen, linken, feministischen Initiative zum Thema „1968“ eingeladen. Aber nicht als Expertin, nicht als Wissenschaftlerin, nicht als Aktivistin , sondern als Schwarze Frau, also als Alibifrau. In der Anfrage an meinen Verlag hieß es: „Uns ist aufgefallen, dass uns noch Schwarze Frauen fehlen“. Ich war nicht die einzige, die abgesagt hat, und die Organisator*innen haben sich auch entschuldigt. Aber es ist offensichtlich einfach kein Bewusstsein da. Ein anderes Beispiel ist das neue, digitalisierte Frauenarchiv, das auch von der Bundesregierung mitgefördert wird. Außer May Ayim, so verdienstvoll sie auch ist, wurde dort keine einzige Schwarze Frau und keine Frau of Color aufgenommen. Das ist missachtend, ob nun bewusst oder unbewusst, spielt keine Rolle.

Außerdem habt ihr bereits in den 1980ern kritisiert, dass Feminismus und Rassismus historisch gesehen immer wieder gegeneinander ausgespielt worden sind.

Und das passiert auch heute noch. Beispiele dafür sind die Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht, die Frauenmärsche AFD-naher Kreise, oder Hetzjagden auf geflüchtete Menschen wie in Chemnitz letztes Jahr, wo von rechter Seite argumentiert wurde, dass der ermordete Mann seine Freundin vor einem geflüchteten Mann beschützen wollte. Ich  finde das ungeheuerlich, weil hier wieder ein Bild von nicht-weißen Männern gezeichnet wird, die übersexualisiert sein sollen. Das ist das alte rassistische Argumentationsmuster.  Aus  der Kolonialzeit kennen wir die gleichen übersexualisierten Darstellungen, im Nationalsozialismus gab es die aggressive Schmähkampagne gegen die Kinder Schwarzer Besatzungssoldaten und weißer Deutscher Frauen im Rheinland, die in Verfolgung und Zwangssterilisation dieser Kinder gipfelte.

Rassismus scheint in Deutschland wieder salonfähiger geworden zu sein. Für viele, auch aus der sogenannten weißen Mehrheitsgesellschaft, war Chemnitz ein Weckruf und sie fragen sich, wie es soweit kommen konnte.

Einige von uns haben den Fehler gemacht in den 1990ern zu denken, ,,ich werde nicht mehr jeden Tag gefragt, warum ich so gut Deutsch spreche. Es ist ja auch schon vieles erreicht worden, wir leben in einer „multikulturellen Gesellschaft“ etc. “Da kann man es sich auch mal etwas gemütlicher machen, wenn es nicht mehr ganz so schlimm ist“. Und dann darf man natürlich auch den Backlash in der gesamten politischen und ökonomischen Entwicklung nicht vergessen. Ob Chemnitz, Nazi-Aufmärsche und Hetzjagden ein Weckruf für die Mitte der weißen Mehrheitsgesellschaft sein können, wird sich erst noch zeigen müssen.

2018 ist dein neues Buch Empowering Encounters with Audre Lorde erschienen. Was hat uns Audre Lorde heute noch zu sagen?

Ich denke die gegenwärtige Situation in unserem Land gebietet es direkt, dass wir uns mit ihren Werken auseinandersetzen. Viele ihrer Sätze sind nach wie vor hoch aktuell. Sie hat immer wieder gesagt: ,,My silences had not protected me. Your silences will not protect you”. Also, unser Schweigen schützt uns nicht. Auch hat sie schon lange vor Kimberly Crenshaw, wenn auch mit anderen Worten und auf eine andere Art und Weise, darauf hingewiesen, dass wir uns mit Mehrfachdiskriminierungen auseinandersetzen und die Bedeutung von Intersektionalität erkennen müssen. Wir alle haben eine Stimme und wir müssen diese Stimmen hörbar machen. Außerdem müssen wir auch mit verschiedenen anderen Gruppen starke Allianzen schaffen, statt uns durch unsere Verschiedenheiten auseinanderreißen zu lassen, um gemeinsam zumindest den brennendsten Problemen in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken. Denn, wenn wir zwei gesamtgesellschaftliche Probleme vernachlässigen - den erstarkenden Rechtspopulismus und die Klimakrise - dann haben sich all unsere Probleme irgendwann von selbst erledigt, weil die Welt im Chaos versinken wird. Um mit den Worten Audre Lordes zu sprechen, wir müssen uns der zerstörerischen Kräfte, die sich gegen uns verbündet haben, bewusst sein. Aber wir können es schaffen, und dies sogar mit Freude an der Auseinandersetzung“. Insofern geht der Black History Month uns alle an.

Zur Person

Marion Kraft, geboren 1946, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin, Dozentin und Übersetzerin. Zuletzt erschien 2018 ihr Buch Empowering Encounters with Audre Lorde im Unrast Verlag.

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