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17.06.2018, Jamal Tuschick

Neues aus der Reihe Kombattanten im Kulturkampf - Wie alles anfing

Merhamet - Erbarmen war ein wichtiges Wort der internen Debatte. Manche hatten Merhamet, andere waren erbärmlich.

Im Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus werden negative Begriffe umgedeutet und neu adressiert. Nach Frantz Fanon löst dieses Verfahren dann eine Krise aus, wenn das – in der kolonialen Perspektive – „minderwertige“ Subjekt sich mit den Mitteln der „überlegenen weißen“ Zivilisation zu verbessern, Fanon sagt, „zu maskieren“ versucht. Dagegen richtet sich die Négritude.

Auch sie operiert mit Umdeutungen, erkennt aber im europäischen Standpunkt keine positive Referenz. Folglich findet sie da (angeblich) auch kein neurotisches Potential.

Die schwarze Emanzipationsformel stammt von dem 1913 in Basse-Pointe auf Martinique geborenen Politiker und Schriftsteller Aimé Césaire. Zaimoglu inszenierte gemeinsam mit Amos Oz im Ruhrtheater ein Gedicht von Césaire, das 1939 als Schlüsseltext der Négritude entstanden war – Cahier d’un retour au pays natal.

Die Premiere war ausverkauft. Es kamen Leute, die sonst nie ins Theater gingen und auch an diesem Abend eine politische Veranstaltung erwarteten. Die mediale Politikdarstellung war so theatralisch personalisiert, dass die solistisch performende Hanne Flips dem Ideal eher entsprach als die eingeflogene Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth.

Massenmedien lieferten dem großen Theater der Legitimation die Bühnen. Es gab keinen Wettbewerb der Systeme mehr. Konkurriert wurde auf dem Feld der Scheinereignisse und der symbolischen Handlungen. „Außerparlamentarisch“ erreichte neue Bedeutungen. Man besetzte einen Raum und sagte: Ihr seid das Parlament. Was jetzt passiert, ist Politik. Unsere Bedürfnisse legitimieren uns.  

Cahier d’un retour au pays natal verwandelt Césaires Kindheit auf einer französisch kolonisierten Antilleninsel in einen poetischen Gegenstand. Sechs Brüder und Schwestern müssen sich ein Rattenloch teilen. In der Nachbarschaft schlafen Leute im Gestank ihrer Exkremente: so steht es bei Césaire, der als Kommunist anfing und beinah Präsident von Martinique geworden wäre.

In Flips‘ Deklamation entstand ein fiebrig-weißes Gegen-Ich. Mir ging die Krux der Inszenierung auf. Zaimoglu und Oz feierten das Emotionale als zentrale Kraftquelle unterdrückter Völker. Das war die weiße Perspektive.

Oz erzählt von einer Großmutter, die dreimal am Tag badete

Die in der Hitze der Levante oft kaum bekleideten orientalischen Männer erscheinen ihr in einer Weise anziehend, die mit ihrer Erziehung nicht in Einklang gebracht werden kann. Die Eltern, polyglott und urban, finden im israelischen „Aufbauwerk“, dem sich Oz begeistert anschließt, keinen rechten Platz. Sie vergehen vor Sehnsucht nach Europa, dieser enttäuschenden Liebe. Sie separieren sich von dem Sohn.

Die Mutter bringt sich um. Vor der Wahl zwischen arabischem und jüdischem Käse sieht sich der junge Pionier Oz zu grundsätzlichen Entscheidungen genötigt. Eine Verschmähung des Kibbuz Käses kann bereits Verrat am Zionismus sein.

„Ich war ein glühend nationalistisches Kind“, sagte Oz. Der Künstler als Patriot erkannte im Befehlshaber der Untergrundorganisation Etzel, Menachem Begin, sein großes Vorbild. Begin erschien Oz wie „der Prophet Elia in den Felsklüften des Karmels.

Zaimoglu sagte: Wir sind die Goten, ihr wart Rom

Unsere Angriffe auf bewährte Muster zur Bewältigung von Differenzerfahrungen sollten neue deutsche Literatur hervorbringen. Darum ging es – sozialistischer Realismus in Farbe. In Ljubljana redeten wir mit Schleusern und Schiebern. Unsere Gewährsfrau war eine Slowenin. Viera organisierte eine Rattenlinie von Ost- nach Westeuropa. Sie kooperierte mit konfessionellen Einrichtungen und hielt sich an Gangster, die auf die Bibel schworen.

Nächste Woche mehr.

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