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12.05.2019, Jamal Tuschick

Die Sizilianische Schuld – Ein Fortsetzungsroman – 1. Folge

Vergessene Zwecke

Diese Geschichte hat ein Ende und etliche Anfänge.

Die Unschuld ist zwar über alle Gewalt erhaben, lässt Lessing Emilia Galotti erkennen, aber nicht über alle Verführung. „Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.“

Erster Anfang

Kurz vor der Teamsitzung passt mich Luise ab, um mir auszurichten, dass Brentano in der Besenkammer auf mich wartet. Die Besenkammer liegt im Schuldachstuhl. Sie diente vergessenen Zwecken. In ihrer gegenwärtigen Funktionslosigkeit taugt sie noch nicht einmal zum Arsenal überflüssiger Dinge.

Ich delegiere meine Aufgaben an R. Eine aktivistische Vergangenheit hängt ihr zum Hals heraus. Sie macht auf biederer Beluga, so als Spätoptimierte, ohne zu begreifen, dass es den gedankenlos Vernünftigen im Leerkörper vollkommen egal ist, wie sie ihre gewendeten Kleider trägt, solange nur ihre dienstflotte Dankbarkeit vorhält. Ihre gerade gescheiterte Ehe versucht sie unter wertschöpferischen Aspekten zu betrachten. Nicht nur Ausnahmen in der Generation unserer Mütter heirateten sich offensiv reich.

Das fällt mir im Treppenhaus ein. Ich gedenke meiner gepanzerten und aufgetakelten Tanten und Großtanten in ihren Toscawolken. Da war keine, die nicht nach Sachwerten als Millionärin gestorben wäre.

Ich treffe Brentano lesend an. Ein schiefer Kartenständer, der mich an die Vogelscheuchen meiner Kindheit erinnert, ist dem Bestand in die Besenkammer verlorengegangen. Brentano wendet sich mir allmählich zu, so als fühle sie sich gestört und auch wie eingerostet.

„Weißt du, dass man im 19. Jahrhundert Bosnien die zweite Levante nannte?“

„Jetzt weiß ich es.“

„Der Islam saß uns immer im Genick. Er war von Anfang an expansiv. Und war er es einmal fünfzig Jahre nicht, dann nur, weil ihm die Kraft ausgegangen war.“

Ich darf Brentano nicht vorgreifen. Initiative ist mir nur in Beweisen totaler Ergebenheit gestattet.

Ich verliere selten die Angst, etwas falsch zu machen und nicht zu genügen.

Brentano massiert sich einhändig den Nacken. Ich konsumiere das unflätig-maskuline Selbstbewusstsein. Brentano ist ein Ausflugsvehikel in die verbotenen Gärten meiner Grandiosität. Ich identifiziere mich mit ihr zu meinem Vorteil. Ich vergesse meine Schwäche in ihrer kostspielig duftenden Nähe.

Die Inszenierungen unserer Beziehung werden mit dem wachsenden Abstand zwischen uns anspruchsvoller - elaborierter, wie der Mann im Mond sagt. Ich nenne ihn Waldemar. In einer Version ist Waldemar ein bedeutender Regisseur. In einer anderen Fassung leitet er lediglich die Theater-Arbeitsgemeinschaft und leidet schwer unter unseren Elevinnen, die sich auf der Bühne unernst produzieren wollen. Auf die Rosa Park gehen die Gören der Granden. Ich halte eine Prägestelle der zukünftigen Nomenklatura in Ordnung.    

Brentano lässt mich schmoren. Sie ist nicht anfällig für Empfindlichkeiten.

Waldemar trägt das Brandmal eines Reuigen. Er kommt mir manchmal hoch wie ein Rülpser.

Endlich kommt Brentano zur Sache:

„Sie wollen, dass du Fredo erledigst.“

„Klingt nach einer wohltuenden Abwechslung. Wo stinkt das Stück Scheiße?“

„In Sevilla.“

Ich tauche in eine Woge des Glücks. Ich liebe den zurückgedrängten, wie ein starker Motor im Leerlauf vibrierenden, spanischen Katholizismus. Die katholische Kirche ist die älteste Institution der Welt und tausend Mal resistenter als jede jüngere Idee. In Sevilla bist du katholisch oder du bist nichts.

Brentano lächelt.

„Ich mache dir gar nicht so gern eine Freude. Nach meiner Erfahrung sind wir besser, wenn wir nicht zu viel Spaß an der Arbeit haben.“

„Das lässt sich nicht immer vermeiden.“                      

Reaktionäre Punks

Fredo ist die Inkarnation der neuen Zeit und ein Häuptling der Hinterhältigen. Die neue Zeit begann im ewigen Sommer Neunundneunzig. Ein Feind tauchte auf wie entsandt von einer anderen Galaxie. Wir von der Polizei kannten niemanden und hatten von niemandem je gehört, der so omnipotent scheiße war. So wie in der Neuen Welt kein Kolumbuskraut gegen die Syphilis wuchs, so gab es in Deutschland kein Mittel gegen den neuen Feind. Zuerst glaubten wir, absolut heruntergerockte Randfiguren mit Ostbiografien seien vom Wahnsinn verleitet worden, unsere Systeme zu infiltrieren. Reaktionäre Punks. Sich selbst Entglittene, die als Punks aufstanden und als Skins zu Bett gingen. Irgendwann begriffen wir, dass sie weder links noch rechts waren, oder dass es egal war, ob sie links oder rechts waren. Die Verbindungen liefen anders und quer durch alle gesellschaftlichen Register. Sie waren überall, auf der Straße, in den Zeitungen, im Fernsehen. Ihr Fußvolk bezahlte dafür, sich beteiligen zu dürfen. Die öffentliche Hand streichelte die Zerstörer*innen im Förderungsmodus. Ich behaupte, der Berliner Bürgermeister war einer von ihnen. Eines Tages kam Brentano in mein Büro und bedeutete mir mit dem Armeefingerzeig für wir sind eingekreist ihr ins Freie zu folgen.

„Wieviel Mumm hast du noch?“ fragte Brentano auf der Galatreppe des Präsidiums.

Ich schlug die Faust auf mein Herz.

Es gab eine alte Verabredung – einen Schwur. Man sagte nur: En garde. Brentano nickte zufrieden. Sie sagte:

„Quittier den Dienst. Wir müssen eine Struktur außerhalb des Systems aufbauen.“

So fing das an.

Nachtrag

Aus einem Gutachten zu meinem bis heute unveröffentlichten Roman

Die Autorin* legt in verschiedene Richtungen führende Erzählspuren, die das Leserinteresse hochhalten. Dem Handlungsverlauf kann man gut folgen. Allerdings wäre es angebracht, die hyperrealistischen Volten der zweiten Romanhälfte früh(er) anzukündigen, nicht zuletzt, um die Spannung zu erhöhen und einen narrativen Mehrwert aus der zweiten für die erste Hälfte zu schöpfen, aber auch, um den Eindruck von Geschlossenheit nicht zu untergraben. Unterlässt man solche Verbindungen und Hinweise auf künftige Höhepunkte und Überraschungen, gerät der Leser womöglich in die Lage, sich über Brüche im Roman zu wundern.

*Als Frau werde ich nur wahrgenommen, so ich es will.

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