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12.05.2019, Jamal Tuschick

„Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles zusammenkommt“, spekuliert Daniela Seel. - Erste Bemerkungen zu Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“.

Im panischen Ego-Raum genereller Machbarkeit

Straßenszene in Berlin. Beachten Sie die Agenten des Wetters. „Die allumfassende Ansprechbarkeit der Welt scheint sich durch lockere pantheistische Vorannahmen auf wunderbare Weise rationalisieren zu lassen“, schreibt Monika Rinck.

Eingebetteter Medieninhalt

Butter hell aufschäumen

„Dem Aufenthalt des Ichs in der Dichtung“ lässt sich viel hinzufügen. Monika Rinck gibt nicht nur Bedingungen des Schreibens an, sondern auch Bedingungen des Lesens – die Verfassung einer Erfassten. Wie befinde ich mich im Augenblick der Lektüre und welcher Wein passt dazu? Nicht verschwiegen wird, was in der Osteria auf den Tisch kommt.  

Monika Rinck, „Champagner für die Pferde – Ein Lesebuch“, 526 Seiten, 24,-

Man gibt Risottoreis in hell aufgeschäumte Butter, nach einem Rezept, das als Fußnote unter den Fließtext taucht.

Rinck ist mit dem Ernst, der allem nun wieder anhaften soll, unterwegs. Sie scheucht ein Gedicht „durch die Korridore (ihrer) Argumentation.  

Das Gedicht als letzte Utopie

Die Dichterin zitiert ihre Verlegerin Daniela Seel.

„Angenommen, das Gedicht wäre der Ort, wo alles zusammenkommt.“

Sie positioniert sich im Jargon des Aktivismus. Der Feind steht rechts und übt Verrat. Er ist so „wehleidig“ wie „gefährlich“ und in jedem Fall auch „unbeweglich“. Süchtig ist er, „nach etwas, dass (er) Normalität nennt und (das er) für alle anderen zerstört“.

„Viele Begriffe weisen zurück“, erkennt Rinck. Heimweh sei einer, Heimat hingingen sei vielleicht „nichts als eine in die Zukunft projizierte Regression“.

Zu den Allianzen des Gegners gehört eine „Kampfgemeinschaft der Ausgemusterten“, die überhaupt erst von ihren Kritiker*innen auf den Plan gerufen wurde. Man fragt sich, was die Vertreter*innen „einer taktischen politischen Niedertracht, die … das Unding einer nationalen Identität im Dreierpack veräußern“ vor ihrer Mobilmachung getan haben. Ich stelle sie mir im Dornröschenschlaf vor, malerisch hingeworfen von höheren Mächten, expatriiert nun aus Schlossparkauen. Selbstverständlich ist ihr Selbst „die Gabe der Anderen“. Sie träumen von „einer entmischten Vergangenheit, die es so nie gegeben hat“.

Das sind deutliche Worte. Das ist politisches Sprechen. Es konkretisiert sich ungemein „im Zeitalter des negativen Narzissmus“ und des avancierten Anspruchs, der sich blindlings „bedient bei den Künsten, den Fiktionen, Filmen, Moden“, Theoretiker*innen – und ... all dies hinüber in den panischen Ego-Raum einer generellen Machbarkeit“ reißt, deren Zwanghaftigkeit nur schwer in Zweifel zu ziehen ist.

So schildert sich ein Übergang von der Poesie zum Alarm aus – nah einem Weltenekel.

Den Guten (zu „guten Gedichten“ Befähigten) bescheinigt Rinck eine „identitätsarme und spielfreudige Beweglichkeit“. Die Autorin baut einen Gegensatz zwischen rechter Unbeweglichkeit/Wehleidigkeit und guter Spielfreude auf und aus. Auf der einen Seite die Verdrießlichkeit falscher Heimat- und Identitätsbegriffe und auf der anderen Seite die Produktionsbedingungen des Gelingens.

„Es wird ab heute nur noch sehr ernst gespielt.“

Wird morgen fortgesetzt.  

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