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13.05.2019, Jamal Tuschick

Bemerkungen zu Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“.

Eloquente Gespenster

Der ozeanische Plastikmüll verwandelt sich in eine „feindliche Lebensform“, während wir hier sitzen. Der Plural ist umstritten. Helene Gala Dmitrievna war kaum volljährig, als sie 1916 nach Paris kam, um Paul Éluard zu heiraten. Sie verkündete: Ich werde alles tun, aber ich werde aussehen wie eine Frau, die nichts anfasst.

Monika Rinck, „Champagner für die Pferde – Ein Lesebuch“, 526 Seiten, 24,-

Max Ernst bewunderte Galas Beischlaftalent. Éluard ermutigte ihn, daran teilzuhaben. Ich erzähle das in Abschweifung von einem Gespräch über Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“. Gerade geht es um Sprachgewalt. Rinck fragt:

„Hat der Autor, die Autorin die Sprache in der Gewalt? Oder übt die Autorin mit Hilfe der Sprache Gewalt aus?“

Ist es nicht vielmehr umgekehrt? Übt nicht die Sprache mit Hilfe der Autorin Gewalt aus. Wie kann der Text klüger sein als die Autorin, wenn sie ihn in der Hand hat? Zumal Rinck selbst sich widerlegend schreibt: „Das Gedicht … setzt eine Deutung in Gang, die es ohne das Gedicht nicht gäbe. Der Autor, die Autorin haben damit nichts zu schaffen.“

„Wissen zu wollen, wie man gelebt haben wird, macht müde.“   

Die Dichterin erkennt eine unternehmerische Logik bei der Produktion von Identität „im Zeitalter des negativen Narzissmus“. Sie fragt: „Hm, ob das wirklich hilft, wenn der digitale Raum sich zusammentut, um eine Person sprachlich zu vernichten?“ Auf den Baustellen von Buenos Aires vermutet sie „eloquente Gespenster, die … anfälligen Leuten sehr gefährlich werden können“.

Wir – sobald es einmal angestoßen wurde – zeigt es sich so oder so ständig. In dem Gedicht „Das Unmögliche“ flaggt es über „dem Flaum von einem Kellner, der so sehr wünscht, was andres zu sein, dass wir ihn auspeitschen müssten, damit er sich, von Dankbarkeit erfrischt, daran erinnerte, was er kann und was nicht.“

Ist das nicht ein Wir im Geist der „anonymen Grobheit eines abgesüßten Schwächlings“ von dem Jean Paul spricht?

Dazu morgen mehr.

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