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14.05.2019, Jamal Tuschick

Man solle ja auch nicht erwarten, dass Glück tröstlich sei. … Sie habe schon vor Jahren gelernt, dass Fortuna nur die entdämonisierte Spätform der Tyche sei. - Dichtung und Wahrheit. - Bemerkungen zu Monika Rincks Lesebuch „Champagner für die Pferde“ und zu James Joyces „Dubliner“.

Wilderness der Wünsche/Überleben in der Dekomposition

Lesend unter dem Regenschirm, dem Glück so nah

„Verdammt auf eine Zeitlang nachts zu wandern.“ - Vielleicht hatte Biograf Richard Ellmann die Shakespeare-Zeile im Sinn, als er über den zwanzigjährigen Dichter von „Chamber Music“ schrieb: „An den schütteren, verfärbten Faden seiner arbeitslosen Tage und ausschweifenden Nächte hing er seine Verse auf.“

Vielleicht dachte Joyce an Shakespeare, als er 1904 einer Geschichte diesen Anfang gab: „Nacht für Nacht war ich am Haus vorbeigegangen … und hatte das erleuchtete Viereck des Fensters studiert: und Nacht für Nacht hatte ich es auf dieselbe Weise erleuchtet vorgefunden, schwach und gleichmäßig.“

Sicher ist, dass Joyce (1882 – 1941) mit der Niederschrift der „Schwestern“ einer Aufforderung nachgekommen war, etwas „Einfaches, Ländliches … Ergreifendes“ zu liefern und ihn, den finanziell lebenslang Verlegenen, die Aussicht auf das Honorar antrieb.

James Joyce, Dubliner, aus dem Englischen von Harald Beck, Reclam Stuttgart, 337 Seiten

Die Geschichte erschien zuerst am 13. August 1904 im „Irish Homestead“ und führte Stephen Daedalus in der Autorenspalte. Stanislaus Joyce, des Schriftstellers Bruder und „Hüter“, begründet das Pseudonym mit Scham. Ein hochmütiger Debütant habe sich geniert, in dem „Schweineblatt“ zu veröffentlichen. Das ist die halbe Wahrheit. Joyce saß an „Stephen (Daedalus) Hero“, er war sein eigener Held. Zehn Jahre später taktete „Dubliner“ mit den „Schwestern“ auf. Der Band arrangiert einen Zyklus von fünfzehn Geschichten. Joyce verwandelt „das grobe Brot des Alltagslebens in etwas, das ein künstlerisches Eigenleben besitzt.“ Sein Blick rempelt Dublin.

Was alle Korrekturen eint, ist ihre Nachträglichkeit

„Auch das, was dem Gedicht vorausgeht, gehört unbedingt dazu.“

Im September 2017 rechnet Rinck täglich damit, in Istanbul zur Stipendiatin zu werden. Es gibt Verzögerungen im Geleit der Eilmeldungen, und es stellt sich die Frage, „ob es … angeraten sei, weitere Petitionen zu unterschreiben“. Die Dichterin bestimmt das Verhältnis von Befürchtungen und Erwartungen. Sie analysiert die Logik der Paranoia, nach der die schlimmstmögliche Annahme dem vorläufig schlimmstmöglichen Fall vorausgeht, so dass der Belohnungseffekt Leib und Seele hochjazzt.

Die Vorausschau wurde vom Eintritt der Ereignisse geadelt. Man scheint realitätstüchtig zu sein. Nicht unwahrscheinlicher ist, das Folgendes geschah:

„Da verkleinert sich der Raum so lange, bis er in etwa der Größe meines in die Enge getriebenen somatisierenden Körpers entspricht.“

„Herrje, da kippen wir jetzt einen Würzling drüber.“

Monika Rinck, „Champagner für die Pferde – Ein Lesebuch“, 526 Seiten, 24,-

Das gute Gedicht führt beide Ansichten eines Zustandes zusammen. Die Dichterin kompiliert die Spannweiten des Davor und Danach. Sie erkennt, dass die Angst vor einer türkischen Repression unterwandert wurde von Unwägbarkeiten der Haushaltsführung.

„Es hatte sich ein Raum aufgebaut, in dem ich nicht mehr frei denken konnte.“

Joyce schreibt: „Nacht für Nacht war ich am Haus vorbeigegangen … und hatte das erleuchtete Viereck des Fensters studiert: und Nacht für Nacht hatte ich es auf dieselbe Weise erleuchtet vorgefunden, schwach und gleichmäßig.“

Rinck antwortet: „Meine Vorstellungskraft überraschte mich Nacht für Nacht mit neuen Szenarien. Das Visum kam nicht. Die Tage gingen vorüber, als würde keine Zeit vergehen, und ich geriet aus dem Tritt.“

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