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15.05.2019, Jamal Tuschick

Die Sizilianische Schuld – Ein Fortsetzungsroman – 2. Folge

Historischer Katzensprung

 

Für meinen Vater begleitete die britische Verfassungskrise von 1936 einen Triumph der inneren Freiheit.

Auch mein Vater verfügte über einen trivialen Schatz, bestehend aus Erinnerungen und Fehldeutungen. Ein Augenblick am Comer See in den Fünfzigerjahren verlieh dem Landschaftsbegriff Lombardei einen besonderen Klang im Verein mit dem labial stets unbewältigten Lago di Como.

Sich einen Zungenbrecher auf der Zunge zergehen lassen …

Vermutlich trug der junge Italienfahrer ein Lumberjacket: ein Wort wie eine Grenze, die auf dem zweiten Bildungsweg nie überschritten wurde. Als geborener Sozialdemokrat lehnte er es ab, sich am Fürstenhäuserbetrieb zu delektieren. Adelsklatsch war für die Leute mit dem falschen Bewusstsein. Doch gab es da eine Lücke: Eddies Abdankungsstory. Nicht, dass mein Vater sich die Namen der Protagonisten jemals gemerkt hätte. Er wusste nur, in England hatte es einen König gegeben, der aus Liebe bürgerlich geworden war.

Für meinen Vater begleitete die britische Verfassungskrise von 1936 einen Triumph der inneren Freiheit. Eduard VIII. sah sich gezwungen, wir erinnern an Brechts Lied von der sexuellen Hörigkeit, für die Älteren unter uns etwas ganz und gar Lächerliches, die geschiedene und gemeine Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten. 

Der Commonwealth stand Kopf.

Die Regierungen überschlugen sich. Simpson erschien dem Establishment mehr als zweifelhaft. Georg VI. übernahm nach der Abdankung des Bruders. Ein historischer Katzensprung später regiert noch immer Georgs Tochter. Mit der ungeprüft übernommenen Version meines Vaters begegnete ich in den frühen Achtzigerjahren dem scharfsinnigen Rechtswissenschaftler Marius „Gott von Göttingen“ Schwertfeger. Den Spitznamen verdankte Schwertfeger seiner Arroganz. Auf seinen Feldern galt er als unschlagbar. In einer Pinte unweit der Gänseliesel brachte ein langsamer Denker zur Illustration einer Verfassungsfinesse das Gespräch auf Eduards Verbürgerlichung.

Schwertfeger nannte Eduards Lage in der Spätphase der Regentschaft tragisch. Er sagte:

„Wer so dicht an der Macht geboren wurde, stirbt, wenn sie er sie nicht ausübt.“

Schon damals hätte Prinz Charles als Beispiel versagt. Ich sah den royalen Kapaun gestern mit Camilla im Fernsehen.

Jeder hätte Schwertfeger widersprechen können, Eduard zelebrierte als Gatte einer Geschiedenen eine Riviera Existenz. Er überlebte seinen regierenden Bruder um Jahrzehnte. Ich formulierte um:

„Wer so dicht an der Macht geboren wurde, muss abdanken, wenn er sie nicht ausüben kann.“

Ein paar Jahre später wiederholte der gescheiterte Eschweger Rockstar Armin „Archie“ Sonntag, der sich als Schlagersänger einen Bungalow zusammengetingelt und schon mit Mitte Dreißig die ätzende Studiobräune geschäftsmäßiger Müßiggänger zu seinem Markenzeichen gemacht hatte, Schwertfegers Einschätzung:

„Wer zu dicht an der Macht geboren wurde, stirbt, wenn er sie nicht ausübt.“

Archie ermahnte die Runde unter einem Sonnenschirm vor seinem zwanzig Meter langen Freibad an die unfähigen Patensöhne Fredo und Sonny Corleone zu denken. Überall könne man die eigene Blödheit leicht überleben, schließlich wird überall nur mit Wasser gekocht. Nur als designierter Nachfolger müsse man unbedingt können, was man soll. 

Als Sohn des Dons kann Fredo nicht leben

Noch einmal gingen zehn Jahre ins Land, ich lebte in Frankfurt am Main, als an einem windigen Nachmittag Bull Calhoun, der in Deutschland hängengebliebene Hausmeister von Freddie das Wiesel, vorschlug, den Feierabend vorzeitig in der Eulenburg einzuleiten. Francis Ford Coppolas Der Pate war Calhouns Lieblingsfilm und so verstand es sich beinah von selbst, dass er sich davon jederzeit inspiriert zeigte. Ich merkte auf, als er sagte:

„Niemand kann Fredo leiden. Jeder sieht, dass das eine Ratte ist. Trotzdem hält der Don die Hand über ihn. Es nutzt aber nichts. Fredo kann nicht herrschen, also kann er als Sohn des Dons auch nicht leben.“

Das suggerierte: Als der Sohn eines Backpfeifengesichts wäre die Rattenhaftigkeit des Charakters gar kein Problem gewesen

Und dann sagte Calhoun:

„In solchen Fällen nutzt das Abdanken gar nichts. Für Versager gibt es kein Exil. Man schickt sie in die Wüste und da verrecken sie, um ihre Dynastie nicht länger zu gefährden.“

Nichts anderes hatte Schwertfeger gesagt. Doch Edward hatte seine Prädestinationsverweigerung und den Bedeutungsverlust überlebt. Er starb zwar als ein Irrlicht der Geschichte, aber auch als alter Mann.  

Ich schätze, Calhoun würde den Einwand in seinen ewigen Jagdgründen so kontern:

„Das zeigt doch nur, wie bedeutungslos das englische Königshaus ist.“

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