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16.05.2019, Jamal Tuschick

„Eine zu krasse Geschichte in einer zu schönen Sprache.“ Mit dieser Formulierung lehnte ein Lektor jenes Manuskript ab, dass nun unter dem Titel „Licht über dem Wedding“ als zweites Buch von Nicola Karlsson vorliegt. Es ist eine Liebeserklärung an einen bislang halbwegs gentrifizierungsresistenten Berliner Bezirk mit Superdiversitätscharakter und es handelt von Leuten, die noch nicht lange pauschal als Ausgemusterte wahrgenommen und abgewertet werden. Der Roman würdigt Daseinsformen, die heute zwar in Hillary Clintons basket of deplorables gerechnet werden, die aber zweihundert Jahre lang im Spektrum der Respektabilität lagen.

Die Cola war ausgetrunken - Nicola Karlsson geht mit einem Auszug aus ihrem wunderbaren Roman unter die Mainlaborant*innen. Wir danken.

(c) Detlef Eden

Agnes hasste sofort los

Die Cola war ausgetrunken. Agnes stellte die Flasche auf der Erde ab. Als sie überlegte reinzugehen, um von Heiner eine Zigarette zu schnorren, entdeckte sie das Püppchen kerzengerade die Treppen runterlaufen. Ohne lange nachzudenken, ging sie hinterher. Ihr Haar war zu einem Dutt auf dem Oberkopf verknotet. Ein glitzernder Rock blitzte unter dem langen Mantel hervor, die viel zu hohen Absätze klackerten auf den Stufen. Wo wollte sie nur in diesem Outfit hin?

Als Ostbrachen nach Neunundachtzig zu Partykulissen avancieren, ersetzt Wolf Hermann den gelernten Zimmermann als fähigen Autodidakten. Der Student zimmert das Clubinterieur im Stil der elegisch ruinierten Brandmauer zusammen und schillert als Liebhaber in einem Dauerfeuer der Gelegenheiten. Von Susann bekommt er Agnes.  

Nicola Karlsson, „Licht über dem Wedding“, Roman, Piper, 318 Seiten, 20,-

Susann sucht bald das Weite. Wolf zieht Agnes nicht ganz allein auf. Da ist noch Sandy, der die Wut des Kindes und dessen ratlose Ablehnung keine Kopfschmerzen bereiten. Sie guckt Filme, während Agnes mault.

Das ist eine Kindheit. Sie spielt vor allem in einem Hochhaus ganz in der Nähe des Gesundbrunnenzentrums. Der beißende Geruch von Pisse folgt Agnes überall hin. Gentrifizierung fasst in ihr Gebiet, ohne einen Gehwegschaden zu beheben. Allerdings klebt zunehmend weniger Hundescheiße am Trottoir. Die verdichtete Öde weicht der verdichteten Unterschiedlichkeit.

Noch bevor sie den Bahnsteig erreicht hatte, hörte Agnes den Zug in den Bahnhof donnern. Das Püppchen verschwand aus ihrem Blickfeld. Agnes eilte die letzten Treppenstufen runter und sprang in die Bahn. Hinter ihr schlossen sich die Türen. Das grelle Licht entblößte die Verletzungen in ihrem Gesicht. Was glotzt ihr so? Ertappte Gesichter schnell zu Boden gerichtet. Agnes zog die Kapuze tiefer. Verbarg sich in der Ecke und sah sich vorsichtig um. Sie entdeckte das Püppchen am anderen Ende des Waggons. Die Abtrennung versperrte ihr die Sicht, nur der glitzernde Rock und die hohen Schuhe ragten in die Wagenmitte hinein. Agnes konnte an ihrem Platz stehen bleiben, ohne sie aus den Augen zu verlieren. Sie sah anders aus als die Menschen, die in ihrem Kiez wohnten. Sie strahlte irgendwie. Sah aus wie ein Model. Wie die in der Werbung. Selbst ungekämmt sah ihr langes Haar lässig aus. Und darunter hatte sie ein wirkliches Puppengesicht. Mit einer kleinen Nase, langen Wimpern und einem Schmollmund. Heute hatte sie ihn rot geschminkt, dass man fast meinte, ihr Gesicht bestehe nur aus Lippen. Sie war groß und dünn, sah aus, als könne man sie zerbrechen. Und trotzdem hatte sie Brüste, nicht in BHs gequetscht, das wusste sie, denn durch ihre Shirts sah man ihre Brustwarzen pieken. Agnes starrte oft auf die Brüste anderer Frauen. Und verglich sie mit ihren eigenen.

In der Hosentasche fand sie einen alten Streifen Kaugummi, eingewickelt in silbernes Papier, an manchen Stellen war es bereits kaputt, sie wischte darüber und steckte ihn sich in den Mund. Kurz vorm S-Bahnhof Westhafen stand das Püppchen auf. Erst als die Türen sich öffneten, die anderen Fahrgäste ausgestiegen waren und Agnes mit einem kurzem Blick festgestellt hatte, dass das Mädchen weg war, stieg auch sie aus. Sie beobachtete den Dutt die Treppen hinaufwippen. Agnes hinterher. Wenige Menschen auf dem Bürgersteig. Nur die Straße viel befahren. Hupen.

Das Püppchen blieb an der Ampel stehen, den Kopf geneigt. Als sie kurzerhand nach rechts ging, die Straße überquerte, konnte Agnes erkennen, dass sie ein Handy in der Hand hielt und auf den Bildschirm starrte. In einer Seitenstraße blieb sie vor einer Bar stehen. Zögerte, bevor sie an die Tür klopfte. Wartete und zappelte dabei von einem Bein auf das andere. Die schwere Tür öffnete sich, und ein dicker, muskulöser Mann musterte sie von oben bis unten, dann ließ er sie herein. Die schwere Tür fiel sanft ins Schloss.

Agnes wartete ein paar Minuten, bevor sie die Straße überquerte. Sie schlich zum Eingang. Neben der Tür hing ein Schild mit absurd hohen Getränkepreisen, und Agnes wandte sich angewidert ab. Eine Nuttenbar.

 

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