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16.05.2019, Jamal Tuschick

Zwischenruf eines Neuberliners mit türkischem Vordergrund

Soziale Pornografie - Von Cengiz Can

Ja, weeste dit nich, wat Rumbalotte? Ja, wo ham se dir denn ausjebrütet?

Sag ich nicht, ist soziale Pornografie, in Berlin zu sagen, wo man herkommt, bei all den Isomatten mit Hochschulzugangsberechtigung. Viele studieren in der Spätkaufbackwarenniederlassung am Rosenthaler Platz, vierundzwanzigstundendauerauf. (Wenn sich die Suffixe im Türkischen erst einmal auf die deutsche Sprache ausgewirkt haben werden, sehen noch ganz andere Wörter so aus.) Eine Dame mit Drogenproblemen verkauft günstig Dahlmayr Prodomo aus dem Beutel, akkurat an der Haltestelle. Das regt einen Schmierfilm auf, ich sag freundlich, Arschloch, lass doch die Frau in Ruhe für ihren Lebensunterhalt Kaffeefahrten anbieten. Es können doch nicht alle Nachtwächter sein und so doof wie du zu deinem Glück. – Ungefähr Gottfried Benn: „Dumm sein und Arbeit haben …“. Es mischt sich eine antike Dame ein: Aber das ist doch geklaut. Die hat das doch geklaut.

– Ja und was haben wir gemacht nach dem Kriege, versuche ich zu fraternisieren. Aber das verfängt nicht, abgelehnt wegen Unglaubwürdigkeit. Zehn Minuten später sind wir (im polygamen Plural) wieder beim Thema, diesmal in der Tucholsky Buchhandlung. „Ja, weeste ditte nich, wat Rumbalotte bedeutet?“

*

Ines Geipel liest in der Buchhandlung.

Das westdeutsche Paar steckt die Köpfe zusammen: Dass die sich immer als Opfer stilisieren müssen.

Sie fallen auf, die Wessis. Vermutlich erscheinen sie sich imposant mit ihren Extras. Er hat die Jackettärmel gekrempelt und erzielt so den Stulpeneffekt. Sein Bart ist auf Kaiser getrimmt. Er zwirbelt an sich herum, ein steinalter Pfau, der sich bestimmt immer attraktiver fand als seine Frau. Sie ist die aufgedonnerte Mauerblume mit dem schönen Mann. Sie zischt das Urteil mit fanatischer Schärfe: Dass die sich immer.

Wie überall wähnt sie sich in der Überzahl. Davon geht sie einfach aus. Wo sie ist, ist Westen. Vor Ort ergibt sich daraus ein Orientierungsverlust. Außer ihr und ihrem Gatten und dem Zaunkönig in der letzten Reihe sind nur Ossis am Start.

*

Gleich, ob Falke, ob Sturm oder großer Gesang, wenn A. in der Rumbalotte liest, wird die Spelunke zum Schweigen gebracht. Das Publikum stiftet Sinnbilder der Entrückung. Ein paar deplatzierte Glanzstücke demonstrieren verträumtes Gucken am Tresen. Stilistisch variieren sie frühe Suhrkamp-Termine, diese Schäume aus jungen Menschen und verwahrlosten Spitzenkräften der Kultur. Der kahle Greis zu ihren Füßen scheint geradezu erpresst von Devotion. Er schlägt die Hände vor den Kopf und behält sie da. Flagellanten kreuzen auf, die Stimmung ist kurz vor Lux aeterna. A. bespricht die Unzuverlässlichkeit des Lichts. „Grammatik erniedrigt die Instinkte“ weiß ein lyrisches Ich. Es behauptet unpomadig: „Du denkst mit genug Muskeln.“
Ein Tempelfest geht über die Bühne, die Musik dazu klingt wie eine Vertonung der Mysterien von „Angkor Wat“. Die Erzählerin sieht Gesichter in Maserungen und entdeckt „ein Echo ihrer Kindheit im Holz“.
Immer wieder stockt der Vortrag, der Tempel „feiert seine eigene Erosion“. A. suggeriert, erst in Gegenwart der Andächtigen für sämtliche Dimensionen ihrer Kunst den nötigen Anlauf nehmen zu können. Zugleich verwandelt sich die Rumbalotte in ein aufnehmendes Organ wie aus den Betriebskellern der Donnerkuppel. Mad Max humpelt zu seinem Kumpel Papenfuß. Dass sich da zwei küssen ist unvermeidlich und trotzdem nicht schön. Die Erzählerin nimmt jedenfalls Anstoß daran, sie zieht sich „zum Urinieren“ nicht allzu weit zurück. Und hat dann mit ihrem Kimono zu tun. Heißt sie Chiëko? Umständlich erzählt A., wie man Kimonos öffnet und schließt. Ob sie die Inbrünstigen auch manchmal verarscht? In einer Auffaltung ihrer vergrübelten Performance könnte sich Freude am Spott verbergen. Ein prahlender Riese spielt in der Zwischenzeit und gegen seine Langeweile mit dem Smartphone. Er rennt immer wieder vor die Tür der Rumbalotte, sie ins Schloss hauend und kommt dann zurück, um zu gucken, ob sich einer auf seinen Hocker gewagt hat. Die (seine Ignoranz und Auffälligkeit) strafenden Blicke treffen ihn nicht. Da steht ein Sieger, der denkt mit genug Muskeln.
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