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13.07.2019, Jamal Tuschick

Nicht wenige, denen Michel Foucault in der Verhaftung einer Zeitgenossenschaft etwas zu sagen hatte, sind tot. Aus einer Blase des Postumen treibt nun der vierte und letzte Band im Rahmen der Erforschung von „Sexualität und Wahrheit“.

Die Augen des Bewusstseins

Die Repression in einer rigiden Sexualpraxis und einer Ökonomisierung der Sexualität, die sich bis in den Regelvollzug fortsetzt, wurde nicht vom Christentum ausgelöst, sondern war vorher da. Die apostolischen Einlassungen basieren auf Milieuübereinkünften in einer nicht christlichen Welt. Am Anfang vom Ende einer langen Strecke des Begreifens zeigt Foucault, dass die Kirchenväter zu Anfang der christlichen Zeitrechnung stoische Leitsätze kopierten. Die Beherrschung der Begierde erscheint als Zentralmassiv. Foucault referiert die Ächtung der Lust in einem vorchristlich-antiken Regime, dass die Zeugungsvoraussetzungen in einen respektablen Rahmen stellte. So erledigt sich die landläufige Gleichsetzung von Christentum und Kastration des Ungezügelten. Die Analyse schickt Baal in die Wüste. Die Gebärde der Regression aus einer bigotten Moral zerfällt.  

Michel Foucault, „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit“, Band 4., herausgegeben von Frédéric Gros, aus dem Französischen von Andrea Hemminger, Suhrkamp, 557 Seiten, 36,-

Die Ehe ist von jeher ein Hort der Aufzucht. Wer nicht zeugen und züchtigen will, soll sich enthalten. Wer sich nicht enthalten will, hält den Taufbetrieb in Gang. Die Taufe ist das erste Sakrament. Es wäscht, tilgt, reinigt. Es bringt den Menschen noch einmal ins Leben. Die Taufe entspricht dem eigentlichen, vom Samen und den Kalamitäten der Gebärmutter nicht betroffenen Eintritt.  

Wer keine Sakramente empfängt, erscheint in der christlichen Welt nichtswürdig. Das in einem Verband aus Blut und Scheiße in die Welt Gewürgt-werden, bedarf der Veredelung. Letztlich handelt es sich dabei um eine patriarchale Übernahme. Der Mann kann zwar nicht gebären, aber doch die Bedeutung der Geburt feststellen.

Die Taufe als symbolischer Tod des trivialen Leibes und seine Auferstehung wird zu einer überwundenen Vorstellung. Nun sieht man in der Taufe die Gnade einer Übersetzung menschlicher Geringfügigkeit in etwas Größeres (die Aufnahme in Gott) sowie die erste Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen. Die Gemeinschaft pendelt zwischen Sünde und Buße. Auf dem Weg einer Bestimmung der Beziehungen von Sünde und Buße wendet sich Foucault jenen Verfehlungen zu, die im Dunklen stattfinden, insofern sie der Gemeinschaft vorenthalten werden können.

Er fragt: Kann entehrendes Verhalten jemandem die Ehre nehmen, auch wenn es keine Zeugen gibt?

Er spricht „von den Augen des Bewusstseins“.

„Die Scham stellt ein Urteil dar, dass das Bewusstsein fällt.“

Die Scham entzieht die Ehre unter Umgehung der Tribunale, solange sich der Mensch von Gott beobachtet weiß.

Hat man das intus, ist man auf Seite 131. Foucault trägt zusammen, er bewältigt eine Fleißarbeit. Dutzende von Fassungen der Beziehungen von Sünde und Buße verdichten sich in dem Dreiklang: Flehen, Füße küssen, Haare öffnen. Gott muss überredet werden. Er braucht Beweise der Bußfertigkeit. Stets hat man das Verhältnis eines Unterworfenen zu einem verstimmten Potentaten. Besonders schön:

Geboten sei, „in Sack und Asche zu liegen, den Körper durch Vernachlässigung der Sauberkeit zu verunstalten, seine Sünden durch das bittere Andenken darin wieder zurückzunehmen.“ Außerdem fasten, seufzen, weinen, Tag und Nacht schreien, vor allen Priestern knien und alle Mitbrüder so aufregen, dass sie mitmachen. Und dann umfassen alle Supporter des Sünders die Knie der „Lieblinge Gottes“.

Exzessiv und affektiv ist das Programm. Foucault schildert den Aufwand als „Wahrheitsverfahren“. Solche Verfahren tendieren zu ausschweifender Komplexität. Da ist ein Bedarf, sagt Foucault. Dahin rinnt viel aus allen möglichen Quellen hin zu gesellschaftstheatralisch wirkungsvollen und juristisch einschneidenden Ordnungsgrößen. Die Befreiung von einer Verfehlung ist ohne die Unfreiheit der Gemeinschaft nicht zu haben. Also geht es um Dramaturgie in einem geschlossenen Raum.

Die Untersuchungsmechanik der Sünde bewirkt extreme Unterstellungen, in allem, was das Wort leistet.

Man stellt sich unter. Man wird unterstellt. Man unterstellt sich. Es wird einem etwas unterstellt. Vielleicht habe ich etwas vergessen. In sämtlichen Delegationen verwandeln sich die Wahrheitsverfahren von theatralischen zu gerichtlichen Feststellungen. Foucault schreibt: Der Priester wird Richter, besser gesagt wäre, er tritt als Gottes Staatsanwalt auf den Plan. Er stellt sich zwischen den Sünder und Gott.

Bald mehr.

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