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13.07.2019, Jamal Tuschick

Kiana Ghaffarizad hielt diese Rede anlässlich der Neugestaltung und Wiedereröffnung des Bremer Gedenkpavillons für die Opfer rechter Gewalt, entwickelt und gestaltet durch das Jugendprojekt Köfte Kosher sowie anlässlich der Platzbenennung nach Marwa el-Sherbini.

Desintegrieren – Empowern – in Utopien denken - Von Kiana Ghaffarizad - 1. Teil

„[…] Ich spreche von radikaler Menschenliebe. Menschenliebe.

Ich spreche davon, eine Welt mitzukreieren, wo wir alle Platz

haben können

Ich spreche davon, dass wir uns vor den Problemen dieser Welt nicht verschließen können, weil sie uns alle angehen

dich und mich

Ich spreche davon, dass ich das alleine nicht schaffe und dich

bitte, mich zu unterstützen, indem du deinen Anteil daran findest“[1]

Die Zeilen, die ich eben vorlas, stammen aus einem Gedicht von Stefanie Lahya Aukongo – einer in Berlin lebenden Künstlerin, Lyrikerin und Aktivistin die – wie sie selbst erzählt – in ihren Texten über Erfahrungen aus einer Welt schreibt, die für sie, für eine queere Schwarze Frau, die von gesellschaftlicher Behinderung betroffen ist, die über Erfahrungen aus einer Welt schreibt, die nicht für sie gemacht ist.

Eine Welt, die für viele von uns nicht gemacht zu sein scheint. Eine Welt, die nicht gemacht zu sein scheint für Belaid Baylal. Mehmet Kubaşık, Ahmet Sarlak. Francoise Makodila Landu. Helmut Sackers. Klaus-Peter Beer. Alfred Salomon. Karl-Hans Rohn. Dragomir Christinel. Andreas Oertel. Alberto Adriano. Und für Marwa el-Sherbini.

Eine Welt, die für viele von uns, eigentlich die meisten von uns nicht gemacht zu sein scheint. Nicht für die, deren Körper, deren Religion, deren Selbstbilder nicht dem Bild, dem als Ideal phantasierten Bild eines weißen, heterosexuellen, heterosexuell begehrendem, gesellschaftlich nicht behindertem, cis- geschlechtlichen und irgendwie christlichen oder wenigstens christlich sozialisierten, aber bloß nicht jüdischen oder muslimischen „Normdeutschen“ entsprechen. Die, die diesem als Norm, als Ideal bloß phantasierten und doch so wirkmächtigen Bild überhaupt nicht entsprechen wollen.

Doch.

Diese Welt ist auch für sie gemacht. Diese Welt ist auch für uns gemacht. Sie wurde uns nur weggenommen. Und wir holen sie uns zurück. Wir sind schon längst dabei, sie uns zurückzuholen.

Liebe Freund_innen, Liebe Politisch Verbündete und vor allem: Liebe Jugendliche aus dem Projekt Köfte Kosher: heute habt ihr wieder die Welt ein kleines Stück für uns zurückgeholt.

Dazu gehört die Benennung des Platzes hier nach Marwa el-Sherbini, deren Leben durch einen antimuslimisch rassistisch motivierten Mord vor 9 Jahren ausgelöscht wurde. Der Mörder von Marwa el-Sherbini fand, dass es für sie, für eine muslimische Frau keinen Platz auf dieser Welt gäbe. Wie falsch er doch lag. Liebe Marwa el-Sherbini, dein Leben wurde ausgelöscht. Doch weder dein Name, noch die Erinnerung an deine Person. An diesem Platz. Und an ganz vielen anderen Plätzen auf dieser Welt.

Den Platz nach Marwa el-Sherbini zu benennen, ist nicht nur deswegen ein wichtiger Akt, weil er dafür sorgt, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Dass rassistische Morde nicht einfach in Vergessenheit geraten.

Für mich steht die Platzbenennung auch für einen wichtigen Akt der Dekolonisierung und der Entnazifizierung des Bremer Stadtbilds. Eine Stadt, in der so viele Straßen die Namen derjenigen tragen, die als Täter_innen am deutschen Kolonialismus und am Nationalsozialismus mitgewirkt haben. Eine Stadt, die mit ihren Straßennamen rassistische und antisemitische Handlungen von Menschen bis heute würdigt, während Betroffene von Antisemitismus, Rassismus und anderen Gewalterfahrungen noch viel zu wenig Anerkennung erfahren. Ich wünsche mir und ich hoffe, dass die Benennung dieses Platzes nach Marwa el-Sherbini einen weiteren Schritt darstellt für die Umbenennung all der Straßen und Orte, die bis dato Antisemitismus und Rassismus verharmlosen, die sie normalisieren. Dass der heutige Tag einen weiteren Schritt darstellt, für die Umbenennung von Straßen nach denjenigen Menschen, die gegen Gewalt und Unterdrückung ihre Stimmen erhoben haben. Für die Umbenennung nach Personen, deren Worte, deren Handlungen uns allen Mut machen, dass auch wir unsere Stimmen immer wieder und weiterhin erheben.

Dass die Welt ein kleines Stück für uns alle zurückgeholt wurde, das haben wir heute euch zu verdanken, liebe Jugendliche des Köfte Kosher-Projekts und liebe Initiator_innen und Projektleitende.

Heute spreche ich zu euch in Vertretung für Anetta Kahane, der Gründerin und Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. Und ich erinnere mich an eine meiner ersten Begegnungen mit ihr. Da erklärte sie mir in einem Gespräch das Konzept Tikkun Olam, eines der wesentlichen Bausteine des Judentums bzw. ein wesentliches Lebensprinzip für viele Juden_Jüdinnen. Tikkun Olam, erklärte sie mir, bedeutet wortwörtlich so viel wie die Welt zu reparieren, sie zu heilen. Tikkun Olam ist das Versprechen, mit dem eigenen Handeln auf die Verbesserung der Welt hinzuwirken, eine Verbesserung der Welt in Hinblick auf soziale Gerechtigkeit. Eine Welt, in der für alle ein menschenwürdiges Leben möglich ist, für Juden_Jüdinnen wie für Nicht-Juden_Jüdinnen.

Denn Tikkun Olam beinhaltet einen universalistischen Grundgedanken: Die Verbesserung der Welt soll allen Individuen auf dieser Welt dienen. Das Judentum, erklärte mir Anetta, verpflichtet zugleich nur Jüdinnen_Juden dazu, sich Tikkun Olam zu widmen. Anetta meinte noch, es wäre selbstverständlich schön, wenn auch Nicht-Juden_Jüdinnen sich Tikkun Olam widmen würden. Doch, so Anetta, wir können wir ja nicht Andere, sondern nur uns selbst zu etwas verpflichten. Gestern rief ich Anetta an, um sie zu fragen, welche Grußworte ich euch in ihrem Namen überbringen kann. Sie bat mich, liebe Menschen von Köfte Kosher, euch mitzuteilen, dass für sie das Projekt genau unter dieser Idee des Tikkun Olam steht.

Für Anetta als Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, die bundesweit bereits über 1000 zivilgesellschaftliche Projekte gefördert hat, die sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus einsetzen, für sie und für uns Stiftungsmitarbeiter_innen gilt Köfte Kosherals ein Herzensprojekt. Liebe Köfte Kosher: ihr seid 2012 im Rahmen der Aktion „Mut gegen rechte Gewalt“ als Projekt gestartet: eine Aktion, die die Stiftung gemeinsam mit dem Magazin Stern im Jahr 2000 ins Leben gerufen hat. Ihr wart junge Schüler_innen, die sich selbst als Juden_Jüdinnen und Muslim_innen verstanden.

Ihr habt euch im Projekt intensiv mit Alltagsdiskriminierung auseinandergesetzt, ihr habt euch dabei gegenseitig zugehört, eure Erfahrungen geteilt, was es heißt, von Antisemitismus, Rassismus und anderen Diskriminierungen betroffen zu sein. Ihr habt die Erfahrungen der Anderen anerkannt, egal, ob sie euren ähnlich waren oder ganz anders. Ihr habt euch gegenseitig gestärkt. Ihr habt euch miteinander solidarisiert. Ihr habt euch dann dazu entschlossen, Betroffenen von rechter Gewalt in Deutschland eine besondere Würdigung zukommen zu lassen und habt gemeinsam eine Gedenkwand für sie gestaltet.

Das Projekt Köfte Kosher war mit der Gestaltung der Gedenktafel nicht zu Ende. Heute, 6 Jahre später, seid ihr, die Gruppe, die sich bei Köfte Kosher engagiert, eine ganz andere als damals. Doch die Idee ist die gleiche geblieben. Vernetzung und Solidarisierung untereinander. Gegenseitige Stärkung. Sichtbarmachung von antisemitischer, rassistischer, homo- und transfeindlicher und behindertenfeindlicher Gewalt in Deutschland. Anerkennung für und Würdigung der Menschen, die dieser Gewalt zum Opfer fielen, die ihnen tagtäglich zum Opfer fallen. Ihr habt mit der Gestaltung der Gedenktafel und mit der heutigen Wiedereröffnung Menschen Namen und Gesicht wiedergegeben, die in den Kriminalitätsstatistiken nur noch als eine Zahl auftauchen, die in den öffentlichen und medialen Debatten um rechte Gewalt oft nur als eine anonyme Masse verhandelt werden.

Köfte Kosher war und ist ein Herzensprojekt der Amadeu Antonio Stiftung. Es ist ein herausragendes Beispiel dafür, was lokales Engagement bewegen kann. Ein Beispiel für die Power, die junge Menschen mitbringen, um die gemachten Trennungen in verschiedene gesellschaftliche Gruppen zu überwinden, um sich zu verbinden, um in dem Verbundensein gemeinsame Handlungsmöglichkeiten gegen Diskriminierung und rechte Gewalt zu visionieren und in die Praxis umzusetzen. Wir von der Amadeu Antonio Stiftung empfinden großen Respekt für euren Mut, für eure großartige Arbeit. Wir empfinden vor allem großen Respekt für eure solidarischen Haltungen.

[1]Auszug aus dem Gedicht „Radikal“ von Stefanie-Lahya Aukongo. In: Stefanie-Lahya Aukongo (2018): Buchstabengefühle. Eine poetische Einmischung. Berlin: w_orten & meer, S. 41 – 44.

Dieser Text wurde am 19. 06. 2019 erstmals auf der Homepage der Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/gedenken-an-die-ermordung-von-marwa-el-sherbini-48427/

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