MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.07.2019, Jamal Tuschick

Kiana Ghaffarizad hielt diese Rede anlässlich der Neugestaltung und Wiedereröffnung des Bremer Gedenkpavillons für die Opfer rechter Gewalt, entwickelt und gestaltet durch das Jugendprojekt Köfte Kosher sowie anlässlich der Platzbenennung nach Marwa el-Sherbini.

Desintegrieren – Empowern – in Utopien denken – Teil 2.

Für Anetta Kahane verkörpert Köfte Kosher die Idee des Tikkun Olam. Für mich verkörpert Köfte Kosher noch eine weitere Idee, und zwar eine Idee, zu der mich unter anderem Max Czollek [iii] inspiriert hat, ein jüdischer Essayist und Lyriker, in dessen kürzlich erschienenem Buch ich folgende Aufforderung las: Desintegriert euch! Desintegration als Handlungsprinzip für die Verbesserung der Welt. In den Bäuchen derjenigen, für die das Wort Integration sehr positiv klingt und die „Integration“ als die Leitidee unserer heutigen Gesellschaft, als dieLösung für die meisten gesellschaftlichen Probleme auf- und abdeklinieren, denen mag es gerade gehörig im Bauch grummeln. Es darf ruhig grummeln. Ich erkläre kurz, was Max Czollek unter der Idee der Desintegration versteht. Ich hoffe, dass die Bäuche dann weniger grummeln: Mit dem Aufruf Desintegriert euch! wendet Max Czollek sich an diejenigen von uns, von denen die weiße christlich-sozialisierte Mehrheitsgesellschaft meint, dass wir nicht selbstverständlicherweise dazugehören.

Sein Aufruf Desintegriert euch! richtet sich ermutigend an die in Deutschland lebenden Juden_Jüdinnen und meint: Befreit euch von den Rollenerwartungen, die die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft an euch heranträgt. Sein Aufruf Desintegriert euch! richtet sich an People of Color, Schwarze Menschen, an queere Personen und möchte sie ermutigen, jene einengenden Rollenzuschreibungen und gesellschaftlichen Platzzuweisungen, die die weiße christlich- sozialisierte Mehrheitsgesellschaft für sie bereithält, kritisch zu reflektieren. Jene einengenden Rollenzuschreibungen nicht anzunehmen und gesellschaftliche Platzzuweisungen zurückzuweisen. Sich zu Des-Integrieren.

Denn, wenn wir uns die politischen Rufe nach Integration in Deutschland genauer anschauen, was wird da eigentlich immer wieder – manchmal ganz offensichtlich manchmal sehr subtil – gefordert von den Menschen, die als integrationsbedürftig adressiert werden? Die Forderung lautet: Passt euch an ein Gesellschaftssystem an, das einige wenige zur absoluten Norm gesellschaftlichen Zusammenlebens erklärt haben, während alle anderen Lebensformen und Lebensentscheidungen als Abweichung, als das Andere, das nicht Passende, als das passend zu Machende oder gänzlich Auszuschließende definiert haben: Wenn wir Muslim_innen in Deutschland sein wollen, dann bitte nur ganz unauffällig, Klappe halten und irgendwie am besten ohne Kopftuch.

Wenn wir Juden_Jüdinnen in Deutschland sein wollen, dann bitte der christlich-sozialisiertenweißen Mehrheitsgesellschaft den Persilschein aushändigen, dass sie das mit der Entnazifizierung schon ganz ordentlich hingekriegt haben und dann am besten im gleichen Atemzug auch noch Israel ‚kritisieren‘. Dann erst gelten wir als integriert. Dann erst wird uns einigermaßen gesellschaftliche Anerkennung, wird uns gesellschaftliche Teilhabe – zumindest in Teilen – zugestanden. Max Czollek fragt mit Blick auf dieses Integrationsparadigma: Welche Teile der Geschichte, welche Teile der Gegenwart müssen dafür unsichtbar gemacht werden? Und formuliert darauf hin: Desintegriert euch! Von der Erwartung der Mehrheitsgesellschaft, dass wir Betroffene bei eurem Unsichtbarmachen mitmachen.

Liebe Menschen des Köfte Kosher-Projekt, für mich steht euer Engagement für die Idee der Desintegration, wie sie unter anderem Max Czollek formuliert und zwar deswegen: Weil ihr mit der Gestaltung der Gedenktafel nicht zulasst, dass die Opfer rechtsextremer Gewalt vergessen werden. Weil ihr euch selbstbestimmt und selbstbewusst für ein Sichtbarmachen einsetzt. Weil ihr euch des-integriert von den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft, wann Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung zum Thema gemacht werden soll und wann aber auch bitteschön nicht, weil’s dann irgendwie immer ungemütlich wird und viel lieber will man doch jetzt die eingestaubte deutsche Nationalflagge sauberbürsten und aus unseren Küchenfenstern flattern sehen. Weil ihr nicht schweigt, obwohl es ungemütlich wird. Weil ihr nicht die Rolle der angepassten Schweigenden annehmt, der Wegzuschweigenden, von dem, was in diesem Land an rechter Gewalt passiert. Und weil ihr uns anderen damit ein Vorbild seid, uns auch und weiterhin für das Sichtbarmachen und das Überwinden dieser Gewalt einzusetzen.

In diesem Land wird so einiges unsichtbar gemacht. Insbesondere wird unsichtbar gemacht, wie viele Menschen tagtäglich Opfer von rassistischer, antisemitischer und homo- und transfeindlicher Gewalt werden. Es wird unsichtbar gemacht, welche Rolle Antisemitismus, Rassismus und andere Diskriminierungen im Alltag von Schwarzen Menschen, People of Color, Juden_Jüdinnen und LGBITQ-Personen spielen. Allein zwischen Januar und April des Jahres 2018 wurden bei der Polizei 3714 Straftaten registriert, die von Rechtsextremist_innen begannen wurden [iv].

Erst vor wenigen Wochen wurde in Chemnitz die rechtsextreme Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“ aufgedeckt; in der Stadt, in der zeitweise die Mitglieder des NSU untergetaucht waren. Die Terrorgruppe hatte offensichtlich für den 3. Oktober Anschläge auf People of Color und Menschen mit Migrationsgeschichte geplant. Vor wenigen Wochen, das heißt, nur wenige Monate nachdem nach Münchener Oberlandesgericht in seinem Abschlussurteil des NSU-Prozesses darauf beharrte, dass der NSU ein isoliert agierendes Trio mit nur wenigen Unterstützer_innen war gewesen sei. Pro Asyl dokumentiert täglich mehrere Angriffe auf geflüchtete Personen und Geflüchtenunterkünfte.

Deutschland im Herbst. Deutschland im Herbst seit Jahren und Jahrzehnten. [v] Deutschland, die Akteure deines Integrationstheaters brüllen mir die Ohren taub, während die Rechtsextremen geschützt durch dein Brüllen weiter ihr braunes Süppchen kochen, an dem unsere Seelen und unsere Körper verbrennen.

Während die strafrechtliche Erfassung rechtsextremer Gewalttaten oft lückenhaft bleibt, während in der juristischen Ahndung noch viel zu oft lieber von „individuellen Gründen“, „Nachbarschaftsstreit“ und „die Motive sind unklar“ gesprochen wird, während ein breiter Teil der medialen Landschaft sich nach wie vor viel zu oft darum drückt, Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit als gesamtgesellschaftlicheProbleme anzuerkennen und dementsprechend zu berichten, und während es vor allem gesamtgesellschaftlichein viel zu geringes Interesse an den Schicksälen der Opfer rechter Gewalt gibt und insbesondere an den Perspektiven und Reflexionen von People of Color, Schwarzen Menschen und Juden_Jüdinnen, bemühen sich unter anderem verschiedene Opferverbände und Selbstorganisationen bundesweit darum, diese Leerstellen zu füllen. Unsichtbares sichtbar zu machen. Die Perspektiven der Betroffenen hörbar zu machen.

Die breit gefächerte Existenz von Diskriminierungsformen und rechter Gewalt zeigen mit aller Deutlichkeit auf, welche Bedeutung Anlauf- und Beratungsstellen, welche Bedeutung mobilen Beratungsteams und weiteren Verbänden zukommt, die Betroffene unterstützen, sie juristisch wie psychologisch betreuen und ihre Interessen vertreten. Doch in der Beratungslandschaft herrscht noch viel Luft nach oben. Bundesweit gibt es nach wie vor keine flächendeckenden Netzwerke – je ländlicher wir schauen, desto weniger finden wir sie. Viele der Beratungsstellen sind mit viel zu geringen Mitteln finanziert, arbeiten oft nur mit anderthalb bis zwei vollen Stellen. Damit Opferberatungsstellen in Bremen und bundesweit professionell, parteilich und solidarisch mit den Betroffenen arbeiten können, brauchen sie mehr Unterstützung, mehr finanzielle Förderungen. Und das ist mein klarer Appell an die Politik! In dieser Stadt. Und auf Bundesebene. Ein Appell, den ich im Namen der Amadeu Antonio Stiftung an die zuständige Politiker_innen, die hier anwesend sind, formuliere: Setzen Sie sich dafür ein, dass Opferverbände in dieser Stadt und bundesweit besser gefördert, besser unterstützt werden. Setzen Sie sich für die Einrichtung flächendeckender Anlauf- und Meldestellen ein. Unterstützen Sie auf diesem Wege Betroffene rechter Gewalt, indem Sie, wie Lahya Aukongo es formuliert, Ihren Anteil daran finden.

Ich komme zum Ende.

Es gab Zeiten, da habe ich, als Frau of Color in dieser Gesellschaft, mich sehr darum bemüht, mich in jene gesellschaftlichen Rollenerwartungen hineinzuzwängen, die an mich herangetragenen wurden. Mich schweigend an jenen Platz, in jene Ecke zu stellen, zu der die freundlich winkende weißeHand der hiesigen Mehrheitsgesellschaft mich hin delegiert. Heute nicht mehr. Den Rassist_innen und Rechten zum Trotz. Den Integrationsliebhaber_innen zum Trotz. Ich werde nicht mehr fremdbestimmt in dieser kleinen Ecke des gesellschaftlichen Raumes stehen bleiben. Ich werde selbstbestimmt durch das gesamte Haus tanzen. Und ich hoffe, dass ihr, liebe Jugendliche, liebe Freund_innen und politisch Verbündeten und all die Menschen, denen weißgemacht wird, dass ihre selbstgewählten Lebensformen, ihre Lebensentscheidungen in dieser Gesellschaft keinen Platz haben, dass ihr alle euch eurer Kraft, eurer Stärke, eurer Power vergewissert, Rassismus, Antisemitismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit zu trotzen, dass ihr euch eurer Power bewusst seid, die euch hilft, selbstbestimmt zu entscheiden, wie ihr leben wollt, wie ihr lieben wollt, woran ihr glauben wollt. Dass wir alle gemeinsam durch das Haus tanzen – ein Haus, in dem der Grundsatz Tikkun Olam lebendig ist.

Liebe Freund_innen, liebe politisch Verbündete, liebe Jugendliche vom Köfte Kosher Projekt: Heute haben wir uns gegen das Unsichtbarmachen entschieden. Gegen das Schweigen entschieden. Heute haben wir gesprochen. Und wir werden wieder und wieder und wieder unsere Stimmen erheben. Ich danke euch für euren Mut.

 

[iii]Der folgende Absatz bezieht sich auf: Max Czollek (2018): Desintegriert euch! München: Carl Hanser Verlag, insb. S. 43 – 45. Siehe auch: Micha Brumlik/Marina Chernivsky/Max Czollek/Hannah Peaceman/Anna Schapiro/Lea Wohl von Haselberg (Hg.): Desintegration. Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart 2/2017 ~ 2/5778. Berlin: Neofelis Verlag.

[iv]Quelle: www.tagesschau.de/inland/rechtsextremegewalt-101.html (Stand 17-10-2018).

[v]Die beiden Sätze sind eine Referenz auf das Gedicht Deutschland im Herbstder Afrodeutschen Poetin May Ayim. In: May Ayim (2016): Weitergehen. Gedichte. Aufl. 2. Berlin: Orlanda Frauenverlag, S. 72 – 74.

[1]Auszug aus dem Gedicht „Radikal“ von Stefanie-Lahya Aukongo. In: Stefanie-Lahya Aukongo (2018): Buchstabengefühle. Eine poetische Einmischung. Berlin: w_orten & meer, S. 41 – 44.

Dieser Text wurde am 19. 06. 2019 erstmals auf der Homepage der Amadeu Antonio Stiftung veröffentlicht: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/gedenken-an-die-ermordung-von-marwa-el-sherbini-48427/

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen