MenuMENU

zurück zu Main Labor

17.07.2019, Jamal Tuschick

Der Historiker und Pan-Afrikanist Walter Rodney war eine zentrale Figur der antikolonialen und schwarzen Kämpfe. Vierzig Jahre nach seiner Ermordung sind seine Gedanken zur russischen Revolution erschienen.

Eine Besprechung von Young-Migrants-Autor Kofi - 1. Teil

Fast vierzig Jahre hat es gedauert, das Buch fertigzustellen. Nach Walter Rodneys Ermordung durch das reaktionäre Forbes Burnham Regime in Guyana sicherten und verwahrten Angehörige, Kolleg*innen und Genoss*innen Notizen und Manuskripte, deren Edition sich hinzog. 

The Russian Revolution: A View from the Third World von Walter Rodney, erschienen bei Verso Books.

Der Beitrag erschien zuerst hier

Rodney war eine zentrale Figur der antikolonialen Kämpfe und der Schwarzen Bewegung und hat mit seinem theoretischen und praktischen Wirken ein bedeutendes Vermächtnis hinterlassen, nicht zuletzt mit seinem grundlegenden Werk How Europe underdeveloped Africa, das Robin D.G. Kelley und Jesse Benjamin, denen wir die Arbeit an Rodneys Notizen und damit dieses Buch zu verdanken haben, nicht zu Unrecht in eine Reihe mit Lenins und Nkrumahs Büchern über den Imperialismus und Neokolonialismus stellen. Wie wir auch erfahren, hielt Walter Rodney an der Universität von Dar es Salaam, das vor allem in der Periode nach Veröffentlichung der Arusha Declaration zum Anziehungspunkt für revolutionäre, marxistische antikoloniale Intellektuelle aus aller Welt und besonders aus den Kolonien wurde, einige Vorlesungen, in denen er sich auf die Geschichtsschreibung in Bezug auf die russische Revolution konzentrierte. Tatsächlich plante er wohl, nachdem er sowohl die marxistische als auch die bürgerliche Literatur über 1917 studiert hatte, seine Vorlesungen in Buchform zu bringen, gab aber der Untersuchung der afrikanischen Geschichte die Priorität.

Lenins Volkstribun

Da das Buch einiges an Vorwissen voraussetzt, geben die Editoren sowohl einen Überblick über das Leben Rodneys als auch die Geschichte der russischen Revolution. Walter Rodney lässt sich wahrscheinlich am ehesten mit dem von Lenin konzeptualisierten Volkstribun vergleichen:

„Rodney was the archetypical scholar-activist. He asserted a conscious Black presence within the academy while always maintaining ties and involvements outside it, working in the community and among the working class”.

„Some interpret Rodney as having begun his life with Black Power and racial politics, before progressing more toward a more orthodox Marxist analysis as he matured and became a scholar. However, such falsely dichotomous race/class readings of Rodney ignore his praxis, where theory was always historically grounded and attentive to the complexity of lived experience”.

Rodney wollte allerdings nicht einfach eine weitere Geschichte der russischen Revolution schreiben, sondern sich auf die Frage der Geschichtsschreibung konzentrieren, daher auch der Titel des ersten Kapitels Two World Views of the Russian Revolution: die bürgerliche und die marxistische Analyse (oder Interpretation) der Oktoberrevolution, gleichzeitig aber auch die Revolution aus der Perspektive der Metropole und der Peripherie. Nicht zuletzt hat sich Rodney intensiv mit Russland beschäftigt, weil er bedingt durch den agrarischen Charakter der kolonialen Ökonomie Parallelen sah, was die Rolle der Bauernschaft betraf – gleichzeitig war er sich der Tatsache bewusst, dass die Oktoberrevolution sich nicht mechanisch auf den afrikanischen Kontinent übertragen lässt.

Koloniale Bildung

In die Theoretisierung der afrikanischen Perspektive bezieht Rodney die koloniale Bildung mit ein. Über die Gestaltung von Schulbüchern mit dem jeweils englischen oder französischen Curriculum sagt er,

„‚we‘ in textbooks designed for Africans meant ‚we British‘ or ‚we French‘. Conversely, ‚they‘ referred to Africans, which posed a crisis of identity, even when ‚they the Africans’ are not referred to as savages or natives”.

Diese Trennung gelte es aufzuheben und zu realisieren, dass ‚wir‘ und ‚die Afrikaner*innen‘ dasselbe, ein identisches Subjekt bezeichnen. Aus dieser Perspektive müssen dann auch globale Ereignisse untersucht werden.

„As it is, we know for a fact how prejudiced and distorted Europe’s view of Africa has been. We know that European capitalism and imperialism continue to have our exploitation as their main objective. There is, therefore, every reason to be suspicious of the Western European (and American) view of the Soviet Revolution, and there is every reason to seek an African view”.

Rodney stellt heraus, dass die koloniale Bildung zunächst ein verzerrtes Bild vermittelt: Marxismus durch die Augen des Bürgertums, dessen Theorien alleinigen Anspruch auf Gültigkeit besitzen. Anhand einiger Beispiele stellt Rodney die Interessengesteuertheit der bürgerlichen Geschichtsschreibung dar, indem er zeigt, wie sie sich in ihren Arbeiten zu großen Teilen auf Quellen stützt, die weder über die beanspruchte Objektivität verfügen (Kerenski, Miljukov, die Tagebücher des Zaren), noch den Fakten entsprechen. So legt er die Verbindungen von durch Regierung oder CIA finanzierte Stiftungen und der bürgerlichen Beschäftigung mit der Oktoberrevolution offen. Letztendlich bezieht die bürgerliche Geschichtsschreibung ihre Positionen aus denen der konterrevolutionären Intellektuellen, die nach der Revolution in den Westen migriert sind und deren Klasseninteressen sich fundamental von denen der vom Zarismus geknechteten Lohnabhängigen unterschieden. Rodney bemerkt, dass

„bourgeois scholarship always pretends to hold a monopoly of truth and reason; and most bourgeois writers fall over themselves to stress that they approach issues open-mindedly and dispassionately. According to that line of argument, the Marxist has prejudged issues, has a closed mind and is partisan. It would therefore be unwise for the bourgeois scholar to expose his own set of assumptions – thereby revealing that he and the Marxist are following the same pattern of arguing from established premises, but that the premises are different and the very methodology of analysis is different. Such an exposure and revelation would force one to reconsider the relative premises and methodologies; and it is clear that the bourgeois scholar is afraid of just that”.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen