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18.07.2019, Jamal Tuschick

Der Historiker und Pan-Afrikanist Walter Rodney war eine zentrale Figur der antikolonialen und schwarzen Kämpfe. Vierzig Jahre nach seiner Ermordung sind seine Gedanken zur russischen Revolution erschienen.

Eine Besprechung von Young-Migrants-Autor Kofi - 2. Teil

Kein Wunder

So ist es kein Wunder, dass ein beachtlicher Teil der westlichen Literatur über die sozialistische Revolution von einer solchen Verachtung für die Klasse der Lohnabhängigen geprägt ist, dass die Vorstellung ihrer Selbstorganisierung als Ding der Unmöglichkeit erscheint. Solche Menschen können nur Opfer von bösartiger Demagogie und kriminellen Verschwörungen terroristischer Gruppen werden, heißt es da bei den Zöglingen von Bourgeoisie und Adel.

The Russian Revolution: A View from the Third World von Walter Rodney, erschienen bei Verso Books.

Der Beitrag erschien zuerst hier

Von der Offenlegung dieser Prämissen, die der Klassenposition folgen, ausgehend, untersucht Rodney die Geschichte der Revolution und setzt sich mit Fragen ihrer Unvermeidlichkeit, der Rolle der Bauernschaft und des Krieges auseinander. Immer wieder gelingt es ihm, Argumente bürgerlicher Historiker*innen, die vermeintliche Widersprüche zwischen Marx‘ Arbeit und der Tatsache der einer Revolution in einem ‚zurückgebliebenen‘ Land wie Russland aufzudecken glaubten, gekonnt mit Auszügen aus den Schriften von Marx und Engels zu entkräften. Ein Fehler, den er dabei unterstellt, ist die schablonenhafte Übertragung der Analysen konkreter Situationen auf andere historische Umstände – oder gleich, dass einige Marx geradezu das Gegenteil von dem unterstellen, was er tatsächlich geschrieben hat. Insofern definiert er den historischen Materialismus als Methode

„that can be applied to different situations to give different answers. Marx’s comments on Western Europe were based on a thoroughly comprehensive study of the evidence that he had before him in the nineteenth century. Hence to say anything about Russia would also require close study of what was going on in Russia” (49-50).

Es wird deutlich, dass Rodney so bestimmt immer wieder zu diesem Punkt zurückkehrt, weil es für ihn darum geht, aus der Analyse der afrikanischen Verhältnisse, ihrer Einbeziehung in die Wertschöpfung des globalen Kapitals und der (neo)kolonialen Unterdrückung eine revolutionäre Strategie zu entwickeln. Die historische Untersuchung Russlands ist daher nicht nur aufgrund der ähnlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen als durch den Agrarsektor geprägtes Land gekennzeichnet, sondern auch durch seine Eigenschaften als „Gefängnis der Nationen“. Die Politik der Bolshewiki in Bezug auf die nationale Frage verdient daher auch aus afrikanischer Perspektive eine ausführliche Betrachtung und kann als Inspirationsquelle dienen.

Auch wenn er wie Lenin, im Gegensatz zu Luxemburg , die nationale Befreiung nicht ablehnt, sondern eher im Kontext des Antiimperialismus betrachtet, bleiben keine guten Worte für die nationale Bourgeoisie:

„Likewise, the landlord class, whether it was European or Asian or kulak, or from the Black Sea region or Siberia, operated according to its interests. And the same could be said about the bourgeoisie, whether from Poland (in Russia) or Turkestan, Catholic or Muslim (‚clink, clink’ in any language). Civil war displayed the international nature of class phenomena: capitalist powers plus rulers in each locality versus workers and peasants” (163).

Dennoch wäre es falsch, aus einer dogmatischen antinationalen Position heraus die Kämpfe für nationale Befreiung in den Peripherien zu verurteilen. Gerade weil sie die imperialistische Bourgeoisie herausfordern, kommt ihnen auf der Ebene globaler Kräfteverhältnisse eine wichtige Rolle zu. Hier steht er in der Tradition einer Politik, die auch die Kommunistische Internationale verfolgte – die Kämpfe für Unabhängigkeit und Selbstbestimmung nicht nur mit Worten, sondern mit Taten zu unterstützen. Er bedauert allerdings, dass dies – besonders zu seiner Zeit – nicht immer der Fall war: „few Marxists are consistent with this and it is significant that the black revolt has been treated similarly (see Richard Wright, Aimé Cesairé and George Padmore). Then reactionaries turn it around and say it is race, not class” (164).

Gerade aufgrund dieser starken Betonung der Klassenfrage im Kampf um nationale Unabhängigkeit ist es auffallend, wie auch Kelley und Benjamin in ihrer Einleitung anmerken, dass die Kommunistische Internationale und die von ihr unternommenen Anstrengungen hinsichtlich der Vereinigung der antirassistischen, antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfe keine Erwähnung in Rodneys Notizen finden. Es handelt sich um ein sowohl politisch als auch inhaltlich letztendlich unfertiges Buch, was an seiner Bedeutung jedoch nichts ändert. Welche Aspekte der Autor selbst noch mit einbezogen hätte, bleibt uns leider verborgen.

Wissenschaft muss Partei ergreifen

Aus dem Material aber, das vorhanden war, konnte ein nichtsdestoweniger relevantes Werk rekonstruiert werden. Wissenschaft muss Partei ergreifen das hat Rodney durch seinen lebenslangen Einsatz bewiesen; seine eigene Parteinahme für die Ausgebeuteten, gegen rassistische Spaltung und koloniale Unterdrückung und deren manifeste Form in seinem Engagement in der Working People’s Alliance in Guyana kosteten Walter Rodney das Leben. Nachdem seine erste große theoretische Arbeit einen Beitrag dazu geleistet hat, die koloniale Ausbeutung und ihre Geschichte zu verstehen, sollten wir dieses Werk, das sich zwar maßgeblich mit der Geschichtsschreibung befasst und diese kontextualisiert, dennoch als einen Beitrag sehen, aus dem wir Überlegungen und Perspektiven hinsichtlich einer Strategie für aktuelle und zukünftige Revolutionen auf dem afrikanischen Kontinent schöpfen können.

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