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19.07.2019, Jamal Tuschick

Täglich werden Menschen online bedroht, beleidigt oder verhöhnt. Von Shitstorms bis zu Cybermobbing – Hatespeech findet statt. Es gibt inzwischen einige Organisationen, die sich gegen Hatespeech einsetzen. Eine davon ist LOVE-Storm. Der Gründer Björn Kunter verrät, wie er auf diese Idee kam, warum das Engagement in diesem Bereich so wichtig ist und wie das LOVE-Storm Netzwerk funktioniert.

Franek Frisch spricht mit Björn Kunter

(c) Love Storm Team

Hallo Björn, stell dich doch bitte kurz einmal vor.

Mein Name ist Björn Kunter, ich bin 49 Jahre alt und Projektleiter bei LOVE-Storm. Als Diplom-Pädagoge bin ich seit den 80er Jahren in der Friedensbewegung aktiv und habe mich intensiv mit ziviler Konfliktbearbeitung beschäftigt. Ich komme aus einer Zeit, in der das Internet als Vision und als demokratisches Werkzeug gesehen wurde, dass jede*r mitreden kann. Nach wie vor kann das Internet aus meiner Sicht ein Gewinn für die Demokratie sein und ein Instrument, um vieles demokratischer gestalten zu können. Dafür setze ich mich ein.

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400 aktive Community-Mitglieder

Wie würdest du euer Projekt beschreiben?

„LOVE-Storm – Gemeinsam gegen Hass im Netz“  ist eine Trainings- und Aktionsplattform für Zivilcourage im Internet. Seit September 2018 stellt LOVE-Storm online Inhalte und Infrastruktur für alle zur Verfügung, die etwas gegen Hass im Netz unternehmen möchten. Mit Online- und Offline-Trainings vermitteln wir Grundsätze der Gegenrede und befähigen Teilnehmer*innen, in kleinen Teams auf Hasskommentare zu reagieren. Ziel ist es, Angegriffene zu stärken, Zuschauende zu aktivieren und den Hass zu stoppen. Schon mehr als 500 Menschen haben in den letzten Monaten an den „LOVE-Storm“-Trainings teilgenommen und fast 400 haben sich als aktive Community-Mitglieder auf der Plattform registriert.

LOVE-Storm ist ein Projekt des Bund für Soziale Verteidigung e.V. und wird vom Familienministerium in der Programmlinie „Demokratie leben!“ sowie Aktion Mensch gefördert. Unsere Plattform ist mit dem Engagementpreis 2017 der FES-Ehemaligen e.V. und dem Community-Award von „Das NETTZ“ ausgezeichnet worden.

Es hat mich irritiert, wie viele Menschen nicht einschreiten

Wie bist du auf die Idee gekommen, so ein Projekt zu starten?

Ich bin selber einmal zur Zielscheibe eines Shitstorms geworden. Diese Erfahrung hat mich für lange Zeit online zum Schweigen gebracht. Insbesondere hat mich irritiert, wie viele Leute, einschließlich Freunden und Bekannten, nicht eingeschritten sind, obwohl sie die hasserfüllten Kommentare gesehen haben.

Wenn Angegriffene und Zuschauer auf solche Angriffe nicht reagieren und schweigen, geraten Meinungsfreiheit und offener Dialog im Netz in Gefahr. Und das, obwohl der Hass nur von einer lautstarken Minderheit ausgeht. 2018 fand die #ichbinhier-Studie “Rechtsextreme Trollfabriken und das Ökosystem koordinierter Hasskampagnen im Netz” heraus, dass 5% der User für 50% der Likes bei Hass in den Kommentarspalten verantwortlich sind.

Was genau sind deine Aufgaben?

Ich entwickle das Projekt in enger Zusammenarbeit mit meinem Team konzeptionell weiter, vertrete es nach außen, knüpfe und koordiniere Kontakte zu anderen Projekten und Organisationen, arbeite an der technischen Weiterentwicklung der Plattform mit und akquiriere Fördermittel.

Wie Viel Hate-Speech findet durchschnittlich am Tag statt und wie viele Meldungen bekommt Ihr davon?

Das lässt sich zahlenmäßig nicht genau beziffern. Am besten wissen das sicher die Content-Moderatoren von Facebook und Co, die den ganzen Tag Hasskommenare zu löschen haben. Bei uns kommen derzeit pro Tag nur wenige Meldungen an, so dass wir auf jede reagieren können. Unser Versprechen ist es, dass niemand alleine auf Hass reagieren muss, sondern immer Hilfe finden kann. Das hat bisher gut geklappt.

Unsere Teilnehmer*innen können sich gegenseitig zur Hilfe rufen, wenn sie angegriffen werden

Ihr bietet ein Online-Training an, wie läuft dieses Training genau ab?

Das Online-Training findet in Form eines Rollenspiels statt. Die Teilnehmer schlüpfen in die Rollen derjenigen, die an einem Hassangriff beteiligt sind, also der Hater, der/die Angegriffene, der/die Zuschauer*in, und der/die verteidigend Eingreifende. Es wird anhand eines fiktiven Szenarios ein Online-Hassangriff durchgespielt. So können die Teilnehmer*innen im geschützten Rahmen ausprobieren, welche Strategien gut funktionieren und welche weniger gut. Und sie erfahren, wie die Kommentare der anderen auf sie – in ihrer jeweiligen Rolle – wirken. Anschließend reflektieren die Teilnehmer gemeinsam ihr Vorgehen und ihre Erlebnisse während des Rollenspiels. Darin liegt der Lerneffekt. Wenn genug Zeit zur Verfügung steht, gibt es dann nochmal einen zweiten oder dritten Durchlauf. Registrierte Teilnehmer*innen bleiben anschließend als Team auf unserer Aktionsplattform zusammen und können sich gegenseitig zur Hilfe rufen, wenn sie angegriffen werden..

Auf eurer Website habt Ihr 10 Tipps gegen Hass im Netz aufgelistet. Was kann man eurer Meinung nach im Alltag tun, um gegen offenen Hass aktiv zu werden?

Auch hier gelten die gleichen Grundsätze, wie im Online-Bereich: Den Angegriffenen beistehen, Zuschauende miteinbeziehen, deeskalierend auf die Situation einwirken, ruhig bleiben und sich nicht selber zu Gewalt hinreißen lassen – auch nicht zu verbaler Gewalt. Akute Gefahrensituationen meiden und sich schnellstmöglich daraus entfernen.

Ich setzte mich für Meinungsfreiheit ein – deshalb kämpfe ich gegen Hatespeech

Welches Grundgesetz ist Dir besonders wichtig?

Die Meinungsfreiheit und die Organisationsfreiheit. Auch deshalb kämpfe ich gegen Hate Speech. Hass bringt Menschen zum Schweigen und will Meinungen durchdrücken. Ein freies Internet ist aber immer auch die Freiheit der Anderen.

Was wünscht Du dem Grundgesetz in diesem Jahr zum 70. Geburtstag?

Respekt, Dankbarkeit für seine Existenz, eine breite öffentliche Anerkennung seiner Grundrechte und Fortbestand für viele, viele Jahre.

Wie kann man Euch unterstützen?

Man kann uns dabei unterstützen, die Plattform bei möglichst vielen Menschen bekannt zu machen, man kann selbst an einem Training teilnehmen und anschließend bei Aktionen gegen Hass im Netz mitmachen, man kann sich zur/zum LOVE-Storm Trainer*in ausbilden lassen, man kann unsere Trainings für Gruppen buchen (u.a. für Social Media Teams), unser Plakat “Was tun gegen Mobbing und Hass im Netz” bestellen und natürlich freuen wir uns über jede Spende, ohne die wir unsere Arbeit mittelfristig wieder einstellen müssten.

Vielen Dank für deine Zeit!

LOVE-Storm im Netz

love-storm.de
Facebook: @LoveStorm.GegenHassimNetz
Twitter: @Hassstoppen

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