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20.07.2019, Jamal Tuschick

Sally Rooney erzählt in ihrem Roman „Gespräche mit Freunden“ Geschichten von der Leichtigkeit des Seins auf der Höhe ihrer Zeit

Melissas Mann

Dann ergibt sich das ursprüngliche Viereck zwischen Frances - Bobbi – Melissa – Nick noch einmal mit viel Sonne und Strand. Frances wartet auf ein Zeichen.  

Sie debütiert in der gegengeschlechtlichen Liebe.

Frances versteht sich selbst nicht, Nick ist zehn Jahre älter und wie geschaffen für die Rolle als Melissas Mann. Aber da ist dieses Ziehen in der Leiste, wenn sie ihn sieht; das Funkeln der ablandigen Liebe und die Glut im Strandkleid. Nicht hingucken und nebenbei anfassen ist wahnsinnig anstrengend. Von mehr als einem Sundowner erheitert, verguckt sich Frances eines Abends nahe Dalkey im Süden der Grafschaft Dublin auch noch in den Sonnenuntergang. Coliemore Harbour liegt rechts außerhalb des Bildes. 

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Eines Tages wird sie so klug sein, dass sie keiner mehr versteht. Die Erzählerin trudelt durch alle möglichen Zustände und redet so vor sich hin. Sie ist auf Nebensachen fokussiert. Wie wer die Nase kraus zieht und die Mundwinkel zucken lässt. Ihren Charakter erkennt Frances auf einem Foto. Sie zoomt die Konturen und konstatiert das günstige Ergebnis mit einer sich selbst zurückweisenden Kühle.

„Selbst ich konnte sehen, dass ich Charakter hatte.“

Gemeinsam mit der Ex-Geliebten Bobbi tritt Frances bei Vorlesewettbewerben in Dublin auf. Die beiden Studentinnen wirken noch immer wie ein Paar mit der Aura von Szenestars – von Leuten mit einer goldenen Zukunft im Kulturbetrieb.

Sally Rooney, „Gespräche mit Freunden“, Roman, Deutsch von Zoë Beck, Luchterhand, 380 Seiten, 20,-

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Im Aufwertungszug wachsender Anerkennung werden Frances und Bobbi zu Freundinnen des zehn Jahre älteren Erfolgsduos Melissa und Nick. Melissa erscheint als Gönnerin und Kennerin. Als jemand, der von Herzen zu schätzen weiß, was Frances und Bobbi zu bieten haben. Der Nachwuchs liefert dem Markt neue Gesichter, währen Melissa und Nick wie eingeführte Marken ticken. Unklar bleibt, ob Nicks Zurückhaltung gegenüber Frances eine Masche ist – Pseudodesinteresse als Leim. Jedenfalls intensivieren Frances und Nick ihre Beziehung. Er ist der erste Mann in ihrem Leben. Die Tochter armer Leute ist vernarrt in ihn und das Haus, das zum Schauplatz eines ausgebauten Betrugs wird; „wie makellos alles war und wie kühl sich die Holzdielen am Morgen anfühlten“.

„Der Sex war so gut, dass ich oft schon währenddessen weinte.“

Gleichzeitig spürt Frances ihre Macht. Sie kann Nick mühelos kommen lassen in dem Bett, das er normalerweise mit der länger abwesenden Melissa teilt.

Das ist die Konstellation. Nick weist Frances nicht unbedingt freundlich auf die Differenz hin, die ihm und ihr sehr verschiedene Vorteile bietet. Es muss alles erst einmal geübt werden, auch wie man mit einem fremdgehenden Mann oder einer zu jungen Frau ein Frühstück hinbekommt.

Die kulturellen Applikationen splittern vom Holz der Gewöhnlichkeit. Melissa kehrt zurück und nimmt ihren angestammten Platz wieder ein. Man ahnt eine Bereitschaft zur Reconquista. Offenbar bedeutet Nick für Melissa sehr viel mehr als Frances sehen kann oder zu sehen bereit ist. Das erzeugt eine schöne Spannung, die nachlässt, da die von Nick Zurückgesetzte auf jene zurückgreift, die sie zurückgesetzt hat. Frances und Bobbi verreisen gemeinsam. Der Informationsfluss plätschert weiter vor sich hin, nur eben mit Bobbi als Objekt zahlreicher Feststellungen, die mitunter etwas Schülerhaftes haben.

„Bobbi hatte so eine Art an sich, mit der sie überall dazugehörte.“

Dann ergibt sich das ursprüngliche Viereck zwischen Frances - Bobbi – Melissa – Nick noch einmal mit viel Sonne und Strand. Frances wartet auf ein Zeichen.  

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