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22.07.2019, Jamal Tuschick

Roxane Gays Essaysammlung „Bad Feminist“ verdient eine ausholende Würdigung. Heute dreht sich die Analysespindel um einen Beitrag, der so überschrieben ist: „Das Problem mit dem Märchenprinzen, oder, Er, der uns erniedrigt“.

Instrumente einer Gegenaufklärung

Eingebetteter Medieninhalt

Man kann nie wissen, was aus einem Ungeheuer wird, wenn man es küsst. Mit dieser Einsicht beginnt ein Nachdenken über weibliche Rollen in Mythen und Märchen sowie anderen Surrogaten geronnener Gattungserfahrungen. Roxane Gay filtert aus Schneewittchen die Last der Frau im Verwandlungsbetrieb. Fast schon schäbig findet sie das auf eine Leblose gerichtete Begehren. Auch die Metamorphose vom Frosch zum Prinzen stellt sich in einer kühlen Betrachtung als Hochrisikoinvestment der Nachgiebigen dar – im Themenkreis von Amor und Psyche. Gay sieht klar, wie ungeheuer reduziert das männliche Programm ist, vor allem jedoch, wie wenig Aufmerksamkeit dem weiblichen Engagement geschenkt wird. In den Prozessen der männlichen Bewährung übersteht und überwindet der Held Gefahren und Gefährder mit dämonischer Potenz. Da verausgabt er sich, es sei denn, er lurcht bloß amphibisch im Sumpfrosengürtel eines Teichs.  

Die Prinzessin zahlt die Zeche, schreibt Gay. „Das scheint die Natur des Opfers zu sein.“   

Gay untersucht ein Genre, das in manchen Zusammenhängen als Modernes Märchen kursiert. Vielleicht ist das sogar ein Widerspruch in sich. Märchen gehören zu den überzeitlichen Stoffen, die abgesehen von ihrer Materialfestigkeit in jeder Hinsicht endlich sind. Ihre Gegenstände (Konstellationen, Konflikte, Akteure) stehen fest in den Boxen der konkreten und der Meta-Kodifikationen. Der pädagogische Mehrwert und die moralische Sendung vertragen keine Ergänzung. Ein Märchen ist heute so wahr wie es vor dreihundert Jahren wahr war. Darin unterscheidet es sich von läppischen Fernsehsachen, die zwar als Adaptionen deklariert sind, jedoch in Stoffverharmlosungen die Moral von der Geschicht verloren haben. Jacob und Wilhelm Grimm, die selbst als gute Christen das vorchristliche Element angingen, beklagten den Verlust der Sitte, Märchen wortgetreu zu erzählen, zu Gunsten „leerer Prächtigkeit“ (schmückender Zusätze).

„Mehr Schimmer als Nutzen“ erkannten die Brüder in allen Aktualisierungen und Angleichungen ans Zeitgemäße. Gay kommt in einer Betrachtung von Twilight zu keinem anderen Ergebnis. Sie registriert den Transitionsfehler. Der folgenreiche Blutrauschroman spielt mit Lolita-Klischees. Der alte Vampir Edward sperrt die junge Bella in den Korral seiner übermännlichen Omnipotenz. Wie bei vielen Hybriden, deren Urheber Sagenhaftes aus verschiedenen Quellen durch einen Werwolf der Redundanz drehen, hält das Resultat der Analyse nicht stand. Vielmehr gibt sich etwas zutiefst Unbefriedigendes zu erkennen. Die Leserin gerät schließlich in die Not eines Entzugs. Sie wurde von einer Erzählattrappe affiziert/betrogen. Nun gleicht sie der von Edward in den Zustand einer Untoten gebissenen Bella.

Gays Einlassungen zu Fifty Shades gehen in die gleiche Richtung. Das Werk entspricht in sämtlichen Streckungen einer im Mahlwerk der Mythenmühle zerriebenen, sich als Fabel aufspielenden Ernte des Trivialen. Die Literaturwissenschaftlerin Anastasia Steele verliebt sich in den Unternehmer Christian Grey. Der Erfolgreiche hatte „einen schweren Start ins Leben“. Seine Mutter war eine süchtige Prostituierte. Sie gab ihn ab, Christian kam zu vermögenden Leuten. Die setzten ihn an ein Klavier. Da sitzt er noch nach dem Sex, nicht ganz so dekorativ wie die Umgebung. Die soeben deflorierte Anastasia hat beim Vorspiel das Klavier berührt und die Frage aufgeworfen: „Spielst du?“

Um sich selbst zu antworten: „Natürlich spielst du.“

Jetzt weiß sie auch, was hinter dem Spiel steckt. „Du hast es gelernt, um den Leuten zu gefallen, die dich aufziehen sollten.“

Ganz schön clever. Anastasias analytische Schlagfertigkeit schält Christian aus seinem Panzer. Als Jugendlicher wurde er von einer Älteren missbraucht und deutete das als Initiation um. Vermutlich drückte die Frau auch Kippen auf seiner Brust aus. Das würde Narben erklären. Die Domina gab Christians Dominanz die Richtung. Seine Gespielinnen müssen eine Verschwiegenheitserklärung abgeben und einen Vertrag unterschreiben, der den Geschlechtsverkehr regelt. Anastasia ist die 16. Vertragspartnerin und in dieser Eigenschaft sperriger als ihre Vorgängerinnen.

Gay beschreibt den Paarlauf als Prüfungsparcours, bei dem nur Anastasia geprüft wird. Christian zieht sie aus dem Licht in die Dunkelheit seiner Zwanghaftigkeit. Mal zieht sie ihn, mal zieht sie sich zurück. Gay bilanziert: „Es geht in FS um einen Mann, der Glück und Frieden findet, weil er endlich eine Frau findet, die gewillt ist, seinen Scheiß lange genug zu ertragen.“

Sie zählt die Marken auf, die im Product Placement Pool der Kinoversion mit Anastasias Willfährigkeit an den Mann gebracht werden sollen. Gay weist nach, dass beide Filme sich als einen langen Werbeblock betrachten lassen,

In Seattle ragt das „Grey House“ auf. In einer frühen Einstellung steht Anastasia (Dakota Johnson) vor dem Komplex und beißt sich in die Unterlippe. Ihrer Kragenweite entspricht ein Fotograf kurz vor seiner ersten Ausstellung. Aber nein, dieser Christian mit seinen Verträgen setzt gleich den Hubschrauber und sich als Piloten ein, um Anastasia zu beeindrucken. Mit Protz will er sie gefügig machen. Der Protz zieht auch. Vermutlich glaubt Anastasia aber, dass sie sich trotz und nicht wegen des Protzes in Christian verliebt hat. Er ist für Anastasia der richtige Mann so wie der Käfer für sie das richtige Auto ist. Anastasia deklariert den Käfer als classic car, der Schalk sitzt ihr im Nacken. Einmal passiert das Paar einen Aufmarsch der Boliden.

Anastasia: „Welcher ist deiner?“

Christian: „Alle.“

Darunter macht er es nicht. Anastasia findet das niedlich. Sie beißt sich wieder in die Unterlippe.  

In der Fortsetzung findet Anastasia das BDMS-Spielzimmer ihres Geliebten unverschlossen. Sie inspiziert ein pedantisch sortiertes Arsenal, im ersten Teil wurde sie von Nippelklemmen und Nilpferdlederpeitschen in die Flucht geschlagen. Die omnipotente Supermimose Christian stört die Inaugenscheinnahme. Christian faselt was Autoritäres von Putzfrau und „ernstem Wörtchen“. Anastasia fragt in ihrer vorsätzlich zögerlichen Art: “Wischt Ms. Jones hier auch Staub?”

Der Einbruch der Wirklichkeit in Gestalt einer alltäglichen Erwägung zerstört den Budenzauber. Die Pseudoaura im Situation Room desavouiert den Inhaber.  

Die Geschichte lebt von ihren Interieurs, womit wir beim Thema wären. Gay akribisch: „Ana bekommt … zwei Audis … Wäsche von La Perla, ein MacBook, ein iPad, ein BlackBerry, Flitterwochen auf einer Yacht.“

Dakota Johnson bewirbt die Produkte, das muss man sich klarmachen. In der infamen Strategie löst sich die Narration bis zur Fadenscheinigkeit auf. Gay bringt es auf den Punkt: Die Bücher funktionieren wie Handlungsanweisungen, „um Beziehungen zu führen, in denen Kontrolle und Missbrauch an der Tagesordnung sind“.

Sie sind Instrumente einer Gegenaufklärung. Darüber müssen wir reden.

Bald mehr.

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