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24.07.2019, Jamal Tuschick

Vorgestern Abend las Elise Schmit im Literarischen Colloquium Berlin aus ihrem 2018 erschienenen Roman „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“. Der Titel spielt auf eine biografische Konstante an. Stürze spielen im Leben der Autorin eine zentrale Rolle. Das erklärte sie im Gespräch mit Laura Ott.

Entgegenkommender Widerstand

Von rechts: Elise Schmit, Laura Ott

Sie stammt aus Luxemburg und Deutsch war für sie nur eine Möglichkeit. Elise Schmit hätte auch Französisch zu ihrer Literatursprache machen können.

„Bei uns wird man mit Deutsch alphabetisiert.“

Das gab den Ausschlag.

Fremde Stürze

Im LCB liest Schmit aus dem 2018 erschienenen Roman „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“ (Hydre Éditions). Der Titel spielt auf eine biografische Konstante an. Stürze spielen im Leben der Autorin eine zentrale Rolle. Oft stürzt sie im Traum oder sieht andere stürzen. Eine fallsüchtige Hinfälligkeit sowie die Faszination für fremde Stürze(r) trennt das erzählende Ich von der Leblosigkeit. Vom Küchenfenster aus beobachtet es, wie sich Touristen zu Tode stürzen.

In besseren Zeiten trug die Erzählerin Zeitungen aus und verdiente sich mit Gartenarbeiten das bescheidenste Auskommen. Nun ist das Jugendkapital aufgebraucht und etwas schaurig wahr geworden, dass die Erzählerin lange für sich auszuschließen wusste – die grobe Einsicht, auf die gleiche jämmerlich triviale Weise zu altern wie alle anderen auch.  

Auf einem Hochseil der Bescheidenheit

Sie kann sich keinen Urlaub mehr leisten und beschränkt sich im Weiteren auf einen „rudimentären sozialen Umgang“.

„Ich war im Wesentlichen allein und nicht immer zufrieden damit.“

Die Erzählerin schwingt sich auf ein Hochseil der Bescheidenheit.

Da bricht ihre Schöpferin ab und erlaubt Laura Ott Fragen zur Produktion.

Der Schreibprozess sei mühsam, bekennt Schmit. Sie hantiert mit den Kategorien Handwerk und Werkzeug. Sie verknüpft den Zufall mit der Notwendigkeit.

Beglaubigt die Notwendigkeit den Zufall, kann ein Thema bei ihr landen. Der Klärungsvorgang vollzieht sich in entgegenkommendem Widerstand.

Im zweiten Durchgang heißt die Heldin Regina. Regina hat eine Karriere als Pianistin verpasst. Am vorläufigen Ende einer abschüssigen Strecke gibt sie Unterricht; benommen von der Einsicht, dass es für einen Mann, der nicht schnarcht, zu spät ist. Sie ist alt genug, um sich davor zu gruseln, bei einem Konzert der Rolling Stones die Enkelinnen der bis zum Wahnsinn affizierten ersten Fans genauso kreischend durchdrehen zu sehen wie die Omas in der ollen Kamelle einer Schwarzweiß-BBC-Konserve.

„Das bisschen Internet, in dem Regina sich zurechtfindet“, hilft ihr nicht. Sie spielt auf einem öffentlichen Flügel und erlebt das als musikalisches „Nachdenken über die Beatles“.

Die Beatles wurden auf Freisitzen des Wunschdenkens erst zu Freunden in einem persönlichen Sinn und endlich zu Wahlverwandten. Die frühere Unerreichbarkeit schlug in den Alterungsverwüstungen und diversen Todesfällen in Nähe um. Die Unerreichbarkeit kippte wie ein falsch gelagerter Wein, der als noch so großes Gewächs in seiner Verhunzung volkstümlich heruntergekommen ist. Einmal begegnete Regina Ringo Starr genau so. Er „sprach in ihr Dekolleté“, begriff ihren Hintern und „stank entsetzlich nach Zigaretten“.

„Aber was sollte sie machen, es war Ringo.“

Das ist doch unglaublich gut erzählt.

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