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25.07.2019, Jamal Tuschick

„The Help“ entzückte Amerika und verstörte Roxane Gay. Die Autorin erkennt in der Darstellung die Fälschung der Wirklichkeit. Es ist so wichtig, Roxane Gay zu lesen. Sie nimmt alles auseinander.

Die weiße Lüge

Eingebetteter Medieninhalt

Familiennarrativ

Während Oma von Peinlichkeitsregungen regiert wurde, trat ihre Schwester Erika mit dem hunderttausend Mal kopierten, vermutlich faschistischen Schwung von Marika Rökk auf. Das war Oma auch peinlich. Auch ich war ihr peinlich, als halbblütiges Kuckuckskind. Erika lachte herzlich über ihre genante* Schwester. 

*von genieren

Oma nippte, die Schwester kippte

Ich werde nie vergessen, wie sie Omas Bedenken vom Tisch fegte, aufgehellt von einem mitgebrachten Likör, dem sie ausdauernd zusprach. Ich sehe Oma noch mit hochgezogener Oberlippe hasenherzig nippen. Erika kippte. Sie schloss den Vorgang ab, indem sie sich mit dem Handrücken tatkräftig über den Mund fuhr.

Erika war den leichten Weg gegangen. Sie hatte einen Ami geheiratet. Das war Onkel Bob aus dem Sonnenstaat Florida. Seine Rolle im Gefüge war gefestigt. Er hatte bereits für meinen Vater und seinen Bruder den reichen Onkel aus Amerika gespielt. Er fuhr zwar einen Straßenkreuzer, der doppelt so breit war wie das breiteste deutsche Auto, vermied sonst aber alles Auftrumpfende. Mein Vater hatte von ihm einst einen Lamberjack aus Kord geerbt. Schließlich vererbte er mir den heiligen Fetzen. Der Lamberjack behielt seine Wertschätzung als kanadische Holzfällerjacke. Dies als Beispiel für ein Familiennarrativ.

Vor Jahrzehnten besuchten meine Eltern Tante Erika und Onkel Bob in Cedar Key am Golf von Mexiko. Eine Inselgruppe vor der Küste heißt Cedar Keys. Bob zeigte den Gästen die Gegend und so kamen sie dahin, wo Rosewood einst existierte.

Ich habe mit dem langen Vorspann nicht gerechnet. Es schoss aus mir, ohne mich zu fragen, ob ich Bock auf die vierhundertste Fassung meiner Familiengeschichte habe.

Wir sitzen und sitzen und sitzen in Omas Wohnzimmer*, denn es ist Sonntag. Die Schokoladentorte versöhnt mich mit der langweiligen Gesellschaft. In der Plattentruhe steigen und fallen die Schallplatten in einem magischen Geschehen. Rudi Schuricke ist Omas Mann am Mikrofon.

*Omas Wohnzimmer blieb unter der Woche verschlossen. Die meisten Möbel und so auch das Sofa waren in dieser Zeit abgedeckt. In einer phantasmagorischen Erinnerung überzieht eine feine Schneedecke die Dinge. Am stärksten zog mich eine Schallplattenvitrine mit Intarsien an. Die Vitrine firmierte als Truhe und glänzte neben einem Vertiko. Die Maschine war der teuerste Gegenstand, den meine Oma besaß.

Ihr Alltag spielte sich in der Küche ab. Da buk sie für den Besuch Pfannkuchen oder füllte mit dem Teig die Negativform eines schweren, jugendstilistisch verzierten Waffeleisens. Oma war als Frau eines Verschollenen mit zwei Kleinkindern und einem Baby in ihrer Blüte kaltgestellt worden.

Ich war ganz wo anders, als ich heute Morgen um vier einen Aufsatz von Roxane Gay zu lesen anfing und schon in der dritten Zeile aus der Lektüre gerissen wurde.  

Rosewood ist heute eine Wüstung. Der nach einem Massaker an der überwiegend Schwarzen Bevölkerung 1923 aufgegebene, rund fünfzehn Kilometer östlich von Cedar Key gelegene Ort, ging 1847 aus einem Holzfällercamp hervor. Cedar bedeutet Zeder. Auch Rosewood bezieht sich auf (die Farbe der) Zeder. Zedern stifteten dem Weiler eine kleine Industrie. Zu einem Sägewerk kamen Holz- und Kiefernölmühlen (Terpentinmühlen). Nach dem Sezessionskrieg erhielt Rosewood einen Gleisanschluss. Es formierte sich eine Schwarze Gemeinschaft im Geist von Nachbar- und Schwesternschaft.

Die weiße Lüge

Wieder und wieder muss man sich gegenseitig helfen und gemeinsam wehren. 1923 behauptet eine weiße verheiratete Person namens Fannie Taylor nach einem handfesten Streit mit ihrem weißen Liebhaber, von einem Schwarzen angegriffen und verletzt worden zu sein.

Fannie Taylor braucht eine Erklärung für ihre Blessuren, die sie nicht als Ehebrecherin desavouiert.

Die weiße Lüge löst einen Pogrom aus. Die Schwarzen kämpfen. Die Zahl der Toten auf beiden Seiten geht in politischen Feststellungen unter. Für Gay ist Rosewood ein Kode-Wort.  

Sagt sie: „Heute ist ein Rosewood-Tag“, wissen ihre Brüder (sie schreibt nur Brüder), die Koexistenz mit Weißen war mal wieder „besonders frustrierend“. Gay erzählt die Rosewood-Filmhandlung nach – in der ersten Geschichte der Abteilung Race & Entertainment. Sie trägt den mäandernden Titel: „Wie tröstlich ist es, Hühnchen zu braten, und andere fragwürdige Erinnerungen aus dem Mississippi der 60er-Jahre: Anmerkungen zu The Help.“

„Als ich Rosewood zum ersten Mal sah, sagte ich zu meiner Freundin: Ich will drei Tage keinen weißen Menschen sehen.“

Dann sieht Gay The Help und will die „freiwillige Segregation“ um Wochen verlängern. Bevor ich kurz die Handlung zusammenfasse, möchte ich auf die grundsätzliche, auf die persönlichste Ebene gefahrene Kritik hinweisen, die Gays Verhältnis zu „historischen Filmen über die Erfahrung von Schwarzen“ bestimmt. Der Autorin bereiten die verharmlosenden Historisierungen und der ewige Trend zur Schmonzette Schmerzen. Sie fühlt sich den verhandelten, für Schwarze stets fürchterlichen Ereignissen gefährlich nah. Was sie wie alle Schwarzen der Gegenwart von der Sklaverei trennt, lässt sich noch nicht einmal als historischer Wimpernschlag begreifen. Gay imaginiert sich mit krummem Rücken auf Baumwollfeldern sowie in lauter dienenden und demütigenden Rollen.

Gay spricht von weißer Selbstzufriedenheit und revisionistischer Geschichtsschreibung; etwa in Versuchen einer Vereinnahmung der Bürgerrechtsbewegung als Emanzipationsprojekt Schwarzer und weißer Zukunftsgestalter*innen. Sie besteht darauf, dass die Visionen Schwarz waren sowie es das Blut von Schwarzen war, dass vergossen wurde. Der Kampfgeist war Schwarz. Die Kampfintelligenz war Schwarz. Der Wille war Schwarz. Der Schmerz war Schwarz.

Der Ghandismus war strategisch.

Attraktive Lügen

The Help sei, so Gay, ein Musterbeispiel der Beschönigung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einer Neubeschriftung der Grabsteine und einer heimlichen Verlegung der Schlachtfelder, so dass die Massengräber in der topografischen Ungenauigkeit verschwinden. Der Dreh- und Angelpunkt ist die Deutungsmacht. Sobald mir jemand meine Geschichte erzählen kann, dreht mich seine Angel.

Der Verlust des Subjetstatus zeigt sich im Verlust des Ansehens und des Namens. Die institutionalisierte Entwürdigung hypostasierte sich und kulminierte im Schicksal der mit niedlichen Namen bedachten Haussklavinnen, mithin jener Unfreien, die ihren Herrschaften angenehm sein sollten. Nach der Abschaffung der Sklaverei verwandelten sie sich in himmlische Heerscharen von halbfreien Hausmädchen. Ihnen widmet sich, das ist die Legende von The Help, in den Neunzehnhundertsechzigerjahren die Hochschulabsolventin Skeeter. Sie sammelt Anekdoten, Schwänke und manche bissige Weisheit aus dem Leben der Subalternen in ihrer Heimatstadt Jackson, Mississippi.

Der Film entzückte Amerika und verstörte die Autorin. Gay erkennt in der Darstellung die Fälschung der Wirklichkeit. Wer aber die Macht hat, so attraktiv zu lügen, dass er mit der Behauptung durchkommt, es gäbe ein subkutanes Einverständnis der Magd mit ihrer Erniedrigung auf einer Folie naturgesetzlicher Ungleichheit, der hat auch die Macht, die Sklaverei unter anderen Vorzeichen weiterzuführen.

Gay macht an einer anderen Stelle weiter. Sie führt die Figur des Magical Negro ein. In einer ungeschriebenen, zumindest unveröffentlichten Geschichte Amerikas passt der Schwarze Schamane zu jener Schwarzen Perle, in der stets eine Haussklavin einschlossen ist. Beide sind Produkte einer Sklavenhaltergesellschaft, die zugleich eine Selbstbefreiungsgemeinschaft ist. Der US-amerikanische Sklavenhalter des 18. Jahrhunderts ist die längste Zeit ein der englischen Krone unterworfener Migrant oder Nachkomme von Migranten. Er bewährt sich als ein staatlicher Pression Entwichener und weiter Entweichender. Er strebt nach Autonomie. Die Regeln seiner individuellen Freiheit sind noch nicht festgeschrieben. Während er Freiheitsgewinne erstrebt und sich entfaltet, raubt er anderen die Freiheit und schränkt sie aufs Äußerste ein. Das rechtfertigt er mit einer Idee – der Idee von einer natürlichen Ungleichheit. Indem er sie gemeinsam mit dem Christentum den Unterworfenen nahebringt, organisiert er für sich auf der zweiten Stufe der Verdinglichung (seines menschlichen Eigentums) eine perverse Ernte. Er treibt das Spiel soweit, dass ihm das magische Potential seiner Sklaven zugänglich gemacht - und sein Haushalt mit fürsorglicher Sorgfalt in Gang gehalten wird.   

Gay zeigt, was passiert, wenn man Schwarze Frauen magisch erscheinen lässt. Ihre Hilfsbereitschaft wirkt wie ein altruistischer Lieferservice. Fatal sind die ahistorischen Erklärungen, so als sei Hausmädchen ein Traumberuf, den auszuüben unglaublich viel Spaß macht; weshalb Millionen Schwarzer Frauen sich gar nichts Schöneres vorstellen können. 

Gay exponiert die Stelle einer Gipfelbesteigung in Absurdistan. Eine Hausangestellte fürchtet gefeuert zu werden. Der Hausherr sagt generös: „Sie haben hier einen Job bis zum Ende ihres Lebens.“

Die Angestellte fühlt sich geehrt und strahlt, als habe man ihr eben Teilhaberschaft in einer Kanzlei angeboten.

Es ist so wichtig, Roxane Gay zu lesen. Sie nimmt alles auseinander.

Bald mehr.  

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