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27.07.2019, Jamal Tuschick

Ich gebe die Eröffnungsrede zu Rewriting the Map – I. Festival: Literature and Urbanism in divided cities von Thomas Rosenlöcher so wieder wie ich sie mit- und weiterschreibend auf allen Kanälen der Wahrnehmung vernommen habe: in der ersten Person und doch mit deutlichen Abweichungen vom Manuskript. Wörtliche Übernahmen erscheinen in Anführungszeichen. Mir geht es heute nur um seelische Genauigkeit.

Die drastische Tante

Mirko Božić, Thomas Rosenlöcher - Rechts der Meister - Nach der Rede hält er das Glas

Lesung am Wannsee

Pausengeplauder

Am Wannsee

Schelmische Perspektive

Wir saßen vor der Mauer und der Westen saß dahinter. Auf diesen Unterschied habe ich stets großen Wert gelegt. Die schwarzen Pädagogen der Verhältnisse haben mich dazu erzogen, zu meinem Nachteil konfrontativ aufgezogene Gegensätze, wenigstens in einer schelmischen Perspektive zu kontern. Gefragt waren Formulierungen, die den Gegner unter seinem Schwerpunkt erreichten, ohne ihren Angriffscharakter zu offenbaren.

Als Sachse war man immer im Nachteil.

Die DDR war eine Ausbadeanstalt sächsisch-preußischer Ungereimtheiten. Das Regime bezog sich durch die Bank auf Preußen und vernachlässigte nicht nur, sondern missachtete vielmehr die anderen Temperamente auf seinem bis in die Mark evangelischen Territorium.

Als Sachse in der DDR war man dagegen, auch wenn es nur ein dafür gab.

Vor Berlin hatte ich Angst. Die Stadt war für mich schon vor der Mauer „negativ konnotiert“. Ich verband mit ihr den Verlust einer Freundin, die mit ihren Eltern via Berlin das Weite im Westen gesucht hatte.

„Berlin ist das Loch, in dem viele verschwanden.“  

Aus der Ankündigung

Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls in Berlin richtet das Literarische Colloquium Berlin ein Festival zu Literatur, Kunst und Urbanismus in geteilten Städten Europas aus. Mit Schriftsteller·innen, Architekt·innen, Stadtplaner·innen, Historiker·innen und Performance-Künstler·innen aus Belfast, Mostar, Nikosia und Berlin. Geladen sind neben Schriftstellern und Performern auch Architekten und Städteplaner, die gemeinsam über Grenzen und die Folgen langer Teilungen nachdenken.

Einmal fuhren meine Eltern nach Berlin, und meine Schwester und ich mussten zur „drastischen Tante“. Die Tante veröffentlichte ihre Befürchtung, die Bagage könne wie jedermann „nach dem Westen machen“ und sie in der Not zurücklassen, die Brut von Republikflüchtlingen aufzuziehen. Sie sah sich in der Gefahr, von meinem Hunger ruiniert zu werden. Meine Eltern kehrten zurück aus Liebe zu ihren Kindern.

Mein Vater fühlte sich nach dem Bau der Mauer eingesperrt, ein Lehrer fühlte sich aber befreit für einen ungestörten Aufbau der sozialistischen Gesellschaft. Endlich ließ sich „die große Sache“ in Angriff nehmen. In Viehwaggons schaffte man uns zu den Weltjugendfestspielen. Damals fand man alles „dufte“. So wie alles duftete. Zum ersten Mal sah ich eine Gitarre, auf der sich jemand begleitete, der „Oh Baby“ sang. Wolf Biermann war es nicht.

„Die Luft in Berlin war von Blauhemden schwanger.“

Aus der Ankündigung

Der Todesstreifen, der Berlin seit 1961 geteilt hatte, verschwand vor 30 Jahren; wo genau die innerstädtische Grenze verlief, ist mittlerweile nur noch an wenigen Stellen nachvollziehbar. In den Köpfen der Menschen aber und in der Stadtgesellschaft hat die Teilung Spuren hinterlassen. Wie sieht es in anderen Städten Europas aus, die Erfahrungen damit machen mussten oder müssen, sprachlich, religiös, kulturell oder sozial geteilt zu sein? Unser Ausgangspunkt ist das Verständnis von Raum nicht als Behältnis, sondern als Ergebnis komplexer und sich wandelnder menschlicher Interaktionen. Ziel ist es, eine Plattform für den Dialog zwischen Literatur und Urbanismus zu schaffen – Künste, die den Raum formen und unsere Wahrnehmung und Kommunikation prägen. In diesem Dialog werden wir uns an den Schnittstellen von konkreten empirischen und erzählten imaginierten Räumen bewegen.

Humorvorteil durch Selbstherabsetzung

Auf einem Spreekahn debütierte ich als Lyriker in der Gesellschaft gesellschaftskritischer Berliner Kollegen. Sie waren geschockt von Bäumen im Gedicht. Pflanzen als poetische Gegenstände „hatten sie längst überwunden“.

„Die Niederlagen der Sachsen“ gehören zu meinem Erbe. Ich nahm das Erbe mit „resignativer Melancholie“ an. Ich kultivierte jeden „Humorvorteil durch Selbstherabsetzung“. Mein erster Gedichtband wurde „wegen sächsischem Humor abgelehnt“.

Einmal fuhr ich wieder nach Berlin zur Weihnachtszeit. Der Zug hieß „Sachsenschleuder“. Ich wusste von einem Lichtenberger Laden, da gab es einen Rotwein wie nirgendwo in Dresden. Auf den war ich aus. Ich reiste ohne Mantel und Gepäck, um mich in der Hauptstadt nicht als Provinzkanaille zu verraten. Mir gelang mein Vorhaben im Ganzen zu einer Zeit, da besorgte man sich seinen Bedarf in einer Kaufhalle. „Man beachte den ehrlichen Namen.“ Bei meinem nächsten Mal in Berlin war die Grenze offen und der gemeine Berliner schien sich aus seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet zurückgezogen zu haben. Alle sprachen Englisch, und ich kann kein Englisch. Für Denglisch bin ich zu „zivilisiert“.

Bald mehr.    

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