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28.07.2019, Jamal Tuschick

Es geht um gespaltene Städte, um Städte, die eine Grenze in sich haben und deshalb Paradigmen für Aus- und Eingrenzungen, für Gegensätze auf engstem Raum und für viele Spannungs-, Spaltungs- und Schizophrenieprodukte erzeugen. In ihnen entstehen Kulturen einvernehmlicher Unvereinbarkeiten. Sogar dann, wenn man aufeinander schießt, befindet man sich in einem Aushandlungsprozess, der über die Machtfrage hinausweist und gewisse Zugeständnisse einschließt. Anders gesagt: das Gespräch über eine Grenze, die eine Stadtgesellschaft teilt(e) stellt sich als transgenerationale Erforschung der Potentiale dar. Es endet gewiss nie mit einer Feststellung, wie treffend sie auch sein mag.

Topografische Hauptkonfliktlinie

Zafer Şenocak - Er sagte stets die klügsten Sachen, kam aber nie in Mode

Emily Bereskine

„Es gibt kein beiläufiges Gespräch über Berlin“.

Das weiß Zafer Şenocak, der Anfang der Neunzigerjahre in Berlin seine Beobachtungen machte und vor allem den Puls eines neuen deutschen Nationalismus spürte. Die alte Bundesrepublik war für die Migranten der Şenocak-Generation längst Heimat geworden. Jetzt ging das Spiel von vorn los. Es war eine klandestine Ausbürgerung. Selbstverständlichkeiten wurden wieder Kampfgegenstände.

Şenocak sagte stets die klügsten Sachen und kam trotzdem nie in Mode.

Auf der Lesebühne am Wannsee erinnerte er sich:

„Nach Neunundachtzig wollten alle sofort den Wenderoman.“

Etwas, dass niemand vorausgesehen hatte, konnte von Leuten, die auf dem Leim vom Ende der Geschichte klebten, doch überhaupt nicht erzählt werden.

Es gab Übergänge, Sonnenflecken auf dem Asphalt zwischen Spanischen Reitern, Betonsperren und quer stehenden Panzern

Es geht um gespaltene Städte, um Städte, die eine Grenze in sich haben und deshalb Paradigmen für Aus- und Eingrenzungen, für Gegensätze auf engstem Raum und für viele Spannungs-, Spaltungs- und Schizophrenieprodukte erzeugen. In ihnen entstehen Kulturen einvernehmlicher Unvereinbarkeiten. Sogar dann, wenn man aufeinander schießt, befindet man sich in einem Aushandlungsprozess, der über die Machtfrage hinausweist und gewisse Zugeständnisse einschließt. Anders gesagt: das Gespräch über eine Grenze, die eine Stadtgesellschaft teilt(e) stellt sich als transgenerationale Erforschung der Potentiale dar. Es endet gewiss nie mit einer Feststellung, wie treffend sie auch sein mag.

Sinéad Morrissey wurde 1972 in der Gegend von Belfast geboren. Der Nordirlandkonflikt entfesselte sich in jenem Jahr. Die Nordiren sprechen von den Troubles. Es war das mörderischste Jahr der Troubles. Die Dichterin schildert ihre Eltern als arm und zunächst als Paar ohne eigene Wohnung, und sie stellt einen Zusammenhang her zwischen Armut und IRA.

Aus der Ankündigung

Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls in Berlin richtet das Literarische Colloquium Berlin ein Festival zu Literatur, Kunst und Urbanismus in geteilten Städten Europas aus. Mit Gästen aus Belfast, Mostar, Nikosia und Berlin diskutieren wir das Zusammenspiel zwischen der spezifischen räumlichen Struktur dieser Städte und der Kunst, die dort entsteht. Zusammen mit Schriftsteller·innen, Architekt·innen, Stadtplaner·innen, Historiker·innen sowie Performance-Künstler·innen werden die Folgen innerstädtischer Grenzen auf kollektive Wahrnehmung und das kollektive Gedächtnis beleuchtet und die Mittel aufgezeigt, mit denen Grenzen aufrechterhalten, aber auch umgangen, überwunden und aufgelöst werden. Wir setzen uns mit den Folgen langjähriger Teilung und Exklusion in Teilen des Kontinents auseinander und nehmen unterschiedliche urbane Konstellationen in den Blick.

Morrissey sagt:

When my parents were poorest, the Troubles were closest.

Morrissey beschreibt hochgradig segregierte Nachbarschaften, in deren Abgeschlossenheit sich die Troubles ignorieren ließen. Jeder saß eingemauert in seiner Burg, die Funktionsträger des britischen Staates genauso wie die katholischen und die protestantischen Gemeindemitglieder. Das waren geschlossene Gesellschaften, die der topografischen Hauptkonfliktlinie Grenzen hinzufügten, die wie Nebenflüsse auf einen Strom zuliefen. Morrissey erinnert sich genau an die hochhakigen kniehohen Lederstiefel ihrer Mutter. Sie erinnert sich nicht an

the postman getting shot for delivering letters stamped with the head of the Queen.

I don’t remember the two masked gunmen having mixed up the adress of their intended victim.

In der Enge geklärter Verhältnisse geht alles seinen katholischen Gang. Doch dann findet die Mutter einen Job und der Vater verbessert sich. Der Aufstieg bringt einen Umzug mit sich. Plötzlich wohnt man komfortabel zwischen Catholic Lurgan und Protestant Portadown auf einer Demarkationslinie. Da findet der Krieg im alltäglichen Erleben statt. Die nächste Station ist wieder weit vom Schuss, die Troubles erscheinen der Heranwachsenden so, als fänden sie auf einem anderen Planeten statt. Morrissey verliert den Anschluss an das Drama und zeigt sich schließlich schlechter informiert als englische Zeitungsleser*innen.

Das zeigt, wie wenig angesprochen sie sich von alldem fühlte, was mit viel Blutvergießen und in äußerster Hitze um sie herum vor sich ging. Die Verbindungen mit den Troubles waren in jedem Fall erzwungen. Sie erreichten ihre Höhepunkte der Partizipation, als Morrissey mit ihren Eltern in Nordbelfast lebte: in einer mittelständischen katholischen Nachbarschaft. Die wenigen protestantischen Familien, die noch nicht weggezogen waren, wurden des Bleibens müde gemacht. Trotzdem gab es eine Durchlässigkeit … gab es Übergänge, Sonnenflecken auf dem Asphalt zwischen Spanischen Reitern, Betonsperren und quer stehenden Panzern.

Illegal Memories

Die Troubles sind vorbei, der Konflikt geht weiter. Die Grenze verläuft in den Köpfen der Wissenden und der Unwissenden.

Neşe Yaşın spricht von „einem Narrativ im kollektiven Gedächtnis, dass wir nicht verlieren dürfen“. Die Dichterin aus Nikosia nennt das „illegale Erinnerungen“. 

Auch Nikosia ist eine geteilte Stadt.

Bald mehr.

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