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28.07.2019, Jamal Tuschick

Rasha Khayat erzählt in ihrem Debütroman „Weil wir längst woanders sind“ von den Folgen einer ungewöhnlichen Entscheidung. Die in Deutschland aufgewachsene Layla hat es sich in den Kopf gesetzt, einen Mann aus der Herkunftswelt ihres saudischen Vaters so zu heiraten, dass die arabische Verwandtschaft beglückt ist.

Wissendes Bruderherz

Sie sind nicht nur Geschwister. Vielmehr bilden Layla und Basil eine Diasporagemeinschaft im Geist der Opposition nicht zuletzt gegen Barbara, der Deutschen. Die in schmalen Verhältnissen (dem Ruhrpott-Regime fast martialisch unterworfen) aufgewachsene, von der deutschen Teilung familiär betroffene Krankenschwester hat ihre Kinder von einem saudischen Arzt, dessen Ursprungsfamilie sich gravitätisch auswirkt.

Rasha Khayat, „Weil wir längst woanders sind“, Roman, Dumont 202 Seiten, 10,-    

Barbara ist eine Deutsche geblieben in der Ehe mit einem aufgeklärten, den Mehrheitsmaximen intelligent zuvorkommenden Araber, aber ihre Kinder tragen anthropologische Mutationen in sich aus. Sie sind Designer ihrer Differenz. Begriffsbildner. Identitätserfinder. Spekulanten auf der Basis von Whiskey. Das schweißt zusammen. Das erklärt auch, warum Layla, um etwas ganz zu sein, auf die Traditionslinien ihrer saudischen Verwandten einschwenkt, und einen Mann so zu heiraten entschlossen ist, wie es in Saudi-Arabien angemessen erscheint.

Der Erzähleinfall ist grandios. Khayat hat die Macht auch einem Unbeschlagenen klarzumachen, dass Layla keinen Verzicht (auf westliche Freiheiten) übt, sondern ihre Zugehörigkeit zu einem Klan kapitalisiert. Selbstverständliche Liebe, großer Wohlstand und ein gigantisches Wir ergeben eine prächtige Dreifaltigkeit.

Die Geschichte beginnt mit Reisevorbereitungen. Bis zur Stunde des Abflugs versucht Basil Barbara an Bord zu lotsen. Doch die Mutter hadert mit dem Eigensinn der Tochter. Sie hält die Hochzeit mit einem Saudi für die Theatralisierung einer ausgedachten Identitätskrise. Basil fliegt achselzuckend ab: in der Ersten Klasse. Er ist ein gutaussehender Mann, mit dem sich Werbung für die besten Plätze machen ließe. Jeder Araber sieht ihm den Araber an der Nasenspitze an, aber Basil muss bei jedem einschlägigen Kontakt etwas Peinliches preisgeben. Die Sprache, die zu seinem Gesicht passt, beherrscht er nicht.   

Sein wissendes Bruderherz bewahrt ihn davor, mit seiner (für ihre Eskapaden berüchtigten) Schwester hart ins Gericht zu gehen. Er freut sich einfach nur, Layla im Haus eines Onkels in Jeddah/Dschidda wiederzusehen. Dschidda ist eine Millionenmetropole am Roten Meer. Mekka-Pilger passieren sie in einer endlosen Flut. Darauf ist man eingestellt in einer Gesellschaft, die religiöse Termine als Wegweiser erachtet. Nicht eingestellt ist man auf Regen. Regnet es, dann ertrinkt die Stadt.

Basil wird landestypisch eingekleidet – in einem Haus, das mit jedem familiengründenden Sohn ein Stockwerk dazugewann. Der Patriarch lebt mit seiner Frau in einer zweistöckigen Suite über seinem Stamm. Er schwebt über den Niederungen des Alltags. Khayat beschreibt den Bienenstockcharakter des Hauses. Sie verschweigt nicht die an Leibeigenschaft grenzenden Bedingungen, die dem Personal vorgeschrieben sind.  

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