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29.07.2019, Jamal Tuschick

Der Titel kommt ohne Gattungsbezeichnung aus. Ich lese ihn als Abrechnung. Caroline Rosales packt in „Sexuell verfügbar“ aus. Sie leert ihre Frustschubladen.

An der Grenze des Einvernehmlichen

Der Titel kommt ohne Gattungsbezeichnung aus. Ich lese ihn als Abrechnung. Caroline Rosales packt aus. Sie leert ihre Frustschubladen.

Caroline Rosales, Sexuell verfügbar, Ullstein, 283 Seiten, 18,-

Rosales erzählt von einer Bonner Kindheit als dickes Mädchen, dem Höflichkeit vor dem Feind eingebläut wurde. Die hinterhältigen Zuschreibungen im Verein mit Übergriffen, denen sie im Grundschulalter ausgesetzt war, wirken nach bis heute. In der Autorin arbeitet ein Kalorienzählwerk. Attraktivität fällt in ihre Zuständigkeit, unabhängig von den Bedürfnissen. Als habe jedermann ein Recht auf eine angenehme, Sex verheißende weibliche Erscheinung im Stewardessenformat.

Die Rede ist von Abrichtung.

Rosales‘ Lebenslauf entbehrt das Ungewöhnliche. Darauf legt die Autorin Wert. Ihren größten Vorzug erkennt sie darin, wie Millionen andere zu sein, die in harten Schulen gelernt haben, dem Gewollt-werden ihren Willen unterzuordnen. Das Begehren wird immer noch vor allem vom Mann her gedacht. Die Tradierung überkommener Geschlechtsbegriffe geht weiter.

Rosales ermutigt den Nachwuchs zu genderfluiden Varianten. Sie fordert die männliche Jugend auf, sich gegen die pornografische Wettkampf- und Entwertungssexualität auszusprechen und allen möglichen Abweichungen vom Standardprogramm Rechnung zu tragen.

Zieht die Kleider eurer Schwestern nicht nur heimlich an.

Rosales selbst bedauert, einer gleichgeschlechtlichen Lustspur nicht lange genug gefolgt zu sein. Um die Strapazen der Andersartigkeit nicht auf sich nehmen zu müssen, beschränkte sie sich auf Angebote im Spektrum heteronormativer Geschlechterarrangements. Allerdings gibt Rosales zu, die allerkonventionellsten Reihenhausträume gehabt zu haben.

Der Suada bekommt die Ehrlichkeit. Sie beglaubigt den Text und erzeugt Intensität. Rosales animiert und appelliert – und agitiert gegen „Stutenbissigkeit“ und mangelnde Solidarität unter Frauen. Die Offenbarungen der Widersprüche zwischen den feministischen Ansprüchen und einer komplizierten Wirklichkeit fordern heraus. Rosales rät Frauen, über die Schanzen zu gehen und der Scham die Stirn zu bieten.

Denn die Scham schließt ein. Sie ist ein Gefängnis, dass keinen Aufseher braucht. Sie liefert jedem Aggressor den besten Grund, mit dem Schweigen seiner Opfer zu rechnen.

Rosales bricht das Schweigen. Sie datiert ihr Misstrauen Männern gegenüber auf den Tag als ihr Vater ihre Mutter wegen einer Jüngeren verließ. Sie schildert ein Cat-Person*-Erlebnis in Bangkok, wo ein älterer und einflussreicher Mann ihre Signale der Ablehnung wie rote Ampeln überfährt.   

*Siehe Kristen Roupenian, „Cat Person“

Niemand liegt immer richtig. Zu den Lebensrätseln vieler Leute zählen Fehlgriffe am Liebesbarren - erotische Abstürze erst in den Jahren der uferlosen Adoleszenz und dann auf den engen Vorhöfen der Vergreisung. Rosales lässt sich mit unklaren Empfindungen (in der ganzen Bandbreite zwischen Ablehnung und Zuneigung) auf den Chef ein. Im Bett möchte sie ihre Zustimmung zurückziehen und erlebt nicht nur die Artikulation ihrer Neubewertung als Überforderung. Sie erleidet Sex im Duldungsmodus. Gleichzeitig wundert sie sich über die soziale Taubheit des Chefs, der seine Lächerlichkeit nicht begreift.  

Bald darauf kommt Pech bei der Partnerwahl dazu. Rosales verlässt Bonn und geht nach Berlin. Fern der Rheinauen und ländlich-lauschigen Weinklausen gerät sie in einen Strudel aus Chancen und Widrigkeiten. Einen Kollegen nimmt sie zuerst als „Penner“ wahr. Trotzdem lässt sie sich von August ausführen, weil er ihr „in der Redaktion quasi überstellt“ ist.

„Also war es besser, es sich mit ihm nicht zu verscherzen.“

Rasch sieht sie August mit anderen Augen. Sie geht mit ihm die Fragebögen von Proust durch. Eine Affäre bahnt sich an.

Rosales ist da besonders einnehmend, wo sie ihre eigenen Beschränkungen & Berechnungen zur Schau stellt.  

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