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30.07.2019, Jamal Tuschick

„In einem Flüchtlingsboot geht die Welt unter“, dichtet Neşe Yaşın. Die Dichterin aus Nicosia fragte im Literarischen Colloquium auf dem Rewriting the Map-Festival: Literature and Urbanism in Divided Cities: „Wurde deine Stadt je geteilt?“

Phonetische Unfälle

Neşe Yaşın

Ein Dachterrassenszene. Man überblickt die Stadt, sieht ihren Riss und dessen Borte. Man sieht auf Sandsäcken drapierte Drahtkronen. Es gibt ein touristisches Interesse mit Cocktails, Barbecue und Lamento an solchen Aussichten.

Für Neşe Yaşın ist die Stadt ein Container ihrer Lebensgeschichte. Die Biografie zerbrach mit der Teilung. Yaşın erzählt die Absurdität, dass sich Leute per Zuruf verständigten, die sich seit Jahren nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gesehen hatten. Das gehört in einen Katalog vergangener Restriktionen.

Darin schwelgt Yaşın:

Die Stadthälften erwachen zur gleichen Zeit. Ihnen scheint die Sonne so wie so.

Die verbotene Hälfte der Stadt spricht mit der Dichterin. Der Wind ist Komplize. Es gibt geheime Punkte der Wiedervereinigung. Die Bäume im Park führen ihre Gespräche in einem lokalen Dialekt. Yaşın beschwört den Reiz phonetischer Unfälle, die sich in Verknüpfungen von Klang & Sinn ergeben. Das kommt aus einer bestimmten Richtung des Denkens und Fühlens in Übereinstimmung mit einer Hochsprache und einem Dialekt. Solche Verdichtungen lassen sich nicht einfach über Grenzen transportieren. Übersetzungen sind ohne Verluste nicht zu haben.  

„Schließ die Tür der Phantasie/ damit sich die Wirklichkeit nicht einschleicht.“

„In einem Flüchtlingsboot geht die Welt unter“, dichtet Neşe Yaşın. Die Dichterin aus Nicosia fragt: „Wurde deine Stadt je geteilt?“

Die Grenze geht durch den Körper. Der Körper berichtet von Berichtigungen, kleinen Verschiebungen, topografischen Seitensprüngen, Eroberungen von Straßenecken. Das illegale Einvernehmen mit dem Feind erzeugt neue Austragungsorte der Konflikte.

Unfälle der Liebe führen zu Vereinigungen in aufgelösten Gemeinschaften.

„Meine Biografie spiegelt die Spaltung von Nicosia“, sagt Gürgenç Korkmazel.  

 *

„In Ostbelfast gibt es keine Anonymität.“

Das sagt Jan Carson. Sie stammt aus Ballymena, einer nordirischen Kleinstadt, in der Katholiken eine Minderheit bilden.

„Die Häuser stehen zu dicht.“

Der Alltag ist so geordnet wie die Bücher in einer öffentlichen Bibliothek, in der niemals Stille einkehrt.

Man kann sich von seinen Nachbarn nicht scheiden lassen. Ihre Emissionen sind in Carsons Leben. Die Linie zwischen Außen und Innen verschwimmt. Ständig kommt es zu Delimitationen.

Delimitation ist auch eine sprachwissenschaftliche Kategorie.

Das Häusliche richtet sich nach außen. Die Fenster zur Straße sind Schaufenster. Sie erfüllen ihre Funktion in beide Richtungen. Der kleinste Anlass lockt die Bewohner auf die Straße und hält sie da. Sie gleichen sich in ständigem Vergleich.

„It is like a viewing panel at the zoo.“

Demarkationsartefakte

Ich entnehme der Schilderung die Suggestion einer so großen Gleichheit, dass alles außerhalb der konkreten Nachbarschaft sich zwangsläufig zu Andersartigkeit formiert. Ich assoziiere Gated Communities, aber nicht als Absonderung im Wohlstand, sondern in der Zugehörigkeit, und so auch gesichert von Zugehörigkeit.

James O’Leary beschreibt das Gegenteil. Familien, die auf feindlichen Territorien isoliert sind und schließlich umgesetzt werden wie Kegel. Ein ausgebrannter Bus wirkt als unbesetzter und doch effektiver Checkpoint zwischen Falls - und Shankill Road.  

Wikipedia: „Die Falls Road ist die Hauptstraße eines überwiegend von katholischen, republikanisch eingestellten Iren bewohnten Wohnviertels westlich des Zentrums der nordirischen Hauptstadt Belfast. In ihrer Nachbarschaft befindet sich das stark protestantisch-unionistisch geprägte Shankill-Viertel um die Shankill Road, von dem das Falls-Viertel durch Zäune, sogenannte peace lines, zur Trennung der Konfliktparteien abgegrenzt ist.“

Neunundneunzig Ensembles von (als Friedensbarrieren deklarierten) Demarkationsartefakten zählte man 2012. Sie werden von Journalisten abgeklappert, die Bürgerkriegszeugnisse dokumentieren, vielleicht nicht immer mit der Idee, dass die Grenzanlagen jederzeit wieder in Betrieb genommen werden können.

Aus der Ankündigung

Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls in Berlin richtet das Literarische Colloquium Berlin ein Festival zu Literatur, Kunst und Urbanismus in geteilten Städten Europas aus. Mit Gästen aus Belfast, Mostar, Nikosia und Berlin diskutieren wir das Zusammenspiel zwischen der spezifischen räumlichen Struktur dieser Städte und der Kunst, die dort entsteht. Zusammen mit Schriftsteller·innen, Architekt·innen, Stadtplaner·innen, Historiker·innen sowie Performance-Künstler·innen werden die Folgen innerstädtischer Grenzen auf kollektive Wahrnehmung und das kollektive Gedächtnis beleuchtet und die Mittel aufgezeigt, mit denen Grenzen aufrechterhalten, aber auch umgangen, überwunden und aufgelöst werden. Wir setzen uns mit den Folgen langjähriger Teilung und Exklusion in Teilen des Kontinents auseinander und nehmen unterschiedliche urbane Konstellationen in den Blick.

Bald mehr.

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