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02.08.2019, Jamal Tuschick

Auf dem Rewriting the Map-Festival: Literature and Urbanism in Divided Cities im Berliner Literarischen Colloquium deutete Zeleia Gregoriou die Teilung Zyperns digital: Null oder eins/ von hier oder von da.

Das Wasser der Türken

Michael Pierse wägt das Schweigen in der Topografie des Belfaster (postindustriellen) „Herzlandes“. Im verschwiegenen Hass lassen sich die Echos der Vergangenheit vernehmen. Die Stadt der Troubles wurde in der Post-Konflikt-Ära neoliberal abgestempelt. Pierse spricht von einem „neuen neoliberalen Revanchismus“, in dem die Friedensdividende an die alten Usurpatoren ausgeschüttet wird.

Eingebetteter Medieninhalt

„Green line of the divided city – red wound. Double edged knife that cut in half – our every single truth.“ Meletis Apostolides

Zeleia Gregoriou nennt die Segregation „digital“:

„One or zero, inside or outside, from here or there, visibility or darkness.“

Manche bringen ihr Wasser mit, um auf der anderen Seite keinen Cent zu lassen. Zypern ist seit 1974 geteilt, seit 2003 gibt es Übergänge vom griechischen ins türkische Lager. Das Misstrauen geht mit, sagt Gregoriou. Das ist wahr, aber nicht die ganze Geschichte. Tomaten, Spargel und Tabak aus den besetzten Gebieten, Fisch aus Pyla (einer Gemeinde der historischen Koexistenz), auf dem Larnaka Flughafen gelandete Touristen, prekäre Migranten auf der Mogadischu-Nairobi-Istanbul-Ercan-Green-Line-Route passieren die Grenze ohne den zypriotischen Widerwillen.     

„Nicosia ist das Herz der mediterranen Welt.“ Zeleia Gregoriou

Die architektonische Textur kombiniert hellenische, türkische, gotische, venezianische und sarazenische, also lateinische und islamische Elemente. Es gibt einen armenischen Einfluss.

Wie gesagtZeleia Gregoriou zitiert eine griechische Zypriotin mit den Worten: „Wir kamen, um dem Apostel Andreas zu huldigen, wir brachten unser Wasser mit. Wir wollten ihr Wasser (das Wasser der Türken) nicht trinken.“

Für die orthodoxen Pilger ist der Ausflug in die muslimische Zone eine Zeitreise. Alles erscheint ihnen wie eingefroren.  

Nikosia - Lefkosía - Lefkosa. Gürgenç Korkmazel, Sohn griechisch-türkischer Eltern, ertrug die Teilung seiner Insel so wenig, dass er nach England exilierte. 2003 kehrte er zurück, vom Heimweh und von der Hoffnung auf eine Wiedervereinigung angetrieben.  

Türkische Musik im Radio ist Krach auf der griechischen Seite. Ungefähr Zeleia Gregoriou

Griechische und türkische Zyprioten haben sich mehr angetan als protestantische und katholische Iren. Hier wie da dient der Religionsgegensatz einer Erklärungsvereinfachung. Der Nordirlandkonflikt (Troubles) wird von manchen Autoren als ethnische Auseinandersetzung beschrieben. Die Konfliktlinien verlaufen durch die Geschichte zwischen der ursprünglichen Bevölkerung und den von der englischen Krone angelockten, wenn nicht zwangsangesiedelten protestantisch-privilegiert Dazugekommenen. Die Engländer, Schotten und Waliser erschienen in Irland als Usurpatoren. Sie dominierten die Eingesessenen wirtschaftlich, und wurden mit der Kolonialmacht identifiziert. Sie bildeten die Oberschicht. Sie waren Briten, Bürger des Empire, Angehörige einer Weltmacht.

Die eingesessenen Katholiken waren Kolonisierte, ohnmächtig bis auf den Strunk. Dieser Zumutung wurde erst im Jahrhundert der Dekolonisation ein in der Welt widerhallender Widerstand entgegengebracht. Der Rest ist Schweigen, sagt Seamus Heaney.

„Whatever you say, say nothing.“

Michael Pierse bespricht das Schweigen in der Topografie des Belfaster (postindustriellen) „Herzlandes“. Im verschwiegenen Hass lassen sich die Echos der Vergangenheit vernehmen. Die Stadt der Troubles wurde in der Post-Konflikt-Ära neoliberal abgestempelt. Pierse spricht von einem „neuen neoliberalen Revanchismus“, in dem die Friedensdividende an die alten Usurpatoren ausgeschüttet wird.

Wer hat das je gedacht, so weit vom Schuss? So macht man das jetzt.

Aus der Ankündigung

Anlässlich des 30. Jubiläums des Mauerfalls in Berlin richtet das Literarische Colloquium Berlin ein Festival zu Literatur, Kunst und Urbanismus in geteilten Städten Europas aus. Mit Gästen aus Belfast, Mostar, Nikosia und Berlin diskutieren wir das Zusammenspiel zwischen der spezifischen räumlichen Struktur dieser Städte und der Kunst, die dort entsteht. Zusammen mit Schriftsteller·innen, Architekt·innen, Stadtplaner·innen, Historiker·innen sowie Performance-Künstler·innen werden die Folgen innerstädtischer Grenzen auf kollektive Wahrnehmung und das kollektive Gedächtnis beleuchtet und die Mittel aufgezeigt, mit denen Grenzen aufrechterhalten, aber auch umgangen, überwunden und aufgelöst werden. Wir setzen uns mit den Folgen langjähriger Teilung und Exklusion in Teilen des Kontinents auseinander und nehmen unterschiedliche urbane Konstellationen in den Blick.

Bald mehr.

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