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02.08.2019, Jamal Tuschick

Die in Polen geborene und in Berlin aufgewachsene Schriftstellerjournalistin Emilia Smechowski hat ein Jahr lang ihre zweite Heimat unter die journalistische Lupe genommen. Dabei herausgekommen ist ein angenehm ratloser Report. „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“ ist ein Buch der vorläufigen Feststellungen.

Sprechverbote

Emilia Smechowski

Jacek Jaśkowiak ist der High-Noon-Gary-Cooper von Posen

Eingebetteter Medieninhalt

Deutsch ist zwar nur eine Sprache der Fremdherrschaft, die man in Polen zu hören gezwungen war, aber keine andere scheint so negativ besetzt zu sein, glaubt man Emilia Smechowski. Die Autorin zählt Straftaten mit deutschfeindlichem Hintergrund auf. Sie macht sich Sorgen um ihre Tochter, die kein Polnisch spricht, obwohl sie es versteht. Das Kind ist Ressentiments schutzlos ausgeliefert. Es steckt in der Falle eines abweichenden Erziehungsideals. Die Berliner Freiheit löst sich in Gdańsk nicht in Wohlgefallen auf.   

Emilia Smechowski, „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“, Hanser Berlin, 255 Seiten, 23,-

Smechowski wählt private Anknüpfungspunkte. Sie rhapsodiert die eigene von „Sprechverboten“ ausgeschilderte Kindheit. Besuchte man die Oma in der fremden Heimat der Eltern, sprach man besser kein Deutsch in der Öffentlichkeit.

„Die Polen tun sich mit uns als Deutschen schwer.“

Jetzt läuft die Tochter gegen die Wand. Sie wehrt sich gegen alle möglichen Zumutungen. Und wie wehrt sie sich? Mit Anpassung. Bald kann sie besser Polnisch als ihre Mutter.

Vor allem jedoch markiert sie ihre Aussprache nicht so eindeutig.

„Sie … singt Polnisch mit vollem Ernst.“

Anpassung in der Konsequenz von Akzeptanz einer nicht auflösbaren Situation. Das polnische Vordach verstellt den Blick auf den Berliner Himmel. Die poetischen Profite und lyrische Zerrissenheit der Mutter gehen das Kind nichts an. Wenigsten ist man in zwanzig Minuten am Strand. Das ist doch auch was.

Mir gefällt der private Ton, das Abklappern der Stationen zwischen Skrupeln und Chuzpe. Ich sehe schon das Buch, das die Tochter mit dem Satz angefangen haben wird: Als ich … war und schon eine ziemlich reife Kita-Persönlichkeit, da verfiel meine Mutter auf die Idee, mit mir ein Jahr in Polen zu verbringen. Bis heute weiß ich nicht, was sie sich dabei gedacht hat.

Smechowski geht unter die Leute und hört sich bei Ernüchterten um. Vereinigte Staaten von Europa schweben kaum einem vor. Man hält es mit Ivan Krastev: „Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit wird man nicht vollständig einstellen, aber der Traum eines freien und geeinten Europas dürfte ausgeträumt sein.“

Die Werte des Westens stoßen auf Ablehnung bei einem Gemeindevorsteher, der sich von Smechowski interviewen lässt, und vollkommen unbefangen vom Leder zieht. Keine Flüchtlinge, keine Ehe für Homosexuelle, keine Abtreibung. Für den kleinen Boss steht außer Frage, mit wem er redet: mit einer Deutschen, die (an rechtsstaatlichen Normen vorbei) nach den Gesetzen der Scharia lebt.

Das ist ein wichtiger Punkt: wie wenig vorbildlich Deutschland erscheint. Polen will nicht am deutschen EU-Wesen genesen. Die einen formulieren das diskreter als andere in einem Land, das der Europäischen Union einiges verdankt. Trotzdem ist alles zu wenig in Polen B, der ruralen Sphäre. Da protestiert dann ein Milchbauer auch mit seiner Wählerstimme gegen die institutionalisierte Zweitklassigkeit, die seine Region und deren Bewohner degradiert.  

Smechowski besucht eine Kirche, in der gegen Abtreibung agitiert wird. Sie liefert den Gegentext: Hunderttausende demonstrieren für weibliche Selbstbestimmung. Die Zivilgesellschaft formiert sich immer wieder vor den Schneckenhäusern eines stark ausgeprägten Individualismus … in einem Klima des Misstrauens und der Reserve. Smechowski wird nicht warm mit ihren Nachbarn.

Als Galionsfigur eines antiautoritären Polen tritt der Stadtpräsident (Bürgermeister) von Posen auf. Jacek Jaśkowiak, ein Amateurboxer mit Ehrgeiz und einer verblüffenden Fitness, lief bei einer Gay-Pride-Demonstration mit. Der Mann, der gegen Dariusz Michalczewski drei Runden im Geschäft blieb, ist bereit, Geflüchtete aufzunehmen. Smechowski attestiert ihm den Habitus eines spröden Sparkassenchefs. Für mich hat Jaśkowiak alles, was Gary Cooper in High Noon verkörpert – die Zivilgesellschaft unter Druck und in der Defensive; entschlossen und befähigt, das Blatt im Alleingang zu wenden und Warschau die rote Karte zu zeigen. Der Colt seines Gewissens ist die einzige Autorität.  

Bald mehr.  

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