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03.08.2019, Jamal Tuschick

Als Galionsfigur eines antiautoritären Polen tritt der Stadtpräsident (Bürgermeister) von Posen auf. Jacek Jaśkowiak, ein Amateurboxer mit Ehrgeiz und einer verblüffenden Fitness, lief bei einer Gay-Pride-Demonstration mit. Der Mann, der gegen Dariusz Michalczewski drei Runden im Geschäft blieb, ist bereit, Geflüchtete aufzunehmen. Smechowski attestiert ihm den Habitus eines spröden Sparkassenchefs. Für mich hat Jaśkowiak alles, was Gary Cooper in High Noon verkörpert – die Zivilgesellschaft unter Druck und in der Defensive; entschlossen und befähigt, das Blatt im Alleingang zu wenden und Warschau die rote Karte zu zeigen. Der Colt seines Gewissens ist die einzige Autorität.

Auto-ikonografische Choreografie

Emilia Smechowski

Es sind die Kleinigkeiten. Die Fünfzigjährige am Strand, die einen laufenden Meter namens Karol mit einer Stulle in ihr Handtuchrevier lockt, könnte bei uns die Mutter sein. In Polen sind alte Mütter selten, während es zuhauf junge Großmütter gibt.

„Kaum eine Gesellschaft auf der Welt ist so homogen wie die Polens.“

Emilia Smechowski, „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“, Hanser Berlin, 255 Seiten, 23,-

Mir gefällt diese halb harmlose Präzision, mit der Emilia Smechowski einen Sommertag am Meer Instagram-typologisch abgrast. Es ist alles da im Sonnenschein des westlichen Weltmaßstabs. Die Körper, ob männlich oder weiblich, laborieren im permanenten Krisenmanagement an der Fragilität von Bestverfassungen. Die Autorin schildert auto-ikonografische Choreografien wie man sie überall auf der Welt sieht … und wundert sich leise, dass es das auch in Polen gibt.

„Polen ist weiß, polnisch, katholisch.“

Emilia Smechowski erlebt Einkaufszentren als klimatisierte Höllen und hat doch nicht die Wahl. Der Einzelhandel existiert zumindest da nicht mehr, wo Smechowski sich bewegt. Auf der Suche nach einer Abweichung von dem weißen, katholischen Polen fährt sie zu einem jahrmarktförmigen Jahrestreffen polnischer Tataren. Die muslimische Randgruppe stand nicht erst im Kampf gegen die osmanische Expansion auf der Seite Polens/Litauens. Smechowski spricht mit einer Repräsentantin der Minderheit, die sich so patriotisch gebärdet, dass es der Haltungsjournalistin Smechowski schwerfällt, die Befragte im Toleranz- und Fortschrittsspektrum zu halten. Smechowski hatte bereits bei dem Posener Stadtpräsidenten Schwierigkeiten, einem (lediglich) liberalen Politiker die fehlende Radikalität nicht zu unverhohlen vorzuhalten.

Als Fürsprecherin muslimischer Geflüchteter sind die Lipka-Tataren eine Fehlbesetzung. Sie beweisen seit siebenhundert Jahren Polen/Litauen (auch gegen muslimische Heere) Loyalität. Da verlaufen die Linien der Abgrenzungen ganz anders als erwartet. Durchbricht eine Anordnung das Schema F des zivilgesellschaftlichen Widerstands, fängt Smechowski an zu eiern.

„Sogar kleine Kinder sieht man an polnischen Stränden selten nackt.“

Smechowski beschreibt „die Prüderie der Polen“ als Paradox. Einerseits sei man in erster Linie Individualist, andererseits befürchte man ständig „Bewertungen des Kollektivs“. Es wäre naheliegender im Katholizismus als im Kommunismus den Grund für die Zurückhaltung zu erkennen. Ich erinnere nur an die nackte DDR. Da lebten auch keine geborenen Kollektivist*innen. Trotzdem haben diese Bürger*innen aus gemeinschaftlichem Nacktsein eine Kultur gemacht.

An einem 11. November, dem Tag der polnischen Unabhängigkeit, nimmt Smechowski an einer Kundgebung in Warschau teilt, die als nationalistische Veranstaltung über die Stadtbühne geht. In einem rotweißen Fahnenmeer erlebt sie einen Gänsehautmoment, bevor der kritische Abstand sich wiedereinstellt. Smechowski entdeckt Lutz Bachmann unter den Demonstranten. Sie spricht ihn an. Der stark Euphorisierte winkt ab.

Bald mehr.

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