MenuMENU

zurück zu Main Labor

03.08.2019, Jamal Tuschick

Roxane Gay hat nachgezählt. In Quentin Tarantinos Django Unchained „kommt das N-Wort in nicht ganz drei Stunden hundertzehn Mal vor.“ Das ist Rassismus, und darüber reden wir heute.

In der Uniform der Unterwürfigkeit

Eingebetteter Medieninhalt

„It is funny how the the majority of whites do not want to face the truth of the real history of America. Your wealth was not given by hard work and justice. It was given by evil and robbing other cultures“. Eine Stimme aus dem Off der Kommentarspalten

Die nordamerikanische Sklavenhaltergesellschaft legte ohne Scheu Zeugnis ab. Sie veröffentlichte ihre Präambeln und pseudoaristokratischen Überzeugungen in Erwartung einer empfänglichen Nachwelt. Es verband sich schlicht und ergreifend keine Scham mit der in Menschenzucht und -züchtigung mündenden Verdinglichungspraxis. Die Argumente des Abolitionismus waren das eine. Das andere war eine monumentale Indifferenz gegenüber Einwänden durch die Jahrhunderte. Die Plantagenpotentaten erhoben sich selbst in der Wiederholung und Erweiterung bewährter Unterdrückungskonzepte. Sie gründeten Monarchien und schwelgten in Arabesken, die jede Menge Lebensstilnostalgien produzierten.

Roxane Gay weist auf solche Elaborationen hin, die aus einem Selbstverständnis kamen, das nicht anschlusslos geblieben ist. Gay spürt das gegenwärtige Format des weißen Herrenmenschentum auf.

Roxane Gay, „Bad Feminist“, Essays, aus dem amerikanischen Englisch von Anne Spielmann, btb, 415 Seiten, 10,-

„Es gibt eine Menge hohler Phrasen über das postrassistische Amerika, aber wenn es um die Oscars geht, zeigt Hollywood sehr deutlich, wie es Schwarze auf der Leinwand zu sehen wünscht.“

Nämlich immer noch in der Uniform der Unterwürfigkeit – in einer Dienstbotentracht. Octavia Spencer bekam 2012 für ihre Rolle als Dienstmädchen Minnie Jackson in The Help einen Oscar. In der gleichen Rolle gewann 1939 Hattie McDaniel den ersten Oscar, der je einem Schwarzen Menschen zuerkannt wurde.

Gay beschäftigt sich mit dem rassistischen und Klischees verbreitenden Hollywood auch am Beispiel von Quentin Tarantinos Django Unchained. Sie stellt fest: In diesem Film „geht es nicht um einen Schwarzen Mann, der seine Freiheit fordert. Es geht um einen Weißen, der sich an seinen eigenen Dämonen … abarbeitet.“

Aber darüber wird nicht geredet. Der weltweite Diskurs verfehlte Tarantinos operetten- und märchenhafte Schilderungen der Leidenszumutungen, so wie die Skarifizierungen mit der Peitsche. Nichts ergibt sich aus dem Willen zum historischen Realismus. Vielmehr dient das Sklavenelend einer bis eben von mir nicht gesehenen voyeuristischen Perspektive. Gay zeigt an, wie opulent die Tableaus der Erniedrigung ausgestattet sind.

Wer so ausführlich degradiert wird, ist Schwarz in jedem Fall.

Es ergibt sich eine de Sade'sche Serie der Steigerung. Zwischendurch wird geschossen, der emanzipatorische Impuls bewegt den Trigger, ein Hauch von Westernschmauch koloriert das Geschehen vor der nächsten sadistischen Szene.    

In einer weiteren und noch ekelhafteren Hinsicht lässt sich der Film als Fortsetzung des weißen Herrschaftstextes mit den Mittel der False Flag-Konspiration lesen.

Gay schreibt: Es unmöglich, über Django Unchained zu reden, ohne das dort allgegenwärtige N-Wort zu erörtern.“

Gay hasst das N-Wort. Es „kommt in nicht ganz drei Stunden hundertzehn Mal vor“.  

Ich glaube keinem Weißen, der das N-Wort verwendet, dass er kein Rassist ist. Die gegensätzlichsten Charaktere, ja die größten Feinde auf dieser Welt kämen an einer Tafel der Gemeinsamkeit einträchtig zusammen, wäre es denn einträglich, sich zu seinem tief empfundenen, noch unter der Sex-Stufe abgelegten Rassismus zu bekennen. Man kann gar nicht aufhören Rassist*in zu sein, bloß weil das gerade nicht passt. Sobald man sich als Rassist*in geoutet hat, geht der Eiertanz los und man wird ganz gelb vor Unglaubwürdigkeit. Die Djangos von der Antirassismuseinheit bleiben Jahre im Sattel, ohne zu ermüden. 

So habe ich Django Unchained gesehen. Gekürzter Text: Das Amerika des 19. Jahrhunderts war ein Spielplatz der Anti-Psychiatrie. Die Irren Europas fluteten den Kontinent mit ihren Ideen. Sie fanden sich grandios und nannten sich Gentleman, obwohl es im großen Plan nie vorgesehen war, dem Bodensatz der Menschheit Gelegenheiten zur Nobilitierung aus schierer Selbstbegnadigung zu gewähren. In Amerika brach das Kartenhaus der Legitimation zusammen, während im Trubel der Selbstermächtigungen Identitäten Karussell fuhren. In diesem Treibhaus der sozialen Evolution nistet Quentin Tarantinos „Django Unchained“. Das ist eine Donnerbüchse der Pandora und außerdem eine Versammlung der schönsten Sonnenuntergänge, Schusswechsel, Sklavinnen und schwülen Stimmungen des Südens. Jeder Superszene des Genres hat Tarantino eine Kuppel aufgesetzt, der Film quietscht vor Zitaten. Zur Sprache kommt von Siegfried bis Shaft alles Mögliche aus den Nibelungen und anderen Pride-Produktionen. Das kann man nicht ernst nehmen.

Christoph Waltz soll ein großartiger Schauspieler sein. Von mir aus. Jedenfalls macht er in „Django Unchained“ einen auf wortgewandten Kopfgeldjäger, mit einer Vergangenheit und Tarnung als Zahnarzt. Als Dr. King Schultz, in diesem Namen steckt von Martin Luther King bis Carl Schurz jede Menge Geschichte, und in der Figur auf jeden Fall Doc Holliday, geht er allen auf die Nerven. Man wundert sich wohl, wieso der so lange am Leben bleibt.

Eine amerikanische Frage lautet: Was wäre geschehen, wenn nicht die Industrialisierung das 19. Jahrhundert bestimmt hätte? – Folglich der Norden von Landwirtschaft so abhängig geblieben wäre wie der Süden. Viele Einwanderer kamen auf der Flucht vor den elenden Auswirkungen der Industrialisierung Europas nach Amerika. Dabei hielt man etwa Iren kaum für Weiße. Sie konkurrierten mit den freien Schwarzen um Jobs. Ihre katholische Armut machte sie selbst schwarz. Es gab in Amerika regelrechte Unfreiheit mit sämtlichen Merkmalen der Leibeigenschaft für „Weiße“, Kinderhandel inklusive, in einer Welt, die Sklaverei in Jahrtausenden so selbstverständlich fand wie deutlich kürzer den Kirchgang am Sonntag. Nun spielt Quentin Tarantinos Liebeserklärung an den Italowestern in der Zeit, als der Süden noch mit schwereren Gewichten auf die Begriffe von Macht und Moral einwirkte als bald nach seiner Niederlage. Der Sezessionskrieg steht dem Land erst bevor, aber seine Debatten haben die Gemüter schon erhitzt. Ein Fin de siècle kurz nach Halbzeit des Jahrhunderts: so vulkanisch und zugleich erschöpft erscheint der Süden als Sklavenhalter-Gesellschaft.  

Tarantino interessiert sich offensichtlich nicht für Entwicklungen, zumindest bildet sich sein Django ganz frei von jeder Entwicklung ab. Man lässt ihn von der Kette, gibt ihm eine Knarre und fertig ist der Killer. „Django Unchained“ funktioniert höchstens als Comic.

An einem narrativen Rand zeigt „Django Unchained“ Wirkungen des Selbsthasses der Versklavten. Ein brutal hinterlistiger Onkel Tom (Samuel Jackson) ahnt die wahren Wünsche der vorgeblichen Sklavenhändler. Sein Sadismus erreicht die Margen seines Masters Candie. Das scheint so übel, dass man dem Verwalter mehr vorwerfen möchte als seinem Eigentümer. An seinem Beispiel exekutiert Tarantino die einzige Charakterdarstellung. Das sollte einem zu denken geben.

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen