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04.08.2019, Jamal Tuschick

Schwarzen deutschen Frauen, die „als Schlagbolzen für die Emotionen aller Menschen in ihrer Umgebung herhalten müssen“ eine Stimme zu geben, ist ein Ziel und eine Leistung von „Millis Erwachen“ – einem Film- & Buch-Doppelschlag der Schwarzen Emanzipation.

Emotionale Stahlbolzen

Nie kam er über Deutschland und die Schweiz hinaus. Ernst Ludwig Kirchner imaginierte das Fremde zwar künstlerisch autonom. Kulturell blieb er aber an den europäischen Standard gebunden. Kirchners Bild von der „Schlafenden Milli“ entstand, so sagt es Natasha A. Kelly, aus der kolonialen Täterperspektive. Milli, eine Schwarze Artistin, erscheint als Objekt der Begierde im Spektrum der Verfügbarkeit.

Das Bild malte Kirchner 1911 in Dresden. Kelly räumt auf mit der Idee vom schaulustig-träumenden Künstler, dessen Afrikaphantasien in der Unschuld des Genies Gestalt annahmen. Ihre Kritik klärt Kirchners konventionellen geistigen Habitus. Er ist der weiße Mann in der interessanten Subjektspannung. Milli bleibt (im Schlaf der Natur/ der größeren Naturnähe, so die Klischees) seinen Deutungen unterworfen, wie dann auch den Deutungen von Millionen weißen Betrachter*innen, die ihre weißen Horizonte auf die Ansicht projizierten.

Natasha A. Kelly, Die schlafende Milli. Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand, Orlanda, 174 Seiten, 21.50 Euro  

In ihrem 2018 uraufgeführten Film und dem zeitnah erschienenen Buch „Millis Erwachen“ weckt Kelly die Schlafende. Sie gibt ihr eine Geschichte, indem sie die Geschichten von acht Schwarzen deutschen Künstlerinnen dokumentiert. Zuvor erzählt sie von ihren eigenen Milli-Erfahrungen. Sie lässt offen, ob unter dem Vorwand der Kunst eine voyeuristische Attacke stattfand.

Zuerst spricht Nadu. Sie wird 1955 in Detmold geboren und verbringt, wie viele deutsche Schwarze ihrer Generation, Jahre im Kinderheim, bis die Mutter zum zweiten Mal heiratet und „das Kind zu sich holt“.

Deutschland nach dem Krieg. Was eben noch Blutschande war, ist jetzt das Fräuleinwunder. Wer sich nicht anpasst, geht unter. Während in den Vereinigten Staaten die Rassentrennung gemischten Paaren hohe Hürden in den Weg stellt, findet man in Trümmerland leicht zueinander. Ergeben sich Kinder in Verbindungen zwischen den Verlierertöchtern und den Schwarzen Siegern, sind jene dann wieder schwach genug, um mit dem Kantholz des Rassenstolzes traktiert zu werden. Auch die Mütter haben nichts zu lachen.

Nadu erzählt, wie es ist, Schwarz zu sein in einer weißen Gesellschaft, ohne den Rückhalt in einer Gruppe, ohne einschlägige Literatur. Sie ist einfach nur eine Deutsche mit einem „Farbfehler“; ein „Schlagbolzen für die Emotionen aller Menschen in ihrer Umgebung“; eine beliebig negativ auffüllbare Projektionsfläche. 

In den 1970er Jahren beginnt Nadu sich in Frauengruppen ein Schwarzes Selbstbewusstsein zu erarbeiten; auch im Widerstand gegen weißen Mittelstandsfeministinnen, die „über Schwarze Frauen reden (wollen), ohne dass welche dabei sind“.

Schwarze Frauen, die einen Raum für ihre Interessen suchen, haben es schwer auch nur eine Mietfläche zu ergattern. Ständig intervenieren weiße Frauen, ihre Bildungsvorsprünge ausspielend.

„Wir konnten eigentlich nur sagen, was wir nicht wollten.“

Die weißen Feministinnen begreifen ihren unterschwelligen Rassismus nicht. Noch stehen die Kategorien des Intersektionalität (zur Erforschung und Verarbeitung von Mehrfachdiskriminierungen) nicht zur Verfügung. Doch auch so erkennen Nadu und die Aktivistinnen der ersten Stunde, dass eine Zusammenarbeit mit weißen Frauen witzlos ist.

„Weil wir dann wieder die Unsichtbaren sind.“

Bald mehr.  

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