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05.08.2019, Jamal Tuschick

Wichtig ist es, daran zu erinnern, „dass es für weiße Frauen (in den 1950/60/70er Jahren) schwierig war, ein Schwarzes Kind in einer weißen Gesellschaft zu haben“. Darüber sprechen Schwarze Frauen in „Millis Erwachen“ – einem Film- & Buch-Doppelschlag der Schwarzen Emanzipation von Natasha A. Kelly.

Gehänselt, geschubst, beschimpft, bespuckt

So stelle ich mir einen zur Wirklichkeit aufgerückten Albtraum vor: in einem strunzrassistischen Milieu die einzige Schwarze zu sein. Patricia muss da durch. Die 1970 in Potsdam geborene Tochter einer anwesenden deutschen Mutter und eines abwesenden Schwarzen Vaters absolviert eine Kindheit unter härtesten Bedingungen. Sie wird „gehänselt, geschubst, beschimpft, bespuckt“. Wenn sie Glück hat, findet man sie exotisch. Fremde fassen sie an und erfühlen die Struktur ihres Haares. Im Brustton der Rechtschaffenheit setzen Passanten die kleine Bürgerin herab.

„Ich habe lange gedacht, ich wäre weiß.“

Patricia wird weiß sozialisiert und liest sich selbst weiß mit schwankender Toleranz gegenüber den expliziten und impliziten Einreden. Das ist eine Überlebensstrategie. Es gibt in ihrer Umgebung keinen positiven Rahmen für das Anderssein. Alle Spiegelungen der Differenz sind verätzend.

Die Differenz beschränkt sich auf die Hautfarbe. Der kulturelle Überbau der Differenz ist ein Entbehrungsprodukt. Da sind keine Schwarzen Galionsfiguren … Vorkämpferinnen, denen Patricia nacheifern könnte.

Nichts wird besser in der Jugend. Im Osten feiern „befreite Zonen“ ihre Hochzeit. Komplette Stadtteile sind tabu. Patricia kann nicht reisen, ohne Sicherheitscheck.

*

Es ist wichtig, daran zu erinnern, „dass es für weiße Frauen (in den 1950/60/70er Jahren) schwierig war, ein Schwarzes Kind in einer weißen Gesellschaft zu haben“.

Das hatte überhaupt nichts mit Migration zu tun. Es gab kein Hinterland, keine kulturelle Alternative, keine griechischen oder spanischen oder türkischen Großeltern, die selbstverständlich in sich ruhend positive Referenzen boten.

Das Schwarze deutsche Kind hatte in beiden deutschen Staaten keine identitätsstiftende Umgebung. Es genügte keinem Mehrheitsmaßstab. Selbst die weißen Großeltern waren bei aller Liebe nicht dazu in der Lage, ihren Rassismus an einen rostigen Nagel zu hängen. Das Schwarze Kind lebte unter seinen weißen Verwandten in einer Hölle der Vorurteile.

An keiner Stelle gab es garantierte Gleichheit. Darüber sprechen Schwarze Frauen in „Millis Erwachen“ – einem Film- & Buch-Doppelschlag der Schwarzen Emanzipation von Natasha A. Kelly.

Natasha A. Kelly, Die schlafende Milli. Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand, Orlanda, 174 Seiten, 21.50 Euro  

In ihrem 2018 uraufgeführten Film und dem zeitnah erschienenen Buch „Millis Erwachen“ weckt Kelly Ernst Ludwig Kirchners expressionistisch schlafende „Milli“. Kirchners Bild von einer schlafenden Schwarzen entstand, so sagt es Natasha A. Kelly, aus der kolonialen Täterperspektive. Milli erscheint als Objekt der Begierde im Spektrum der Verfügbarkeit. Kelly gibt ihr eine Geschichte, indem sie die Geschichten von acht Schwarzen hauptsächlich deutschen Künstlerinnen dokumentiert. Zuvor erzählt sie von ihren eigenen Milli-Erfahrungen. Sie lässt offen, ob unter dem Vorwand der Kunst eine voyeuristische Attacke stattfand.

Bald mehr.

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