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06.08.2019, Jamal Tuschick

Schwarz und lesbisch in Ostberlin – Bell-Alissa trifft Sandra im Bezirk Prenzlauer Berg. Sie spricht zu uns auch über Natasha A. Kellys artistischen Doppelschlag „Die schlafende Milli. Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand“.

Gepierctes Meerschwein

Sandras neues Lieblingswort ist ein Akronym aus Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity.

Seit dem Niedergang des Warschauer Pakts leben wir in der VUCA Welt. Sandra hat sich als Resilienz-Forscherin etabliert. Wir unterhalten uns leicht angeödet im Nostalgie Café Schönherr am Wasserturm über posttraumatischen Benefit und sein prominentes Gegenteil: die posttraumatische Belastungsstörung. Was manche stabilisiert, destabilisiert andere. Noch immer werden Gründe für die unterschiedlichen Reaktionen gesucht.

Die Tapete passt zu den Vorhängen. Die Motive sind floral. Sie haben einen Fin de Siècle-Stich und waren modern in der letzten Gründerzeit des Industriezeitalters. Diese Gründerzeit verpasste der Erde einen Stahlgürtel, der schon lange als Rost Belt von sich reden macht.

Der Feuerlöscher stellt sich als Fremdkörper auf der Täfelung dar. Neben uns krümelt eine ostdeutsche Redakteurin. Vera Peters stellte beim ersten Augenkontakt klar, dass sie von mir nicht angesprochen zu werden wünscht.

Die Ablehnung arbeitet in mir. Ich war ein paar Jahre Veras liebste freie Mitarbeiterin, dann gab es ein Zerwürfnis, das in einer an den Haaren herbeigezogenen Unversöhnlichkeit mündete. Zurzeit dreht sich das Rad Richtung offener Ablehnung und kostspieliger Aversion. Auf vielen Feldern spielen wir Wessis versus Ossis mit harten Bandagen. Die Ossis haben richtige Gassenhauer*innen mit postproletarischer Performance in ihren Reihen. Vermutlich glaubt jede, nur wegen der bösen Anderen in ihrer Mannschaft mit zu foulen.

Fleisch gewordene Überschreitungen

Es ist natürlich auch lustig und lächerlich, dass ostdeutsch als Marke die Wiedervereinigung so zäh überlebt. Während Schwarz kein Thema sein soll. Ganz zum Schluss rutschte Vera wutentbrannt heraus, was ihr schon lange auf der Zunge gelegen haben musste: Du Bastardschlampe. In der DDR wurde das koloniale Vokabular bis zum Schluss nicht geächtet. Dazu kam, dass Kinder aus Verbindungen zwischen afrikanischen, kubanischen und vietnamesischen Vertragsarbeitern und deutschen Frauen als Fleisch gewordene Überschreitungen gesetzlicher und gesellschaftlicher Normen mit massiver Anpassung die Verfehlungen der Eltern quittieren mussten. Das ostdeutsche Abrichtungsprogramm entsprach institutionalisiertem Rassismus. Den hatten die sächsischen „Schokokirschen“ mit Humor zu nehmen. Sie identifizierten sich mit dem Aggressor und übernahmen das toxische Vokabular - „Mulattin“, „Mischling“.

Ihren Müttern war in die Kinderwagen gespuckt worden.

Auch ich habe mich über die Wiedervereinigung gefreut, bis ich anfing, mich vor den Folgen zu fürchten. Plötzlich trauten sich Leute, mit ihrem fiesen Mies auf die Meinungsgassen und markierten mit Niedertracht ihre „sozial befreiten Zonen“ (Wolfgang Engler).

Damals war Audre Lorde für mich die stärkste Ausstrahlungskraftquelle.

Sie diktierte der Gemeinde:

„Your silence will not protect you.“

Sie wurde zu einer herausfordernden Lehrerin. Schwarze deutsche Frauen führte Lorde bis zum Grund ihres Andersseins. Sie erklärte uns, dass wir verschiedene hybride Identitäten haben.

Praxis der Vermeidung

Darüber sprechen Schwarze Frauen auch in „Millis Erwachen“ – einem Film- & Buch-Doppelschlag der Schwarzen Emanzipation von Natasha A. Kelly.

Natasha A. Kelly, „Die schlafende Milli. Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand“, Orlanda, 174 Seiten, 21.50 Euro  

In ihrem 2018 uraufgeführten Film und dem zeitnah erschienenen Buch „Millis Erwachen“ weckt Kelly Ernst Ludwig Kirchners expressionistisch schlafende „Milli“. Kirchners Bild von einer schlafenden Schwarzen entstand, so sagt es Natasha A. Kelly, aus der kolonialen Täterperspektive. Milli erscheint als Objekt der Begierde im Spektrum der Verfügbarkeit. Kelly gibt ihr eine Geschichte, indem sie die Geschichten von acht Schwarzen hauptsächlich deutschen Künstlerinnen dokumentiert. Zuvor erzählt sie von ihren eigenen Milli-Erfahrungen. Sie lässt offen, ob unter dem Vorwand der Kunst eine voyeuristische Attacke stattfand.

Diana wurde 1965 in Aschaffenburg geboren. Die Mutter floh mit dem intersexuellen Kind vor dem deutschen Rassismus und Ärzten, die schon im Dritten Reich praktiziert hatten, in die Vereinigten Staaten. 1977 kehrte die Familie zurück und ließ sich in Hamburg nieder. „Mein staatliches Geschlecht ist weiblich.“ Zu ihr bald mehr.

Die 1980 in Berlin geborene Sandrine erlebte ihre ersten „offenen rassistischen Angriffe auf der Straße, nachdem die Mauer gefallen war“. Sobald sie Westberlin verließ, befand sie sich auf feindlichem Territorium. Das führte zu einer Praxis der Vermeidung.

Die negativen Erfahrungen halten bis heute an.

„Je weniger andere Personen of Color irgendwo sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass … etwas passiert.“

Bald mehr zu Natasha A. Kellys „Die schlafende Milli. Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand“.

Die Fertigpizza als Offenbarung

Sandra und ich migrierten gemeinsam aus der Kindheit. Gemeinsam besiedelten wir den Kontinent der körperlichen Liebe. Wir knüpften keine zarte Bande. Vielmehr holzten wir durch das Neuland. Die Bettwäsche unserer vom Kinder- zum Jugendzimmer aufgestockten Labore roch in beiden Häusern nach Lenor Aprilfrisch. Frühlingsduft auch im Herbst. Jahre sollten ins Land gehen, bis man das wieder hatte: die sich im Geruch aussprechende häusliche Sorgfalt.  

Sandra und mir glückten sofort die Sprungturmvarianten. Saltos und Schrauben. Übersteiger, Ausheber und Achselwürfe.

Wir feilten an den Stunts in unseren Volieren; behütet von der Kraft der zwei (Mutter)-Herzen. Wir hatten alles im Doppelpack: Mutter und Vater, Großmutter und Großvater und außerdem mit unseren Eltern befreundete/verwandte Erwachsene, deren Vorräte grenzenlos zu sein schienen. Convenience Food machte Träume wahr. Überall wurde einem die Fertigpizza offeriert.  

Wir bedauerten alle, die nicht wir waren. Wir waren Führerinnen auf dem Markt, den man im Verlauf der Pubertät als Umschlagplatz jedweder Relevanz zu begreifen lernt. Wo man lernt, an einer Lüge vorbei zu schrammen, indem man jemanden noch schnell den Laufpass gibt, für den es wichtig ist, nicht einfach ausgetauscht worden zu sein. Zwischen der Liebeskündigung und dem nächsten heißen Versprechen liegen vielleicht nur Stunden voller Sehnsucht, aber man ist doch bei der schonenden Wahrheit geblieben.

Auch Sandra und ich tauschten uns aus. Alles andere wäre lächerlich gewesen. Was außerordentlich kränkend sein könnte, nämlich sich in einem Reigen wie von Schnitzler im Dutzend billiger zu finden, kam in den adoleszenten Erkundungskorridoren eigenen Vorbehalten sogar entgegen. Die Kandidatin würde sowieso nicht kleben bleiben, aber ich werde mich immer an ihr gepierctes Meerschwein erinnern.

Unsere Generation begann ihre Aus- und Umzüge. Sie vagabundierte.

Wir vagabundierten. Dieser Skilauf der auf- und abgleitenden Blicke. Ich unterhielt mich mit Technikerinnen, für die Gaffer-Tape-Bordüren so etwas wie The Basement Tapes der ultimativen Kompetenz waren. Die rasierten Achselhöhlen straften Attitüden der gesellenhaften Berufsausübung Lügen.

Fast analytisch beschrieb Sandra in langen Briefen, wie verschoben sexuelle Ladungen aufeinander reagieren; wie einfach es sein kann und wie kompliziert. Eine leise Störung bestimmter Erwartungen löscht Programme der Erfüllung. Manchmal bewegt sich die Lust auf einem Grat über dem Ekel oder in einer Mulde äußerster Gewöhnlichkeit. Der Kaffee danach (zum Beispiel auf einem Supermarktparkplatz oder in einer total herunter gedogten, von Pakistanern betriebenen Dönerbude) geht in die Bewertung ein.   

Dann ist wieder alles ganz anders, einfach und familiär.

Wir folgten rasch verwitternden Spuren der Leidenschaft. Wir blieben am Ball, es war eine Mission mit Höhepunkten in der U-Bahn und Zwischenstopps in Pilsstuben und Barracuda Bars. Doch behielt die Arbeit in der Morgenröte unserer Aktivitäten - die Modellierung der Neigungen - dreißig Jahre eine erotische Bedeutung. Von der Warte eines überschrittenen Höchststandes wollen wir uns allerdings nicht mehr genau erinnern. Unregelmäßigkeiten im Gedächtnisbetrieb empfinden wir als Gnade. Nicht mehr alles parat zu haben: das ist doch gut. Manchmal werden die Bilder der Erinnerung in zufälligen Überblendungen zu Kunstwerken. Sandra verausgabt sich in einer Langzeitstudie mit Veteranen. Es gibt dazu auch eine Laienpoststelle, die sie verwaltet. Die Empörungsindustrie produziert auch an dieser Stelle das aktivistische Anklagetremolo. Mentale Stärke dürfe keine angemessene Antwort auf Gewalt sein. Besonders nervig, so Sandra, sei die Vorsitzende der Shimano-Closer-To-Nature-Stiftung; auch das ein Millionen schwerer Unfug, aufgezogen als sperrige Nicht-Regierungsorganisation. Einfach nur Sand im Getriebe. Dann fällt der Name der Vorsitzenden. Mareike Angelika Scholz.

Das große Verscherbeln

Zurück auf Los. Ich gehe auf die dreißig zu, unterrichte Deutsch für Ausländer*innen in Frankfurt-Hoechst nach lächerlichen Vorgaben, frequentiere einen Waschsalon, sehe französische Krimis in der kommunalen Filmwerkstatt, reagiere euphorisch auf die Wiedervereinigung und verliebe mich in den Wuppertaler Schneehasen Mareike.

Die Brandungsgeräusche von Neunundachtzig … Mareike liegt das andere Deutschland ferner als Amerika. Sie wünscht sich eine ethnologische Annäherung. Sie liegt auf meinem Futon und geht in Gedanken spazieren. Sie sieht sich in Weimar die Gewohnheiten der Eingeborenen studieren und manchen Stein gewordenen Widerhall deutscher Klassik mustern.

Der Ostblock bleibt eine Dystopie. In dieser Ignoranz-Fasson statten Mareike und ich der sich gerade übergebenden DDR einen Besuch ab. Ich halte einen Elektroschocker und ein Springmesser griffbereit. Man muss aufpassen, dass man die Ereignisse rund um „die friedliche Revolution“ nicht auf der Kehrichtschaufel der eigenen Geschichtsvergessenheit zur Tonne der eigenen Einfalt trägt.

Das große Verscherbeln hat schon begonnen, aber die DDR gibt es noch in ihrer Agonie. So wie Bürger*innen, die in einem starken Trennungsschmerz mit ihrem Land verbunden sind. Leute, die ahnungslos ihre lebensgeschichtlichen Brüche herbeidemonstriert haben, betrachten uns fassungslos. Jeder hat sich das und den anderen ganz anderes vorgestellt.

Einmal hören wir. „Wenigstens können die beiden zusammen keine braunen Babys machen.“

Wieder in Frankfurt verknüpft Mareike so monoton wie monomanisch die kaputte DDR mit ihrer kaputten Familiengeschichte. Sie macht ihren Vater für den frühen Tod der Mutter verantwortlich. Während sie ihrem Vater den Tod wünschte, verlor sie die Mutter. 

Alles schien verkehrt eingerichtet.

Der Vater ist in Mareikes Wahrnehmung ein … und ein … Die Aufzählung kommt ohne originelle Sprachschöpfungen aus, so als verböte sich jedwede Kreativität an dieser Stelle. Gewaltphantasien flankieren die Tirade und vernebeln Mareikes Gehirn. 

In der holzigen Höhlenartigkeit eines Schwanheimer Dachstuhls geht Mareike mit mir ihr Leben durch. Ein Erinnerungs-Wir schließt den Vater nicht immer nur negativ ein. Manchmal schimmert Stolz auf den Kotzbrocken durch die Ablehnung. Ein paar Mal mehr als selten hat man etwas gemeinsam erlebt, dass positiv zu Buche schlug, so wie die Suche nach Gold in der Eder und eine Einweisung in die Kunst der Salzgewinnung.

In einem Verhau aus kruden Darstellungen verbirgt sich eine Heranwachsende, die im Herrschaftsbereich der väterlichen Verwahrlosung ständig sprungbereit auf der Hut war. 

Wird fortgesetzt.

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