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07.08.2019, Jamal Tuschick

Mo Asumang berichtet in „Mo und die Arier“ auch von echten Ariern im Iran sowie von Bruderschaften im Geist kruder Rassenideologien. Wie Kurtz im „Herz der Finsternis“ hat sie das Grauen gesehen.

Abschneiden des Erbfadens

Eingebetteter Medieninhalt

Zum Schluss erscheint der Brandenburger Justizminister und nimmt eine Knast-Inszenierung von Schillers „Räubern“ ab, an der Mo Asumang beteiligt ist. Der Versuch einer Auseinandersetzung mit kriminell-rassistischer Gewalttätigkeit lief in der Zwischenzeit leer. Im geschlossenen Vollzug können sich die Gefangenen nicht öffnen. Ihre Wut ist ein wertvolles Gut.

Mo Asumang, „Mo und die Arier“, S. Fischer, 271 Seiten, 14,99 Euro

Asumang beschreibt die Redundanz des Unbehagens und eine Ferne der Katharsis, die ermüdet. Schließlich lässt sich doch noch ein Neonazi auftreiben, der den direkten Austausch mit der Schwarzen Autorin nicht scheut. Marek sitzt wegen schwerer Körperverletzung, sein Opfer ist Schwarz. Am vorläufigen Ende einer Reihe offen und verdeckt feindlicher Begegnungen markiert Marek die Bereitschaft, nicht auszuweichen. Asumang erwartet von ihm eine Antwort auf Fragen nach Gründen für Hass. Die in Kassel geborene, pfiffig in den Medienzirkus eingestiegene Frau für alle journalistischen Fälle verarbeitet in ihrem Engagement in den Hallen der Unfreiheit die grob-lyrische Ankündigung ihrer Ermordung in einem Lied der White Aryan Rebels. Die Musiker sehen sich als Gladiatoren in einem Bürgerkrieg. Sie erscheinen wenig originell bei der Benennung ihrer Ziele.

Die auf Asumang gemünzte Zeile löst eine Krise aus und im Folgenden einer Dynamisierung. Asumang plädiert gegen ihre Angst für einen konfrontativen Umgang mit den rassistischen Bedrohungen. Sie zählt einschlägige Erlebnisse auf, Erniedrigungen, körperliche Angriffe … in Mareks Gegenwart fühlt sie sich wie auf einer Klippe, „von der man noch nicht gestoßen wurde“.

Selbst als Inhaftierter bewahrt er eine Dominanz aus Gruppenstärke. In seiner Nachbarschaft dürfe sich Asumang nicht blicken lassen.

„Alles, was schwarz ist oder Schlitzaugen hat, wird dort weggeschlagen.“

Das ist der Moment, in dem der Lesung Asumangs Erschütterung erreicht. Der Rechtsstaat versagt vor der Zuversicht des Delinquenten. Asumang braucht den Schutzraum Gefängnis, um sich sicher fühlen zu können.

Marek konsumiert seine Überzeugungen. Sie sind Manna mit hohem Nährwert. Asumang hat nichts, dass ihr Selbstbewusstsein so peppen könnte. Sie bleibt an Statistiken über die Attackenfrequenz hängen. Sie erwähnt 17520 rechtsextreme Delikte vor Jahr. Sie sagt:

„Rassismus ist Realität.“

„Den geschützten Raum der Justizvollzugsanstalt“ verlässt sie mit der Absicht zu handeln. Sie wendet sich dem „Rassenforscher“ Jürgen Rieger zu und absolviert in der Zwischenzeit einen Selbstüberwindungsmarathon. Wieder prallt sie gegen ein Selbstbewusstsein, dessen Inhärenz keinen intelligenten Gedanken braucht.

„Ich bin der Meinung, dass die Deutschen in zweihundert Jahren nicht so aussehen sollten wie Sie.“

Rieger kennt die germanische Praxis aus dem Effeff. Im Geist der Altvorderen bräche er mit einer Tochter „total“, die einen „Neger heiratet“. Er elaboriert das als „Abschneiden des Erbfadens“. Das ist ein verkappter Affront. Rieger diskreditiert so Asumangs Mutter.

Die Autorin verhehlt nicht, dass sie mit Rieger eine Grenze erreicht, an der die Seele Schaden nimmt. Auf dem Alexanderplatz konfrontiert sich Asumang mit einem Neonaziaufmarsch. Sie überwindet den Riegel, der die Rechtsradikalen von den Gegendemonstrant*innen trennt. Ins Gespräch kommt sie mit Aktivisten, die sich als Opfer einer „ethnischen Reinigung“ begreifen.

Asumang datet auf einem nationalen Forum und überrascht einen eher umgänglichen Jörg mit ihrer Hautfarbe.

Die Recherche gewinnt transkontinentale Dimensionen, Asumang besucht „echte Arier“ im Iran. Keiner ist blond und blauäugig, wer hätte das gedacht. Asumang checkt die Lage an der Ku Klux Klan-Front in den Vereinigten Staaten.

Asumang konsultiert einen Fachmann für einsame Wölfe, die ohne Szenekontakte schläfrig ihre Stunde erwarten.

„Mo und die Arier“ dokumentiert eine Parallelgesellschaft, die auf vielen Ebenen wirkt. Ihre mehrheitsgesellschaftlichen Repräsentanzen lassen sich mit investigativem Journalismus effektiv angreifen. Die couragierte Zivilgesellschaft agiert im Anheftungsmodus und sammelt Informationen. Asumang rühmt den Mut der Verfolger*innen.  

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