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07.08.2019, Jamal Tuschick

In dem Aufsatz „Ich war einmal Miss America“ modelliert Roxane Gay die erste Schwarze Schönheitskönigin Vanessa Williams zu einer Gegenikone und Zukunftsversion des All-American-Girl.

Gegenikone und Zukunftsversion

Vanessa Williams

Eingebetteter Medieninhalt

Im Sommer 1982 reagiert eine Studentin der Syracuse University im Staat New York auf eine Zeitungsanzeige. Ein Fotograf sucht ein Modell und Vanessa Williams sucht einen Ferienjob. Es ergibt sich eine Zusammenarbeit, schließlich entstehen Aktaufnahmen, die das Studio niemals verlassen sollen. Williams verlässt sich auf die Verabredung, ein Jahr später wird sie Miss America.

Roxane Gay, „Bad Feminist“, Essays, aus dem amerikanischen Englisch von Anne Spielmann, btb, 415 Seiten, 10,-

„In der dreiundsechzigjährigen Geschichte des Schönheitswettbewerbs“ ist Williams die erste Schwarze. An diesem Ereignis entzündet sich die Autorin, Roxane Gay beschreibt die Krönung als einen „wunderbaren Moment für Schwarze Mädchen überall auf der Welt“.

Williams wird von einer Bugwelle der Begeisterung auf die große Bühne gespült und gerät in einen Bedeutungssog, der aus ihr eine historische Persönlichkeit auf dem Niveau namhafter Bürgerrechtsaktivist*innen macht. Dann tauchen die Nacktfotos in einem Magazin auf.

Williams fühlt sich „vergewaltigt“. Die Aberkennung des Titels leitet eine Degradierung auf der ganzen Linie ein. Williams hat als Botschafterin des erfolgreichen Schwarzen Amerika versagt. Scham und Schande bestimmen den weiteren Kurs. Weißer Hohn gesellt sich zu weißen Morddrohungen.

In dem Aufsatz „Ich war einmal Miss America“ gibt Gay sich selbst in einer verjüngten Ausgabe zu erkennen. Sie verewigt den Augenblick der Inthronisierung.

„Dieser Augenblick machte uns glauben, dass auch wir schön sein könnten.“

Gay modelliert Williams zu einer Gegenikone und Zukunftsversion des All-American-Girl. Vor ihrem Absturz bot die Schönheitskönigin eine Orientierungsalternative. Gay erklärt, fast hätte ich geschrieben gibt zu, dass bis zu Williams Triumph an der Schönheitsfront weiße Kalifornierinnen ihr Ideal verkörperten. Selbstverständlich gaben sich die Wakefield-Zwillinge aus der TV-Serie Sweet Valley High nicht geschlagen, sie waren nur eben nicht mehr konkurrenzlos in der Hierarchie der Stellvertreterinnen.

Die Wünsche und Sehnsüchte in den Schreckenskammern der Kindheit und Jugend delegiert Gay zunächst an weiße Mädchen. Allein das zeigt die politische Dimension und den herausfordernden Charakter Schwarzer Schönheit. Sie befreit und signalisiert: Das Erstrebenswerte ist ohne Abstriche erreichbar.

Gay beschreibt sich als schüchtern und unbeholfen in der besonderen Lage, die einzige Schwarze an ihrer Schule zu sein. Ihr Haar gebärdet sich wild. Sie muss sich den Spitznamen Don King gefallen lassen.   

Gay baut die Kindheitshölle zu einem Freisitz der Erinnerung aus. Die Tochter haitianischer Einwanderer treibt ein beinah militanter Ehrgeiz an. Die Eltern versichern sich erst gar nicht gegen Versagen und wundern sich über die Lethargie der anderen. Sie sind konservativ und leistungsradikal. Die „amerikanische Permissivität (betrachten) sie argwöhnisch“.

Gay erträumt sich die Beliebtheit der Wakefield-Zwillinge. Sie imaginiert lauter gesetzte (weiße) Positionen. Die statussymbolträchtigen Autos, der Rasen, die Terrasse und die ideale Nachbarschaft ergeben schöne Bilder vor einem schönen Haus. Der Aufstieg ist vollbracht, der Kampf zu Ende. Die Schwestern streichen Prisen fremder Anstrengungen ein, während Gay sich ständig Zumutungen ausgesetzt sieht. Sie rangiert als Paria an einem sozialen Rand und flüchtet sich in die Grandiosität.

„Eines Tages, wartet nur ab. Da werde ich Miss America.“

Vor Williams verbindet Gay mit dem Titel weiße Schönheit. Danach nicht mehr. Da ist sie wieder: Die Präzision, mit der Gay ihre Punkte setzt.

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