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09.08.2019, Jamal Tuschick

„Als ich zum Mord ging, zog ich dein schönstes Kleid an.“ In Hendrik Otrembas Roman „Kachelbads Erbe“ äußern sich Persönlichkeiten, die über ihr irdisches Limit hinaus leben wollen.

Postmortaler Kälteschlaf

Eingebetteter Medieninhalt

Der Autor verschafft seinem Namen einen Kurzauftritt als Schriftzug auf einem Lieferwagen: „Otremba Funeral Service“. Die erste Erzählerin mokiert sich über den Namen, dann läuft die Geschichte in eine andere Richtung weiter. Unter Anleitung von H.G. Kachelbad, ihrem Kollegen bei der Stiftung „Exit U.S.“, übt Rosary das „Verschwinden“. Der Dreh dabei: man „verhält sich nicht mehr zur Umwelt, sondern begreift sich wieder als Teil von ihr“. Fortgeschrittene überschreiten den Rubikon der Einbildung und erscheinen den Uneingeweihten unsichtbar. In diesem Zustand bewältigt ein vietnamesischer Auftragsmörder seinen ersten Langstreckenflug. Doch bis dahin passiert viel in Hendrik Otrembas Roman „Kachelbads Erbe“. Die Handlung ergibt sich aus der Verfolgung von Lebensläufen ungewöhnlicher Zeitgenossen. Die von den Protagonist*innen bereits zu Lebzeiten angegriffene Normalsterblichkeit taucht als heimliche Heldin in den Kulissen auf. Wie viel einfacher wäre es für alle, mit geringerer Last die Stromschnellen des Zeitlichen zu passieren. Stattdessen wollen diese Leute den Anfang nach dem Ende der Menschheit erleben respektive andere Dinge in dieser Preisklasse.

Geißelt Otremba ihre Hybris mit abgedeckter Satire und den Mitteln des Kolportageromans?

Hendrik Otremba, „Kachelbads Erbe“, Roman, Hoffmann und Campe, 430 Seiten, 24,-

Rosary bezeichnet ihren Arbeitsplatz als Institut. Tatsächlich handelt es sich um eine Lagerhalle in einer Drecksgegend von Los Angeles. Otremba stellt einen Prospekt der Tristesse vor den Leser. Er schildert eine Abfallwelt. Der Trostlosigkeit zum Trotz lassen sich Persönlichkeiten (des öffentlichen Lebens) in einen „Kälteschlaf“ versetzen, um in einer Zukunft der menschengemachten Unsterblichkeit aufgetaut weiterzuleben. Die einschlägige Technik nennt sich Kryonik. Wikipedia sagt: In den USA wird Kryonik von gemeinnützigen Gesellschaften wie Alcor Life Extension Foundation und Cryonics Institute angeboten. Dort können sich Menschen nach ihrem Tod in Kryostase begeben.  

Während „Exit U.S.“ die sterbliche Leiblichkeit ihrer „kalten Mieter“ komplett in Tanks verwahrt, lagert man anderenorts, so in Arizona, nur die Köpfe ein; in der Erwartung, sie einmal auf effektivere Datenträger als Fleischkörper montieren zu können. Zweimal im Monat muss „flüssiger Stickstoff nachgeladen“ werden.

Rosary und Kachelbad versetzen Shabbatz Krekov in den „postmortalen Kälteschlaf“. Krekov hieß in Wahrheit Richard Kallmann. Im Wien seiner Jugend gefiel er dem Glück. Er dichtete im Kreis von Dirnen, die mit ihm eine erotische Wohngemeinschaft bildeten. Das Lebensrad drehte sich, in Mexiko täuschte Kallmann auf die brutalste Weise Selbstmord vor und tauchte als Shabbatz Krekov sowohl unter als auch auf. Ende der Neunzehnhundertsiebzigerjahre schrieb er seinen letzten Roman, der noch belächelt wurde. Wenige Jahre später begann sein Gastspiel als kalter Mieter in einem Tank, der in jedem Fall sechs Körper einschließt.   

Rasch erkennt Rosary: Mit Kryonik lässt sich kein Geld verdienen. Die Erzählerin hegt den Verdacht, dass Stiftungsgründer Lee Won-Hong neben dem Tiefkühlgeschäft noch weitere Betätigungsfelder (hat), die weitaus tiefer im Schatten liegen als die Tanks in der Halle“. Der Boss stirbt vor den Augen seiner Angestellten. Hundert Seiten später heißt das erzählende Ich Amelia Morales.

Otremba schlägt den nächsten Bogen, er entwirft eine Dschungelbiografie, die nach dem II. Weltkrieg beginnt. Amelia erleidet eine Kindheit und Jugend bis hin zu der Verschleppung in ein Bordell. Via Marrakesch gelangt sie nach Kalifornien. Sie geht den Weg vom Haschisch zum Heroin. Sie schwankt auf dem schmalsten Grat zwischen Leben und Tod, bis sie, vielleicht von Kachelbad, auf die Seite des Lebens gezogen wird; dessen Frist sie in der Kryostase verlängern möchte.

Otremba versammelt Lebensläufe, die in den Tanks nicht enden, sondern vorübergehend zur Ruhe kommen sollen. Eine 1940 in Deutschland geborene Geliebte Lee Won-Hongs äußert sich in der Badewanne. Ein vietnamesischer Killer verpuppt sich in seiner verstorbenen Zwillingsschwester und wird nach sich selbst gefragt:

„Wo ist dein Bruder?“

Kim begegnet Kachelbad schwer, ja tödlich verletzt in LA. Ein Wunder vollzieht sich in der Wiederherstellung des Vietnamesen; so dass Kachelbad und er bald dazu übergehen können, Banken zu überfallen. 

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