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12.08.2019, Jamal Tuschick

In „Warten auf einen Helden“ erzählt Roxane Gay von der Anziehungskraft des Heroischen auf Versager*innen.

Insolvente Andersartigkeit

Eingebetteter Medieninhalt

Den größten Schock der Kindheit liefert die Armut auf Haiti; dem Herkunftsland der in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Eltern. Roxane Gay fällt beim ersten Besuch aus allen Wolken. Die Dürftigkeit des großelterlichen Daseins trifft sie wie ein Schlag. Das Einwandererkind wähnte sich bis dahin auf der irdisch-tiefsten Gesellschaftsstufe, ausgegrenzt und eingepfercht in einem Gatter der insolventen Andersartigkeit. Nun stellt sich die amerikanische Armut im Vergleich mit den Lebensumständen zurückgebliebener Verwandter als Reichtum dar.

Roxane Gay, „Bad Feminist“, Essays, aus dem amerikanischen Englisch von Anne Spielmann, btb, 415 Seiten, 10,-

Das elterliche Verschweigen jener Not, die zur Migration einlud und sie dynamisierte, erzeugt eine Unterströmung (nicht nur) in dem Aufsatz „Warten auf einen Helden“. Der Aufsteigerehrgeiz bestimmte die Präferenzen in Gays Familie. Es ging um Bildung und Status. Drei Mal besser sein zu müssen als alle Konkurrenten, um nur in die engere Wahl gezogen zu werden, zählte zu den weggewischten Selbstverständlichkeiten. Das soziale Durchsetzungsvermögen erhöhte die Lebensspannung. Aus dem Schock auf Haiti ergab sich ein traumatischer Antrieb. Der Schock erhöhte die Anpassungsbereitschaft bis zum manisch-panischen Pegel.

Das Elternhaus war eine Prägeanstalt für jene Münzen, die in Academia zählen. Das ließ sich nicht immer gleich gut verkraften, hing daran doch die Forderung, maschinenhaft über sich hinauszuwachsen und jede Herausforderung anzunehmen.

Warum lernen die nicht, fragte sich Gay als Heranwachsende. Ein paar Jahre später stellte sie sich die Frage im Zusammenhang mit ihren Studenten. Sie betrachtete beschriftete Körper und weitere Trauerspiele der Selbststigmatisierung ohne den kritischen Abstand einer höheren Gewissheit.

In der wissenschaftlichen Reflexion bildet sich trotzdem eine metapolitische Ebene. Gay konstatiert:

Von der Selbstoptimierung bis zu den Autos, die wir fahren, ist „unsere Kultur … vom sozialen Aufstieg geprägt.“

„Wir wollen die Besten sein“ … und das Beste haben.

Das Wir isoliert auf jeden Fall die Student*innen von der Autorin. Ständig sind wir damit beschäftigt, Abstände zwischen unseren Ansprüchen und der Wirklichkeit zu verkürzen. Die Erwartung eines zumindest konsumkritischen Fazits erfüllt sich nicht. Vielmehr erzählt Gay von der Überforderung der an ihrer Leistungsgrenze laborierenden Selbstoptimiererin.

Wie hält sie an der Spitze ihrer Möglichkeiten?

Sie hält sich, indem sie sich eines Vorbilds versichert. Sie heroisiert sich im Schatten eines wahren Helden. (Das generisches Maskulinum im Original hat die Übersetzung überlebt. Ich will nicht einfach mit Sternchen dagegen intervenieren. Bereits die grammatische Verweiblichung des „Selbstoptimierers“ kommt aus der Kraft der Eigenmacht.) Gay erwähnt Spider- und Superman, soweit ich es erkennen kann, geschieht dies ohne Ironie.

„Helden kämpfen … für Gerechtigkeit. Sie setzen sich ein für diejenigen, die sich nicht für sich selbst einsetzen können.“

Wollte George Zimmerman ein Held sein?

Gay kommt ziemlich plötzlich und abrupt auf jenen Nachtwächter, der 2012 Travyon Martin erschoss. Zimmerman verrichtete seinen Dienst in einer Gated Community ehrenamtlich.

Bald mehr.   

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